Rechtschreibdebatte Lechts und rinks velwechsern

Im Wirrwarr der Rechtschreibdebatte verheddern sich zunehmend auch die politischen Parteien. Vertreter der Union, eigentlich auf Reformschelte abonniert, kritisieren mittlerweile die Kritiker der neuen Schreibung. SPD-Politiker plädieren hingegen für die Rolle rückwärts - gemeinsam mit Prominenten von Udo Lindenberg bis Heino.


Regelpuzzle auf Deutsch: "Die Reform ist kaputt"
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Regelpuzzle auf Deutsch: "Die Reform ist kaputt"

"Manche meinen, lechts und rinks kann man nicht velwechsern, werch ein illtum", dichtete Ernst Jandl. Wer die aktuelle Rechtschreibreformdebatte verfolgt, muss zustimmen: Sowohl die deutschen Schreibweisen als auch die politischen Fraktionen geraten durcheinander. War Ablehnung der neuen Regeln bisher eher Unionssache, haben sich jetzt auch mehrere SPD-Politiker für eine Rücknahme der Rechtschreibreform ausgesprochen.

In der Regel lieber die Alte

Der SPD-Rechtsexperte Volker Neumann forderte heute in der "Bild"-Zeitung eine Rückkehr zu den alten Schreibweisen. Als Begründung dient das Traditionsargument: Fast die ganze deutschsprachige Literatur sei nach den bewährten Regeln verfasst. Der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Rainer Wend, kommt ebenfalls in der "Bild" zu Wort. Tenor: Statt der versprochenen Vereinfachung trete das Gegenteil ein - große Verunsicherung. Und auch Dieter Wiefelspütz, innenpolitischer Sprecher der Fraktion, nutzt die "Bild" als Forum für Reformschelte: Er denke nicht daran, sich von Bürokraten vorschreiben zu lassen, wie er richtig zu schreiben habe, so der Politiker. Die Sozialdemokraten sind mit ihrer Kritik in illustrer Gesellschaft: Die heutige "Bild"-Ausgabe präsentiert auf ihrer Titelseite 39 prominente Reformgegner von Jeanette Biedermann bis Heino.

Versierteste Stimme im Chor der Regelrebellen: Der Sprachkritiker und Journalistenlehrer Wolf Schneider. Schneider sieht die Rechtschreibreform als gescheitert an. "Die Reform ist kaputt", so der ehemalige Starjournalist in der "Bild". "Daran kommen auch die Ministerpräsidenten und Kultusminister der Länder nicht mehr vorbei." Die Politik müsse jetzt "umdenken, dem Druck weichen und auf die Mehrheit der Deutschen hören, die diese Reform ablehnen".

Nach Ansicht Schneiders sind die neuen Schreibregeln "reine Fummelei an unserer Sprache, eine Belästigung aller erwachsenen Mitglieder der deutschen Sprachgemeinschaft". Schneider bestritt, dass eine Rückkehr zur alten Schreibweise mit Kosten von angeblich 250 Millionen Euro zu teuer sei: "Das ist eine reine Propagandazahl. Die Kosten können - wie bei der Einführung der Reform - über Jahre gestreckt werden."

Kritik der Kritiker

Die hessische Kultusministerin Karin Wolff kritisierte unterdessen scharf die Kritiker der Rechtschreibreform. Im "Mannheimer Morgen" (Dienstagausgabe) machte die CDU-Politikerin ihrem Ärger über die Debatte Luft. Schriftsteller und Verlage hätten ihre Bedenken schon vor Jahren anmelden können. Es sei ferner zu wünschen, dass sich "viele, die sich so ereifern, um wichtigere Dinge kümmern würden". Den Zeitungsverlagen, die sich für die Wiedereinführung der alten Schreibweisen entschieden haben, warf die Ministerin die Inszenierung eines "Machtspiels" vor.

Außerdem sei eine komplette Rücknahme der umstrittenen Rechtschreibreform, wie von Kritikern gefordert, sowieso unmöglich. "Vielmehr müsste wieder eine Kommission gebildet werden, die wieder monatelang diskutiert und dann eine neue Rechtschreibreform verabschiedet", beschwerte sich Wolff.

Es gebe "de facto keine 'alte Rechtschreibung' mehr", sagte die CDU-Politikerin. Seit 1998 die neuen Regeln in einer Übergangsphase eingeführt wurden, habe sich der Wortschatz um 5000 Begriffe erweitert. "Zudem befürworten die Kritiker einige Änderungen wie das 'ss'", betonte Wolff. Der Rat für Rechtschreibung, der sich im Herbst konstituieren soll, soll die Rechtschreibung stattdessen weiter anpassen. In dem Gremium würden auch Kritiker sitzen, betonte Wolff.

Stellvertreter-Thema für Reformangst?

Die Politikerin verwies darüber hinaus auf Österreich und die Schweiz, wo ein Proteststurm gegen das neue Regelwerk ausgeblieben ist. Anders als in den Nachbarländern sei die "Rechtschreibreform (...) ein Stellvertreter-Thema für all die anderen Reformen, mit denen wir Deutsche uns zurzeit schwer tun."

Die sich ansonsten reformfreudig präsentierende FDP hingegen plädiert für eine Volksabstimmung. "Wir brauchen eine Volksabstimmung über die deutsche Rechtschreibung, denn die bisher damit befassten Institutionen haben versagt", erklärte Generalsekretärin Cornelia Pieper heute der Bild.

Von Versagen kann laut Klaus Heller, dem Geschäftsführer der Zwischenstaatlichen Rechtschreibkommission, allerdings keine Rede sein. Heller geht vom Bestand der Reform aus. Grund dafür sei auch "die Qualität der neuen Schreibung", wie der Germanist gestern Abend im SWR-Fernsehen erklärte. Unterstüzt wird die Reform auch vom deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben erklärte der "Berliner Zeitung" (Dienstagausgabe), eine komplette Rolle rückwärts würde die Verwirrung perfekt machen und Millionen-Kosten verursachen.



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