Rechtschreibdebatte "Wissen Sie, was das für mich heißt?"

"Arrogant" und "überflüssig" urteilen die einen, ein "Akt zivilen Ungehorsams" loben die anderen: Die Entscheidung von SPIEGEL, Springer-Verlag und der "Süddeutschen Zeitung" für die Rückkehr zur alten Rechtschreibung erhitzt die Gemüter. Hier einige Stellungnahmen unserer Leser.


 Zankapfel Rechtschreibung: "Das war überfällig!"
DPA

Zankapfel Rechtschreibung: "Das war überfällig!"

"Ich bin jetzt 17 Jahre alt, besuche ein Gymnasium und schloss dieses Jahr mit einem Noten-Durchschnitt von 2,1 ab. Ich muss sagen, ich bin sehr enttäuscht von Ihnen und Ihrer Zeitschrift. Wissen Sie, was das für mich heißt, wieder auf alte Rechtschreibung umzustellen? Ich wurde eingeschult mit ihr und musste in der 4. Klasse auf die neue umstellen. Und jetzt wird von mir verlangt, wieder auf die alte umzustellen, weil es irgendwelchen alten Leuten schwer fällt, trotz der Jahre, die schon vergangen sind, "dass" statt mit "ß" mit "ss" zu schreiben. Und überlegen Sie einmal was Ihr Egotrip für schwerwiegende Folgen für Schüler hat, die noch Diktate schreiben müssen!"
Florian Steffinger

"Danke! Ich muss Ihrem Vorhaben stehend applaudieren. Es gibt also doch noch Chuzpe bei meinungsbildenden Medien, dem Wahn und Realitätsverlust der Regulierenden die Stirn zu bieten. Endlich ziviler "Ungehorsam" (kann Sprache befohlen werden?), wo er sinnvoll und dringend nötig ist."
Betto Beckert

"Ich bitte Sie, Ihre Entscheidung über die Rückkehr zur alten Rechtschreibung noch einmal zu überdenken. Hat unser Kultusministerium wirklich soviel Geld, um die in den letzten fünf Jahren verteilten Schulbücher, Lexika, Duden und andere Bücher wieder durch neue in der alten Rechtschreibung zu ersetzen? Sollen unsere Kinder, die in der 5. Klasse sind, wieder zur alten Rechtschreibung zurückkehren? Wie soll ich meinem Sohn erklären, dass bei dem zusammengesetzten Wort Schifffahrt plötzlich ein f weggelassen werden soll?"
Eric Dietrich

"Wenn es die Politik nicht mehr schafft, demokratisch zu denken und zu handeln, dann ist es Aufgabe der Presse, vom Volk nie gewollte Reformen basisdemokratisch zurückzuführen. Ein großes Lob auf diese Art der gelebten Demokratie und Vernunft."
A. Koll

"Ich kann nur sagen, vielen Dank! Endlich hat mit dem SPIEGEL eine große deutsche Zeitschrift ein Zeichen gesetzt. Die Rechtschreibreform war von Anfang an idiotisch. Hoffentlich macht Ihr Beispiel Schule und läutet so das Ende dieser vom Bürger nicht mitgetragenen "Reform" ein! Natürlich werden sich, bei einer allgemeinen Rückkehr zur alten Rechtschreibung, die Kinder, die bis jetzt die neue gelernt haben, wieder umstellen müssen, aber das muss doch zu schaffen sein! Den Schülern alles immer leichter zu machen, wird sicherlich nicht zur Überwindung der Pisa-Krise beitragen."
Susan G. Menzel

"Ich finde Ihre Entscheidung, zur alten Rechtschreibung zu wechseln, arrogant. Als Deutschlehrer habe ich die Erfahrung gemacht, dass einiges leichter geworden ist: weniger Fehler bei größerer Klarheit. Das war wohl das Ziel der Reform. Wenn auch einzelne Unstimmigkeiten geblieben sind, so rechtfertigen sie nicht, die Reform derart besserwisserisch zu torpedieren. Mir bleibt unverständlich, warum Sie in diesem Ballett der Eingebildeten mittanzen. Meine Wertschätzung für Ihre journalistische Arbeit hat Ihr Vorgehen gleichwohl deutlich verringert."
Manfred Sackarndt

"Bravo! Das war überfällig. Die Vereinheitlichung der neuen Schreibweisen durch die Regelung der Nachrichtenagenturen war ein Anfang, um das Chaos zu bewältigen; der Widerstand der FAZ und die jetzige Entscheidung von Spiegel und Springer sind hoffentlich der nötige Stein, um die Lawine ins Rollen zu bringen. Der Duden versteht Sprache als lebendig und begründet damit Anpassungen von Wortschöpfungen und Schreibweisen durch kulturelle Strömungen. Die Rechtschreibreform war das Gegenteil, ein Oktroyieren zuvor nie verwendeter Schreibweisen - und eine riesige Geldverschwendung dazu, weder nötig noch gewünscht."
Mario Beyer



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