Rechtsextremismus-Verdacht Dirigent soll Bundesverdienstkreuz zurückgeben

Der international bekannte Dirigent Rolf Reuter könnte sein Bundesverdienstkreuz verlieren. Der Berliner Senat und der Bundespräsident prüfen den Vorwurf, Reuter unterhalte Kontakte zu Rechtsextremen. Der frühere Opernstar spricht von einer "Diffamierungskampagne".


Berlin - Die Karriere des 81-jährigen Reuter ist schon ein Weilchen her, aber die Liste seiner musikalischen Verdienste ist lang: Bis 1993 war er Generalmusikdirektor der Komischen Oper in Berlin, er hatte Gastauftritte von Buenos Aires über London bis Peking. 2000 erhielt er für sein musikalisches Wirken das Bundesverdienstkreuz erster Klasse, die höchste Auszeichnung der Republik.

Nun jedoch steht er unter Verdacht: Reuter soll seit Jahren Unterstützer der rechtsextremen Szene sein, berichteten heute "Berliner Zeitung" und "taz". Sie berufen sich auf Recherchen des antifaschistischen Pressearchivs "apa-biz". Demnach bewegt Reuter sich seit Mitte der neunziger Jahre in rechtsextremen Kreisen, nimmt an Unterschriftenaktionen teil und tritt als Referent bei einschlägigen Veranstaltungen auf.

Laut "Berliner Zeitung" referierte Reuter im Mai 2006 vor dem "Freundeskreis Ulrich von Hutten" zum Thema "Das Volkslied als Mutterboden der musikalischen Hochkultur". Zu den weiteren Rednern gehörte Lisbeth Grolitsch, eine ehemalige BDM-Gau-Unterführerin, die den rechtsextremen Kreis mitgegründet hat. Die Gruppe gibt unter anderem die "Hutten-Briefe" heraus, die sich als "das weltanschaulich führende Organ im nationalen Befreiungsringen der Deutschen mit der Zielrichtung einer Neuordnung des politischen und kulturellen Lebens der Nation" begreifen.

Unterstützung für Holocaust-Leugner

Auch bei der vom Verfassungschutz beobachteten Deutschen Kultur-Gesellschaft, die personell mit dem Hutten-Kreis überlappt, war Reuter laut "apa-biz" seit 2001 regelmäßig zu Gast. Zudem soll er durch Solidaritätsadressen rechtsextreme Verleger wie Andreas Röhler und Holocaust-Leugner wie Wigbert Grabert unterstützt haben.

Tom Schreiber (SPD), Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, forderte, Reuter sollten das Verdienstkreuz sowie die Ehrenmitgliedschaft der Komischen Oper aberkannt werden. Auf Schreibers Druck hin prüfen nun der Berliner Senat und das Bundespräsidialamt die Vorwürfe gegen den ehemaligen Chef-Dirigenten. Eine Sprecherin des Bundespräsidialamtes wollte keine näheren Angaben machen, bestätigte aber: "Der Vorgang wird geprüft."

Reuter: "Schande für das Land"

Der Stiftungsrat der Berliner Opernhäuser hat Reuter aufgefordert, bis zum 31. August Stellung zu den Vorwürfen zu nehmen. "Rechtsradikales Gedankengut ist mit der Komischen Oper keinesfalls vereinbar", sagte ein Sprecher. Grundsätzlich gelte die Unschuldsvermutung. Gleichzeitig werde alles getan, um den Sachverhalt zu klären. Die Hürden für eine Aberkennung eines Ordens seien aber sehr hoch. Jemand müsse strafrechtliche Delikte verübt haben oder ein unwürdiges Verhalten gezeigt haben.

Reuter selbst sprach von einer "Diffamierungskampagne", die er als "Schande für das Land" empfinde. Zu den Vorwürfen wolle er sich im Detail nicht äußern, solange er sich nicht juristisch habe beraten lassen, sagte er heute. Eine Erklärung seines Anwalts werde in den kommenden Tagen folgen.

Reuter ist seit 1993 Ehrenmitglied der Komischen Oper. Der Sohn des Komponisten Fritz Reuter wurde 1926 geboren, studierte in Dresden Musik und begann seine Karriere am Landestheater in Eisenach. Von 1983 bis 1993 war er Chefdirigent und Generalmusikdirektor an der Komischen Oper Berlin.

An der Berliner Hochschule für Musik "Hanns Eisler" hat Reuter noch einen kleineren Lehrauftrag. "Für uns gibt es keine erkennbaren Anzeichen", betonte eine Sprecherin mit Blick auf die Vorwürfe des Rechtsextremismus. Sollten sich diese bestätigen, werde die Hochschule reagieren.

cvo/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.