Ferda Ataman

Studie zu rechten Einstellungen Wo bleibt das Antivirus-Programm?

Der Rechtsextremismus infiziert die Mitte der Gesellschaft. Leider haben unsere Politiker offenbar wenig Lust darauf, sich mit diesem Problem zu beschäftigen.
Reichstag in Berlin

Reichstag in Berlin

Foto: TRUEBA/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Wetten, dass diesen Artikel nicht viele Leute lesen? Rechtsextremismus ist ein Abtörner. Davon wollen die Leute nichts hören. Deswegen gibt es wenig Talkshows, Dokus und Filme darüber - die Quoten sind nicht gut. Außerdem interessiert es viele Menschen nicht, weil sie es für unwichtig halten. Viele glauben, dass sich extrem rechte Einstellungen nur am äußersten Rand der Gesellschaft finden. Jedenfalls nicht in der Mitte. Die ist moralisch sauber - sonst würde sie ja nicht "Mitte" heißen.

Das ist zwar falsch, aber so denken wohl die meisten. Dass ultrarechte Weltbilder immer salonfähiger werden, scheinen sie dabei zu verdrängen. "Rechtsextrem" gilt weiterhin als Synonym für gewaltbereite Glatzköpfe mit Bierflasche und Baseballschläger.

Vor Kurzem hat die Friedrich-Ebert-Stiftung eine nicht unumstrittene Studie mit einem provokanten Titel herausgebracht : "Verlorene Mitte, Feindselige Zustände - Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland". Zentrales Ergebnis: Völkische Denke hat zugenommen, und immer mehr Menschen stimmen "menschenfeindlichen Aussagen" zu. Im Vorwort steht, "dass rechtsextreme, -populistische und demokratiefeindliche Einstellungen und Tendenzen in der Mitte tief verwurzelt sind".

Das rührt an unserem Selbstbild. Wir Deutschen glauben von uns, dass wir alles Ultrarechte 1945 mit dem Ende des Nationalsozialismus überwunden haben. Mit dem braunen Bodensatz will heute niemand mehr was zu tun haben. Im Grunde ist der Antifa-Spruch "Kein Bock auf Nazis" ein Lebensmotto der bürgerlichen Mitte. Und leider auch der bürgerlichen Politik.

So gesehen ist es nicht überraschend, dass die unangenehmen Ergebnisse der Studie prompt angezweifelt wurden. Die Auslegung der Mitte-Studie sei "unfassbar dumm", erklärte zum Beispiel Sigmar Gabriel . Das habe "mit Wissenschaft nichts zu tun". Was zu einem Ergebnis dieser Studie passt: "Jede zweite Person gibt an, den eigenen Gefühlen mehr zu vertrauen als Expert_innen."

Nachhaken verboten

Auch die "Bild"-Redaktion wollte die verlorene Ehre der deutschen Mitte retten und titelte groß  auf Seite eins: "ZDF-Kleber entlarvt Asyl-Studie. Wie Forscher durch geschickte Fragen jeden zweiten Deutschen zum Fremdenfeind machen." Dass es keine Asyl-Studie war und Claus Kleber in den Abendnachrichten nicht entlarvt, sondern nur kritisch nachgehakt hat, war offenbar egal.

Ich kann nicht beurteilen, ob die Studie methodische Schwächen hat. Empirische Forschung ist komplex und kritische Nachfragen sind immer berechtigt. Aber statt beleidigt den moralischen Kompass der Mitte zu verteidigen, könnte man - nur so eine Idee - Experten zum Studiendesign befragen.

Oder man könnte schauen, was andere Studien ergeben, die sich mit dem Thema befassen, zum Beispiel die Leipziger Autoritarismus-Studie  oder das Populismus-Barometer der Bertelsmann-Stiftung . Die kamen 2018 nämlich unterm Strich zum gleichen Ergebnis: Hardcore-rechte und demokratiefeindliche Einstellungen finden sich überall. Sie sind eine Minderheit, aber kein Randphänomen. Auch das Bundesamt für Verfassungsschutz warnte jüngst in einer Analyse davor, dass Radikalisierung und Gewaltbereitschaft immer weitere Kreise ziehen.

Der Kampf um die heilige Mitte

Vielleicht müssen wir kurz klären, was gesellschaftliche "Mitte" heißt, schließlich buhlen alle um sie . Die Mitte ist die heilige Kuh der Politik. Wer sie für seine Anliegen in Anspruch nehmen kann, hat es gut. Nur wer ist "die Mitte"? In den Achtzigerjahren hätte man das wohl beschreiben können mit: alle, die keine Neonazis oder Kommunisten wählen. Heute ist das nicht so einfach. Kommunisten gibt es kaum noch, und die NPD hat politisch nichts mehr zu melden - allerdings nur deshalb, weil ihre Klientel in großer Zahl zur AfD migriert ist.

Die AfD aber wehrt sich mit Händen und Füßen dagegen, als rechtsaußen abgestempelt zu werden, weil sie unbedingt anschlussfähig bleiben will für die Mitte. Sie hat bei ihrem Lieblingsmeinungsforschungsinstitut Insa eine Analyse in Auftrag gegeben und rausgefunden, dass 61 Prozent ihrer Wähler ein Problem damit hätten, wenn ihre Partei vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Aber - und jetzt wird's spannend - nur Wenige stört, dass sie sich nicht vom rechten Rand abgrenzt (28 Prozent). Also Nazi-Vokabeln und andere Schmusereien mit Extremisten finden die meisten AfD-Anhänger okay - solange sie nicht als rechts eingestuft werden.

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Ataman, Ferda

Ich bin von hier. Hört auf zu fragen!

Verlag: S. FISCHER
Seitenzahl: 208
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Man könnte das als Beleg für die Extremisierung der Mitte sehen. Aber offenbar scheuen sich manche bürgerlichen Politiker davor  und versuchen lieber, Rassisten mit einer härteren Flüchtlingspolitik zu beschwichtigen. Vielleicht weil Wahlkampf ist (aber wann ist schon keiner?), ziehen sich viele lieber Samthandschuhe an, wenn sie die Mitte erreichen wollen. Bloß niemandem auf die Füße treten. Rassisten sind zerbrechliche Wesen. Nur: Rechtsradikale werden nicht weltoffener durch mehr Abschiebungen - sie fühlen sich dadurch bestätigt. Untersuchungen wie die Mitte-Studie zeigen das sehr gut.

Wahlkampf hin oder her, das eigentliche Problem betrifft nicht nur Politiker, sondern uns alle: Wir glauben einer rechtsextremen Gesinnung erst, wenn sie mit fahnenschwenkenden Fackel-Nazis daherkommt, wie neulich in Plauen . Und wir wollen partout nicht wahrhaben, was nicht sein darf: dass das Problem größer ist, als ein paar "Spinner" am rechten Rand in Ostdeutschland.

Dabei vernachlässigen wir das eigentliche Thema der Stunde: die Bedrohung unserer Demokratie. Das anzuerkennen, wäre ein erster, hilfreicher Schritt.

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