Konservatives Denken Lasst euch doch nach vorgestern beamen

Frauenwahlrecht, Gender Studies und Ehe für alle: Einigen Menschen erscheinen diese Errungenschaften zu modern. Reisen in die Vergangenheit könnten helfen - mit einer Ausnahme.

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Eine Kolumne von


Ich bete jeden Tag zu den Physikerinnen und Physikern, dass sie endlich Zeitreisen möglich machen, weil man politisch damit so viel reißen könnte. All die Backlash-Vögel, die zurück wollen in andere Jahrhunderte oder Jahrzehnte - wie schön wäre es, sie könnten das tatsächlich und müssten nicht in der Gegenwart Unheil anrichten.

Manchmal wollen sie vielleicht nur provozieren, wer weiß. Keine Ahnung, was die Leute von Lego sich gedacht haben, als sie die Werbekampagne planten, mit der sie Bausätze für Spielzeugkräne anpreisen wollten: "So kompliziert wie eine Frau. Aber mit Bedienungsanleitung." Gepostet im Jahr 2018 auf Instagram, mit Retro-Humor, mit dem die Leute von Lego es sich im Jahr 1998 so viel gemütlicher machen könnten, als man noch dachte, dass Männer nicht zuhören können und Frauen nicht einparken.

Andere wollen ziemlich sicher nicht nur provozieren. In Ungarn hat Viktor Orbán gerade das Studienfach Gender Studies abgeschafft, weil es angeblich die Fundamente der christlichen Familie untergrabe. Ziemlich fragile Fundamente, wenn sie von den wenigen Lehrenden und Studierenden, die es in Ungarn in Gender Studies gibt, bedroht werden. Es ist derselbe Orbán, der vor ein paar Jahren gern die Todesstrafe wieder einführen wollte und der seine Medienlandschaft nur gleichgeschaltet erträgt. Man müsste ihn schon ein ganzes Stück weiter zurückreisen lassen als die PR-Abteilung von Lego.

Als Reisebegleitung für Orbán böte sich die AfD an, die von Gender Studies ähnlich viel hält wie die autoritäre Regierung in Ungarn. Die AfD will ebenfalls diverse Errungenschaften dieses Jahrhunderts abschaffen, unter anderem die Ehe für alle. Am 11. Oktober brachte die Fraktion einen Antrag im Bundestag ein, demzufolge die Ehe für alle grundgesetzwidrig sei.

"In Artikel 6 Absatz 1 des Grundgesetzes werden ausdrücklich Ehe und Familie unter den besonderen Schutz der staatlichen Ordnung gestellt. Aus diesem Wortlaut ist klar die Absicht des Verfassungsgesetzgebers zu erkennen, die Ehe an die Geschlechterverschiedenheit der Ehepartner zu binden", so lautete die Halluzination im Wortlaut des Antrags, und man hätte da aus reiner Neugier gern gehört, wie Fraktionschefin Alice Weidel dazu eine Rede hält, ohne zu Staub zu zerfallen.

Frauenwahlrecht? Lieber nicht!

Es gibt ja Grundrechte, von denen glaubt man, dass sie inzwischen niemand mehr ernsthaft infrage stellt. In Deutschland feiert man in diesem Herbst 100 Jahre Frauenwahlrecht. Um eine Podiumsdiskussion zu dem Thema vorzubereiten, telefonierte ich neulich mit einer Veranstalterin, die feststellte, dass die andere Podiumsteilnehmerin - Justizministerin Katarina Barley - und ich vielleicht ganz ähnliche Meinungen zu dem Thema hätten, und ich sagte: "Na ja, wir müssen ja kein Pro und Contra Frauenwahlrecht machen: War das eine gute Idee oder nicht?", und das war eigentlich als Witz gemeint, aber es gibt auch solche Positionen.

Die rechte Autorin Caroline Sommerfeld schrieb im Sommer vergangenen Jahres in der rechten "Sezession" darüber, dass sie die Idee, das Frauenwahlrecht wieder abzuschaffen, gar nicht so abwegig fände: "Es entspricht meiner weiblichen Natur, Männer für mich entscheiden zu lassen. (...) Wenn die Männer - wie alle Wahlanalysen lehren, USA, Frankreich, Österreich, Deutschland - vernünftiger wählen als die Frauen, ist alles dazu angetan, das Wahlrecht zu ändern." Im 19. Jahrhundert würde sich bestimmt noch ein Plätzchen für sie finden.

Nur für manche Leute wird die Sache mit den Zeitreisen schwierig. Die Trump-Regierung plant in den USA gerade neue Richtlinien, die Transgeschlechtlichkeit einfach wegdefinieren wollen. Als gäbe es diese Menschen nicht. Man wird allerdings keinen Zeitpunkt in der Geschichte finden, zu dem es keine Trans-Personen gab. Für solche Fälle müsste man dann statt Zeitreisen andere technische Möglichkeiten finden, aber auch da besteht Hoffnung. Es soll ja demnächst möglich werden, Leute zum Mars zu schicken.

insgesamt 89 Beiträge
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anja-boettcher1 23.10.2018
1. Ignoranz der sozialen Basis gesellschaftlichen Lebens
Wir leben in einer Zeit, in der eine wachsende Anzahl von Menschen, vor allem von Müttern und Kindern, in Deutschland, in Europa und im Rest der Welt, in sozialer Prekarität lebt. Im globalen Süden ist der Anteil der Menschen, die keinen Zugang mehr zu sauberem Wasser haben, steil im Aufstieg. Hauptbetroffene auch hier: Frauen mit kleinen Kindern in den am stärksten tangierten Regionen der Welt. Gleiches gilt für die Betroffenheit durch Zunahme von Kriegen, Bürgerkriegen und Staatserosion. Haben Frauen, die deren Opfer sind, irgendetwas davon, wenn da die Hälfte der Managerinnen in westlichen Rüstungskonzernen weiblich sind? Das ist doch ein Scheingefecht! Ich habe etwas gegen jede Zunahme von rechtem Chauvinismus. Aber letztendlich ist der Output an Inhumanität der gegenüber Krieg, Bürgerkriegen und sozialen Verwerfen gleichgültigen Scheinliberalen auch nicht wesentlich geringer. Mir geht der vorherrschende Zynismus einer an den realen Problemen der Menschen vorbeigeührte Diskurs im Kampagnenstil so gründlich gegen die Hutschnur, wie vielen meiner Bekannten, dass ich mich manchmal ernsthaft frage, ob es gewünscht ist, dass wir im medialen Dauerfieber an den entscheidenden politischen Zumutungen durch ein geschicktes "Aufmerksamkeitsmanagement" (Prof. Michael Meyen) vorbeinavigiert werden sollen. 'Divide et impera' nannten dies schon die alten Römer. Demokratie hatten sie damit jedenfalls nicht im Sinn, sondern nur den Erhalt von Hegemonie.
Sensør 23.10.2018
2. ... logo, Lego.
Es war eine Arbeitskollegin, die mir vor ein paar Jahren kopfschüttelnd berichtete, das sie im Hamburger Lego-Store ausschließlich erwachsene Männer gesehene hatte. Ich denke, das Konzept der Lego-Werbekampagne war die Erkenntnis, das viele Männer eben etwas zurückgeblieben sind. Diese Art von Männern nennen ihre Ehefrau dann auch "meine Regierung". Weil dies zu schreiben wohl nicht mehr politisch korrekt ist, sind jetzt wohl Kolumnen wie diese notwendig geworden.
vulcan 23.10.2018
3. Das war's?
Komischer Artikel - wenig Substanz. Lego-Werbung? Kennt kein Mensch mehr, die olle Werbung. War aber witzig. Abschaffung Studienfach Gender Studies? Sehr vernünftig - noch überflüssiger ist vielleicht noch Altgriechisch oder sowas. Frauenwahlrecht? Kein Thema mehr, oder? Zumindest nicht hier. Sie finden dazu ja auch nur irgendwelche obskuren Einzeläußerungen. Was soll das also? Und nebenbei: Nicht alles, was neu, hip oder sonstwie gerade en vogue ist, ist auch zwingend sinnvoll...oder gut.
Phil2302 23.10.2018
4. Differenzieren
Frauenwahlrecht abschaffen? Ich habe - bis auf die hier verlinkte Person - noch nie gehört, dass das noch jemand unterstützt, und das ist auch ganz sicher weder eine konservative noch eine rechte Position. Bei der Ehe für alle sieht es anders aus. Ich bin absolut für die Ehe für alle (und auch insbesondere dafür, dass homosexuelle Paare adoptieren dürfen), aber bei vielen, die dagegen sind, ist es religiös begründet. Das wird sich also auch in Zukunft nicht ändern, nicht umsonst ist in Ländern, in denen die Religion noch einen großen Einfluss hat, Homosexualität im Allgemeinen strafbar. Aber, und jetzt kommt das große Aber: Gender Studies sind Das absolute Gegenteil von Wissenschaft. Ich habe Physik und Mathematik studiert und glaube daher, eine gewisse Ahnung zu besitzen, was wissenschaftliches Arbeiten ist, und Gender Studies ist es nicht. Das Problem ist: Gender Studies forschen nicht nach neuen Erkenntnissen, sondern sie setzen etwas voraus (je nachdem zum Beispiel "es existiert kein Geschlecht", oder eben "es gibt beliebig viele Geschlechter", was letztlich aufs Gleiche hinausläuft) und versuchen dann durch das Ignorieren von Fakten, die ihnen widersprechen, ihre These waghalsig zu begründen. Also ist es nur folgerichtig, dieses "Forschungsgebiet" abzuschaffen.
Mira Quli 23.10.2018
5. Ein bisschen kurz geraten, ...
... Ihr Artikel, Frau Stokowski. Es gäbe doch noch viele andere Zeitpunkte zum Zurückbeamen: Keine Autos zum Beispiel (vor 120 Jahren), keinen Kohlestrom (vor 130 Jahren), keine Atomenergie (vor 70 Jahren), Linksverkehr in Schweden (vor 50 Jahren).
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