Redaktionsrevolte "Berliner Zeitung" erscheint nur als Notausgabe

Redaktionsrevolte bei der "Berliner Zeitung": Das Blatt soll am Dienstag nur als "Notausgabe" erscheinen. Die Redaktion will damit gegen die Bestellung des neuen Chefredakteurs, Josef Depenbrock, protestieren..


Berlin - Wer Dienstag früh die "Berliner Zeitung" kauft, wird eine Notausgabe mit zwölf Seiten in der Hand halten. Auf der ersten Seite kann er einen redaktionellen Hinweis lesen. Darin werden die Leser um Verständnis gebeten, hieß es in einer am Montag veröffentlichten Erklärung der "Berliner Zeitung". Die Redaktion wolle mit der "besonderen Form" ihre Sorge über die Zukunft der Zeitung zum Ausdruck bringen. Das Blatt erscheine "ohne jeglichen redaktionellen Text" und werde vor allem aus Agenturmaterial bestehen.

Neuer Chefredakteur Josef Depenbrock: "vor vollendete Tatsachen gestellt"
DDP

Neuer Chefredakteur Josef Depenbrock: "vor vollendete Tatsachen gestellt"

Hintergrund ist der Wechsel in der Chefredakteursetage bei der "Berliner Zeitung", der offenkundig ohne jede Mitsprache der Redakteure veranlasst wurde und gegen den diese protestieren wollen. Die Eigentümer des Berliner Verlags hatten den Angaben zufolge Josef Depenbrock, den früheren Geschäftsführer der "Hamburger Morgenpost", zum Nachfolger von Uwe Vorkötter ernannt. Vorkötter hatte im Konflikt mit den neuen Inhabern der "Berliner Zeitung" schon nach kurzer Zeit wieder das Handtuch geworfen.

Mitten in die Verhandlungen um ein Redaktionsstatut, das die Zusammenarbeit zwischen Redaktion und Geschäftsführung verbessern sollte, seien die Mitarbeiter durch die Ernennung Depenbrocks "vor vollendete Tatsachen" gestellt worden, heißt es in der Erklärung. Die Geschäftsführung habe Fakten geschaffen, die die Redaktion " in hohem Maße erschütterten", sagte Schulte. Das Gespräch sei zunächst abgesagt worden. Er bekräftigte jedoch den Willen, zu einem späteren Zeitpunkt die Verhandlungen aufzunehmen.

Protest gegen Interessen-Verquickung bei Depenbrock

Einer der zentralen Punkte des Redaktionsstatuts sei ein Vetorecht der Redaktion bei der Berufung der Chefredaktion, "um damit die Qualität und die publizistische Unabhängigkeit der Zeitung zu schützen", schrieb die Redaktion. Sie hatte ihren Angaben zufolge Geschäftsführer Peter Skulimma zuvor gebeten, "vor Abschluss der Verhandlungen keinen neuen Chefredakteur zu berufen". Die Redaktion protestiert auch dagegen, dass Depenbrock neben seiner Tätigkeit als Chefredakteur auch der Geschäftsführung der BV Deutsche Zeitungsholding angehören werde, an der er Anteile halte. Sie werde dafür kämpfen, dass die Verquickung "redaktioneller und wirtschaftlicher Interessen" auch unter der neuen Führung nicht zum Verlust journalistischer Qualität führe, erklärte die Redaktion.

Zwei Investmentgesellschaften um den umstrittenen britischen Ex-Verlagschef David Montgomery hatten die "Berliner Zeitung" im vergangenen Herbst vom Holtzbrinck-Verlag ("Zeit", "Tagesspiegel") gekauft. Die Beschäftigten des Verlags, zu dem unter anderem auch eine Druckerei und das Stadtmagazin "Tip" gehören, fürchten nun einen drastischen Stellenabbau. Bisher äußerte sich Montgomery aber nicht konkret zu solchen Plänen.

fok/AP/ddp/AFP  



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