Regiestar Herbert Fritsch Bühnen-Anarchist unter Volldampf

Anarchisch und klamaukig, der Name Herbert Fritsch steht für Volldampf-Theater. Früher hat er es als Schauspieler krachen lassen, heute rockt er als Regisseur die Säle. Seinen umstrittenen Gastspielen beim Berliner Theatertreffen folgt nun eine neue Premiere.

Silke Winkler

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Er ist der älteste Nachwuchsstar des Theaterjahres: Herbert Fritsch, 60. In den neunziger und den Nullerjahren war er einer der Extremschauspieler in den Inszenierungen von Frank Castorf an der Berliner Volksbühne, verehrt von den einen, verachtet von den anderen; nun hat er eine zweite Karriere als Regisseur gestartet - und ist bis zum Berliner Theatertreffen vorgestoßen, der jährlichen Bestenschau der deutschsprachigen Bühnen, zusammengestellt von einer Jury renommierter Theaterkritiker. Als einziger Regisseur hat er in diesem Mai dort zwei Inszenierungen zeigen dürfen, noch dazu zwei Inszenierungen mit Ensembles aus der Provinz: "Nora" aus Oberhausen und "Der Biberpelz" aus Schwerin. Ein Ritterschlag.

Wer die Eröffnungsfeier des Theatertreffens besuchte, am 6. Mai, erlebte einen stolzen, einen fröhlichen Fritsch, der heller strahlte als die Lampions in den Kastanienbäumen vor dem Haus der Berliner Festspiele. Wer die Theatertreffen-Premiere der Schweriner "Biberpelz"-Inszenierung besuchte, am 8. Mai, erlebte einen Dämpfer, wie er deutlicher kaum hätte ausfallen können. So jedenfalls berichten es die, die dabei waren.

Theaterhelden von gestern und heute

Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles, brüllte in den Schlussapplaus hinein: "Werde wieder Schauspieler, Herbert! Regie kannst Du nicht!" Tags darauf legte er im Interview mit "Bild" nach: "Fritsch ist ein toller Schauspieler. Er ist witzig und frech, aber das war eine gebrüllte dilettantische Albernheit. Das ist dumm, laut und blöd. Es war furchtbar, reine Körperverletzung." Nun ist Peymann einer jener Theaterhelden von gestern, aus deren Mund einem Theaterhelden von heute ein Lob womöglich peinlicher wäre als eine Kritik. Allein: Peymann stand mit seiner Kritik dieses Mal nicht alleine. Etliche Zuschauer buhten Fritsch aus, unter anderem, weil die Akustik auf der Seitenbühne des Festspielhauses so schlecht war, dass sie kaum einen Satz seiner Schauspieler verstanden hatten. Außer Peymann sprachen auch andere Theaterprofis von einem Debakel, allerdings im Flüsterton, hinter vorgehaltener Hand.

Das Theatertreffen läuft noch bis Montag, 23. Mai, doch der rastlose Regisseur Fritsch, der allein im vergangenen Jahr sechs Inszenierungen rausgehauen hat, ist längst einen Schritt weiter; in Schwerin bereitet er sich auf seinen nächsten Regie-Streich vor: Carlo Goldonis Lustspiel "Der Diener zweier Herren", das als Höhepunkt der Commedia dell'arte gilt. Premiere ist noch diese Woche. Wie Fritsch und das Ensemble den Berliner Rückschlag wohl wegstecken werden?

Wir wagen eine Prognose: überhaupt nicht. Die Helden im Fritsch-Theater stecken nichts weg, nicht einfach so, sie verstecken nichts, sie fressen nichts in sich hinein. Nein, die Helden im Fritsch-Theater zeigen, dass sie getroffen sind, vom Leben und seinen Zumutungen, und dann schlagen sie zurück. Das ist die Logik, nach der das Fritsch-Theater funktioniert, das ist seine Botschaft, seine Philosophie. Im Interview mit dem KulturSPIEGEL hat Fritsch das so auf den Punkt gebracht: "Dranbleiben an der Szene! Nicht runterfallen lassen! Weiterleben! Weiter! Weiter! Weiter! Dieses Lebensgefühl, das interessiert mich."

Grimassen und hysterische Ausbrüche

Das Fritsch-Theater ist Volldampf-Theater, radikal künstlich, klamaukig, anarchisch. Es setzt auf die Schauspieler: auf ihre Gesten, Grimassen und hysterischen Ausbrüche. Lockere, coole, authentische Schauspieler hingegen mag Fritsch nicht: "Bei mir ist Krampf Trumpf." Da kann etwas mehr Druck sicher nicht schaden.

Und wenn es doch schiefgeht? Dann ist auch das kein Drama, weil die nächsten Aufträge schon auf Fritsch warten: An der Berliner Volksbühne inszeniert er "Die spanische Fliege", am Schauspiel Köln "Puntila und sein Knecht Matti", am Hamburger Thalia Theater "Der Raub der Sabinerinnen" und im Theater Oberhausen "Emilia Galotti". Alles noch dieses Jahr. "Das hat den Vorteil, dass man seine Arbeit nicht zu wichtig nimmt, dass man die Ehrfurcht verliert. Gleich ran, einfach machen, machen, machen, am laufenden Band."

Fritsch ist kein Bühnen-Perfektionist, er ist Bühnen-Anarchist. Der wohl frischeste, den wir zurzeit haben. Im Alter von 60 Jahren.


"Der Diener zweier Herren". Premiere am Freitag, 20. Mai, um 19.30 Uhr, Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin, Großes Haus, Alter Garten 2, weitere Aufführungen am 22. und 26. Mai sowie am 24. und 25. Juni, Karten unter Telefon 0385/530 01 23.



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