Regiewechsel Betriebsrat bangt um Babelsberg

Die Filmstudios Babelsberg werden verkauft, der Betriebsrat ist empört. Die neuen Eigentümer Carl Woebcken und Christoph Fisser gelten als waghalsige Strategen mit wenig Erfahrung im Filmgeschäft - die Babelsberger bangen um Renommee, Geld und Arbeitsplätze.

Potsdam - Der geplante Verkauf von Studio Babelsberg an zwei Münchner Investoren sorgt im Unternehmen für Unruhe und Besorgnis. Der Betriebsrat appellierte in einem Offenen Brief an Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), sich für den Erhalt des Unternehmens einzusetzen.

Die neuen Investoren Carl Woebcken und Christoph Fisser hätten bei ihren bisherigen wirtschaftlichen Engagements "Pleiten und Prozesse" hinterlassen, heißt es in dem Schreiben, das heute dem Bundeskanzleramt übergeben wurde. Ferner hätten die Investoren im Filmbereich kein Know-how aufzuweisen. Unklar sei, ob sie über die notwendige Kapitaldecke verfügten, um dem Studio entscheidende Impulse zu geben.

Offener Brief zum Rollenwechsel

Zwar sei die grundsätzliche Entscheidung des bisherigen Eigentümers, des französischen Konzerns Vivendi, für Woebcken und Fisser bereits gefallen. Dennoch biete die Ausarbeitung des Kaufvertrags zahlreiche Möglichkeiten, den Fortbestand des Studios und seiner Arbeitsplätze zu sichern, betonte Betriebsratsvorsitzender Jan-Peter Schmarje. Er appellierte an Schröder, Studio Babelsberg zur "Chefsache" zu machen und seine guten Kontakte zum französischen Präsidenten Jacques Chirac für ein offenes Gespräch zu nutzen.

Die aktuelle Entwicklung gebe "größten Anlass zur Sorge" um die Zukunft des Produktionsstandortes und die 220 festen Arbeitsplätze. Während die Vorbereitungen für die Paramount-Produktionen "Mission Impossible 3" und "Aeon Flux" liefen, werde offensichtlich "auf der Gesellschafterebene der Dolchstoß beschlossen". Große Projekte, die das Studio zum Überleben brauche, seien mit der Entscheidung von Vivendi gefährdet. Damit verbunden seien Einbußen der Länder von jährlich rund 100 Millionen Euro.

Der Offene Brief sei eine "sehr spontane" Aktion gewesen, erklärte Schmarje. Ziel sei es, den Investoren zu zeigen, dass sie in Babelsberg mit einem starken Partner rechnen müssten. Sie sollten gezwungen werden, in Babelsberg "ein vernünftiges Konzept zu fahren". Außerdem sei ein "gesundes Misstrauen" gegenüber den neuen Eigentümern durchaus angebracht, wie Schmarje betonte.

So habe Woebcken in den neunziger Jahren die Strömungsmaschinen Pirna GmbH übernommen, die anschließend Pleite gegangen sei. Der Unternehmer fungiert mittlerweile als Geschäftsführer der BAF Berlin Animation Film GmbH, die für den von der Dresdner Bank aufgelegten BAF-Filmfonds Zeichentrickfilme produziert. Wie die "FAZ" heute berichtete, sei Woebcke auch hier mit seinen Projekten zeitlich und finanziell in Bedrängnis geraten.

Vivendi hatte die legendären Filmstudios für den symbolischen Preis von einem Euro verkauft und dazu 18 Millionen Euro Altschulden übernommen. Die neuen Besitzer, eine Investorengruppe unter Führung von Woebcken und Fisser, sind in Babelsberg bislang nicht bekannt. Was ihre Pläne angeht, halten sie sich bisher bedeckt. Am Mittwoch werden die neuen Eigentümer zu ihrem Antrittsbesuch in den Filmstudios erwartet.

Deutsch-deutsche Filmgeschichte

Der Inhaberwechsel leitet die nächste Ära in der ereignisreichen Geschichte des Studios ein, das zu den ältesten Produktionsstätten in Europa gehört. Am Anfang stand das 1911 vom Unternehmen Deutsche Bioscop errichtete "gläserne Filmatelier" in Babelsberg, im Kriegsjahr 1917 folgte die Gründung der Universum Film AG, der so genannten Ufa.

1923 wurde für Fritz Langs Mammutproduktion "Metropolis" eine neue Studiohalle errichtet, die das Zentrum der heutigen Anlage bildet. Ab 1929 eroberten die ersten Tonfilme aus Babelsberg die Leinwand: Willy Fritschs "Melodie des Herzens" machte den Anfang, weltberühmt wurde die Ufa allerdings im Jahr 1930 mit Marlene Dietrich und Emil Jannings in Josef von Sternbergs "Der blaue Engel".

Die Nazis nutzen die technischen Möglichkeiten des jungen Mediums auf breiter Front: Zwischen 1933 und 1945 produzierten die Studios statistisch gesehen über 30 Filme im Jahr. Nach dem Ende des 2. Weltkriegs wurde das Ufa-Gelände von russischen Einheiten der Roten Armee besetzt, 1946 erteilte die sowjetische Militäradministration eine Produktionslizenz und die Deutsche Filmaktiengesellschaft (Defa) wurde gegründet.

Bis 1990 produzierte die Defa Film AG rund 700 Filme in der DDR, 1992 privatisierte die Treuhand das Studio an Générale des Eaux, den heutigen Vivendi-Konzern. Auf der Suche nach Käufern ist das defizitär arbeitende Studio schon lange - jetzt übernehmen zwei Käufer die Regie, die weniger mit Filmerfolgen als mit filmreifen Pleiten von sich reden machten.

Sandra Schipp, ddp

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