Margarete Stokowski

S.P.O.N. - Oben und unten Deine Mutter hält die Klappe

Mütter, die bereuen, Kinder bekommen zu haben - die Debatte um "Regretting Motherhood" will kein Ende finden. Und bringt erstaunliche Gehässigkeiten hervor.

Man weiß nicht, was Maria dachte, als sie unten am Kreuz stand, an dem oben ihr Sohn hing. Man weiß nur, dass heute in der Wikipedia zu ihr steht, der Hauptgrund für die spätere Marienverehrung seien "Marias Demut und Furcht, ihr Glaube sowie ihre vertrauensvolle Zustimmung, mit der sie sich in Gottes Plan fügt". Nun ließe sich behaupten, dass Demut und das Einfügen in Gottes Plan nicht mehr ganz aktuelle Mutterideale sind, aber möglicherweise trügt der Schein.

Denn die aktuelle Diskussion um "Regretting Motherhood", also das Bereuen von Mutterschaft, bringt bisweilen Äußerungen hervor, deren einzige Botschaft an Mütter ist: Stellt euch mal nicht so an. Das klingt lässiger als "Seid demütig", meint aber nicht viel anderes.

"Regretting Motherhood", so heißt das Buch der israelischen Soziologin Orna Donath (ihr wissenschaftlicher Aufsatz zum Thema erschien bereits vor einem Jahr, nun gibt es das deutsche Buch dazu). Donath hat Interviews mit 23 Frauen geführt , die es bereuen, Mutter geworden zu sein. Das ist in Israel, wo die Studie durchgeführt wurde und wo eine Frau im Schnitt drei Kinder bekommt, etwas anderes als in Deutschland, wo es 1,5 Kinder sind. Trotzdem ist Deutschland das Land, in dem die Debatte besonders heftig geführt wird. Israel sei noch nicht so weit, hat Donath letzte Woche auf der Leipziger Buchmesse erklärt: Kein Kind zu haben, sei dort für die meisten schlicht keine denkbare Option.

Außer Donaths Buch sind noch weitere Bücher zum Thema erschienen: "Die Mutterglück-Lüge" von Sarah Fischer und "Die falsche Wahl" von Esther Göbel, außerdem im letzten Herbst die beiden Romane "Mädchen für alles" von Charlotte Roche und "Lasse" von Verena Friederike Hasel.

Alles, was einen Hashtag hat, lässt sich geil belächeln

Die Reaktionen darauf sind bisweilen auffällig gehässig. Die Studien und Erzählungen werden als Rumgeheule abgetan, vielleicht auch, weil es den Hashtag #regrettingmotherhood  gibt, und alles, was einen Hashtag hat, lässt sich geil belächeln.

Auf "Zeit Online" erklärte Susanne Mayer , irgendwelche narzisstischen Muttis würden "zu viel Instagram gucken" und sich durch ihre Kinder beim "Ichsein" gestört fühlen, und: "Wurde nicht vor hundert Jahren das Wahlrecht für Frauen erkämpft, damit sie politisch handeln, statt zu jammern?"

Faz.net gönnte sich in den vergangenen drei Wochen ganze drei Texte zum Phänomen "Regretting Motherhood": eine Besprechung , die die Debatte für einen sinnlosen und grotesken Hype hält, eine weitere , die vom "schicken Hashtag #regrettingmotherhood" spricht und davon, dass es doch aber auch Mutterglück gäbe (als hätte das irgendjemand bestritten) und dann noch "Anmerkungen zur Merkwürdigkeit der Debatte"  von Edo Reents, der sich so denkbar blöd dabei anstellt, das Buch von Orna Donath zu verstehen, dass es beim Lesen wehtut. Ob es jetzt Pflicht für Mütter sei, ihre Mutterschaft zu bereuen, fragt er. Nein, Mann.

Rücksichtslos, brutal und herzlos findet Reents die Frauen, die darüber sprechen, dass sie ihre Mutterschaft bereuen: "Es ist nicht erstrebenswert, dass man so etwas in der Öffentlichkeit sagen kann, selbst anonym nicht." Die betroffenen Frauen könnten laut Reents "statt zum Psychiater auch zu einem Philosophen mit Schwerpunkt Logik gehen", der ihnen erklärt, dass Kinderkriegen nicht rückwärts geht.

Man könne schließlich einem solchen Thema "nur mit dem hohen intellektuellen Anspruch und der literaturhistorischen Informiertheit beikommen", wie Elisabeth Badinter es 1980/81 in ihrem Buch "Die Mutterliebe" getan habe, findet der promovierte Feuilletonist und ist sich doch nicht zu schade für den intellektuellen Gesichtsverlust, zu behaupten, aus den Aussagen der Mütter in Donaths Buch könne "nichts folgen, was allgemein von Interesse wäre", weil alles im "Rahmen persönlichen Erlebens und Meinens" bleibe.

Nicht nur ignorant, sondern schlicht falsch

Das ist nicht nur ignorant, sondern schlicht falsch, weil das Führen von Tiefeninterviews selbstverständlich eine sozialwissenschaftliche Methode ist, aus der etwas folgt, wenn man sich die Mühe gibt hinzugucken, statt das alles für "Geschwätz oder Gejammer" zu halten.

Das Tragische ist, dass solche Reaktionen in Orna Donaths Buch alle schon beschrieben und vorhergesagt werden. Gerade weil es ein Tabu ist, hat Donath eine Studie durchgeführt. Und vielleicht muss man tatsächlich betonen: eine Studie - keinen Aufruf zum Sexboykott, kein Festival für Kinderhass, kein Manifest gegen Fortpflanzung.

Es geht ihr darum, die Reue nicht zu personalisieren, also sie nicht als das Versagen einzelner egoistischer/verrückter/labiler Frauen zu interpretieren, die sich einfach nicht genug anstrengen, sondern stattdessen Reue als Ausgangspunkt einer Diskussion über Mutterschaft und die damit verbundenen Anforderungen zu sehen.

Es ist sicher nicht der einzig mögliche Weg, über negative Aspekte von Elternschaft zu sprechen, wenn man Frauen zu Wort kommen lässt, die sagen, sie würden nicht noch einmal Mutter werden, wenn sie die Zeit zurückdrehen könnten. Aber es ist ein Weg. Reue ist dann keine Einladung zu einer "emotionalen Freakshow", wie Donath schreibt, sondern "eine Art Alarmglocke" für die Gesellschaft, ihre Anforderungen an Frauen und Mütter zu ändern, weil sich in Überforderung und Fluchtfantasien natürlich auch Erwartungen des Umfelds spiegeln. Dabei geht es nicht zuletzt um die Väter, beziehungsweise deren Abwesenheit, und darum, was eigentlich "normal" ist und was "abweichend". Denn Reue hat auch etwas damit zu tun, sich selbst als ungenügend zu empfinden.

In all den Interviews, die Orna Donath jetzt zu ihrer Studie gibt, erklärt sie immer wieder, dass Mütter, die ihre Mutterschaft bereuen, ihre Kinder trotzdem lieben können, dass sie also längst nicht so herzlos und kalt sind, wie viele glauben mögen. Aber um das zu erkennen, müsste man tatsächlich auch in Ruhe zuhören und den Frauen nicht von vornherein all das unterstellen, was sie befürchten - weswegen sie mit gutem Grund ihre echten Namen nicht nennen.

Kennen Sie unsere Newsletter?
Foto: SPIEGEL ONLINE