Sibylle Berg

S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Die Lüge von der sexy Pariserin

Verreisen, das war früher noch so schön: Romantisches Paris, entspanntes Griechenland, abenteuerlicher Jemen. Das alles gibt es in Zeiten von Terrorismus, Flüchtlingskrise und Armut nicht mehr. Ist das Jammern auf hohem Niveau?

Wie seltsam schnell und doch verzögert in der Wahrnehmung sich die Welt verändert. Hat. In den Synapsen stecken immer noch Bilder von früher. Von reizenden Reisen. Als einem, außer einer Darmgrippe, nichts passieren konnte. Da fuhr man nach Griechenland zum Herumlungern, durchquerte die Wüste Gobi, hockte im Jemen und beobachtete Menschen beim Leben. Man reiste nach Paris. Ein Sehnsuchtsort. Cafés unter grünen Platanen, elegante Menschen ansehen, immer schmerzende Füße bekommen vom zu vielen Laufen, Endorphine.

Das ist gespeichert, das macht ein Ziehen in der Brust, das überlagert die realen Bilder. Die Metro mit mir darin, die von ungefähr 30 gewaltberauschten jungen Männern terrorisiert wird. Die Straßen voller obdachloser alter Menschen. Die verspannten Gesichter der angeblich so entspannten sexy Pariserin, die mit einem Lächeln Kinder und Job gewuppt bekommt.

Das romantische Paris gibt es nicht. Es gibt nur gestresste Frauen und Männer, schlecht bezahlt in Verkehrsmittel gedrängt, in beengtem Wohnraum, verstopften Straßen, die sich durch Touristen, die Baguette-Fotos machen, quälen. Der Gestank von Urin auf den Straßen, der Stau auf den Straßen. Und neu im Programm: Die Terroranschläge, die Unsicherheit, Roma auf kleinen Freiflächen zwischen den Autobahnen zusammengedrückt, und ab in den Tunnel, ah, der tolle Tunnel unter dem Wasser nach England.

Gab es da schon ein Attentat, oder sind es nur die Flüchtlinge, die jetzt täglich versuchen, nach England zu kommen, die die Fahrt ein wenig unbehaglich machen? Ja, Europäer, da nimmt dir die Welt deine behagliche Tunneltour weg, nimmt dir dein Kitschbild von Paris, und nun bist du in London. Das stand immer für verpasste Gelegenheiten. Die Stadt voller Models und Rockstars, aber du blöde Touristin bist aus Versehen in Whitechapel gelandet, mit deiner unzumutbaren Frauenausstattung, die nicht verhüllt ist. Die ist nicht verhüllt. Boah.

Dieses niedliche, immer zugige London mit freundlichen Einheimischen gibt es nicht mehr. Gut, da muss man ja nicht hingehen, dann geht man eben woanders hin. Die freundliche Erforschung vom Jemen gibt es nicht mehr. Den interessanten Kulturaustausch im Irak, nicht dran zu denken. Italien ist immer noch reizend, wenn man die 40 Prozent jugendlicher Arbeitsloser wegdenkt, kann man noch ans Mittelmeer, sie wissen schon. Sie wissen schon. Es muss ja auch keiner mehr verreisen. Es gibt auf 3sat und Arte täglich diese wunderbaren Sendungen, in der die Welt in Ordnung ist. Einfache, herzensgute Menschen machen Handwerk, sie sind gastfreundlich, Attentate finden nicht statt. Entführungen gibt es nicht.

Den Ekel vor dem weißen Touristen sehen wir kaum. Verreisen. So was Bescheuertes, das Jammern auf hohem Niveau, das Luxusheulen, weil die Welt sich ändert und wir Bestrafung verdienen. Also ich. Bei allem, was wir täglich genießen, Bildung, Demokratie, gutes Wetter, muss man ja immer das Unrecht auf der Welt mitdenken, das Unrecht der Vorfahren. Ich lebe nicht auf der Flucht, bin gesund, hungere nicht, das ist schon mehr, als die meisten aufzuweisen haben.

Aber Ihnen, als meinen besten Freunden, kann ich ja im Vertrauen sagen: Ein bisschen bescheuert ist die Welt schon geworden. Also natürlich nur für mich, und ich habe das verdient.

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Foto: SPIEGEL ONLINE
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