Herta-Müller-Uraufführung Überwachung, Misstrauen, Verrat

Im Hamburger Schauspielhaus inszeniert Katie Mitchell "Reisende auf einem Bein". In einem Filmset erzählt sie mit enormem technischen Aufwand vom Lebensgefühl einer Geflüchteten - und von einem Verrat.

Im Dazwischenreich: Michael Prelle, Julia Wieninger und Philipp Hauß in der Herta-Müller-Inszenierung "Reisende auf einem Bein"
Stephen Cummiskey

Im Dazwischenreich: Michael Prelle, Julia Wieninger und Philipp Hauß in der Herta-Müller-Inszenierung "Reisende auf einem Bein"


Sollte man einen Roman lesen, bevor man sich seine Bühnenversion anschaut? Im Allgemeinen: Ja (als Kritiker sowieso). Im Speziellen kann es den Blick auf eine Inszenierung aber auch trüben, weil man das Falsche erwartet. So wie bei der Saisoneröffnung am Hamburger Schauspielhaus. "Reisende auf einem Bein" von Herta Müller stand auf dem Spielplan.

Der erste Roman der Nobelpreisträgerin, erschienen 1989, handelt von der 30-jährigen Irene, einer Rumänin mit deutschen Wurzeln, die nach langem Warten nach West-Berlin ausreisen darf. "Zwischen" ist das erste Wort dieses autobiografisch gefärbten Buchs. Es geht um den Schock nach dem Systemwechsel, das Noch-nicht-Angekommensein, das Gefühl der Heimatlosigkeit und Zerrissenheit. Und es leuchtet einem sofort ein, warum ein Theater diesen Text jetzt auf die Bühne bringt.

In Katie Mitchells Uraufführung von "Reisende auf einem Bein" in Hamburg, die am Freitag Premiere hatte, geht es dann aber um etwas anderes. Da steht die Geschichte im Vordergrund, wie der rumänische Geheimdienst Irene schon vor ihrer Ausreise drangsaliert und schikaniert, wie er sie auch in West-Berlin weiter bedroht und ihre beste Freundin auf sie ansetzt. Es geht um Überwachung, Misstrauen und Verrat.

Die Fassung der Regisseurin Katie Mitchell und ihrer Dramaturgin Rita Thiele ist eine Verschränkung von "Reisende auf einem Bein" mit Motiven aus Herta Müllers Roman "Herztier" von 1994 und weiteren Herta-Müller-Texten. Es geht nicht mehr um Stimmungen, sondern um die Story. Ist das legitim? Ja, natürlich, aber es fühlt sich erst mal falsch an.

Die britische Regisseurin Katie Mitchell, 50, inszeniert den bedrückenden Thriller als Live-Film auf der Bühne, eine Technik, die sie in den vergangenen Jahren perfektioniert hat. Die Bühne ist vollgestellt mit Kulissen, die mit faszinierender Präzision und Geräuschlosigkeit hin- und hergeschoben werden; sie beherbergt Irenes komplette Berliner Wohnung samt Hinterhof, dazu eine U-Bahn-Station, ein Büro des BND, der Irene ebenfalls überprüft, und noch einige Orte mehr.

Die Akteure, allen voran Julia Wieninger als Irene, wuseln zwischen diesen Orten hin und her, Kamera, Beleuchtung und Ton folgen ihnen so unauffällig wie möglich; das Ergebnis wird direkt auf eine große Leinwand über dem Geschehen übertragen. Mehr als 20 Leute gehören zum Team auf der Bühne, hinter den Kulissen werden es noch einige mehr sein.

Zunächst denkt man, es geht hier vor allem um den Beweis, was mit moderner Technik alles möglich ist im Theater, wenn die Logistik stimmt. Aber natürlich verweist dieser Film, dessen Bilder im Moment ihres Entstehens schon wieder gelöscht werden, auf das Grundprinzip des Theaters, auch darauf, dass hier alles immer Modell und Konstruktion ist - und zu einem Stück, in dem es um Überwachung geht, passt die Technik natürlich sowieso.

Unbeugsame Sprache

Der Schwarz-Weiß-Film, der auf der Leinwand zu sehen ist, gerät dabei erstaunlich konventionell. Es ist ein Realismus, wie er auf deutschen Bühnen sonst nur noch sehr selten zu sehen ist: Die Blümchen-Tapete löst sich dekorativ von der Wand, Deos und Cremes im Badezimmerschrank sind so original Achtziger wie das Tastentelefon auf dem Resopaltisch. Wenn das in Großaufnahme ins Bild kommt, sieht man vor allem den Stolz der Ausstatter (Bühne: Alex Eales, Kostüme Laura Hopkins).

Die Musik - mal ein dumpfes Dröhnen, mal typischer Hollywood-Suspense-Sound - sagt einem immer: Achtung, hier stimmt was nicht. Und der Zwang, Bilder für Herta Müllers unbeugsame, starke Sprache zu finden, endet oft in Dopplungen und manchmal im Kitsch: "Eine Wolke war dünn und zerbrochen. Sie kam aus dem anderen Teil der Stadt. Aus dem anderen Staat herüber", beobachtet Irene, und man sieht Irene, wie sie den Himmel über Berlin betrachtet. (Bei der Beschaffung der historischen Berlin-Aufnahmen hat übrigens Wim Wenders geholfen.)

Insofern war es die richtige Entscheidung, vor allem im zweiten Teil des 90-minütigen Abends auf die Story zu setzen. Die Szenen, in denen Irene sich verfolgt glaubt, gehören zu den stärksten des Abends. Wenn plötzlich überall ihre Nachbarin auftaucht - nur Zufall? Wenn ein intimes Foto aus ihrer Wohnung verschwindet - nur Schlamperei? Wenn ständig das Telefon klingelt - nur ein Perverser?

Und dann darf Irenes beste Freundin Dana plötzlich aus Rumänien zu ihr reisen. Ruth-Marie Kröger spielt Dana mit perfekt geheuchelter Unschuld, und Julia Wieningers aufrichtige Freude verwandelt sich sehr bald in Misstrauen. Als sie den Koffer der Freundin durchwühlt, hat sie Gewissheit: Der Geheimdienst hat Dana geschickt. Und damit das Schlimmste geschafft: Die Freundschaft, Irenes letzte Verbindung in die alte Heimat, zu zerstören.

In der letzten Szene fängt Katie Mitchell Irenes Situation in einem starken Bild ein: Da sitzt sie an der U-Bahn-Station, diesem Zwischenraum und Unort, und hört einen alten rumänischen Chanson, auf einem Walkman.


Reisende auf einem Bein. Hamburger Schauspielhaus, nächste Vorstellungen am 19. und 20.9. sowie 13.-15.11., Tel. 040/24 87 13

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