Rekordauktion Ölbild, gebraucht, 73 Millionen Dollar

Die gestrige Frühjahrsauktion bei Sotheby's brach alle Rekorde. Insgesamt kam in New York Kunst für 255 Millionen Dollar unter den Hammer. Die Käufer: Die neuen Mega-Reichen aus den USA, Europa, Russland und China.

Von , New York


New York - Der Weltrekord fällt in nicht mal fünf Minuten. Auktionator Tobias Meyer nimmt zu Beginn einen Schluck Wasser, holt tief Luft und sagt bedeutsam: "Und nun..." Nervöses Kichern perlt durch den Saal. Papiere rascheln, Goldschmuck klimpert. Dann atemlose Stille. Katalognummer 31: "White Center", ein Ölbild des abstrakten Expressionisten Mark Rothko. Die Leinwand prangt hinter Meyer, zwei mal 1,40 Meter. Startgebot: 33 Millionen Dollar.

Schnell peitscht sich der Preis hoch. 40 Millionen. 41! 42! Zwei Telefonbieter bekriegen sich. Bei 46 Millionen steigt ein dritter ein. 50! 60! 63 Millionen? "Ich verkaufe für...", droht Meyer. Doch da: 64 Millionen! "Gerade noch", seufzt Meyer: "Ich kann gerne noch mal warten." 65 Millionen. 65...? 65! Der Hammer fällt. 65 Millionen Dollar plus Kommission. Macht 72,84 Millionen Dollar. Das wertvollste Stück Nachkriegskunst der Auktionsgeschichte. Im Saal atmet man hörbar durch. Applaus.

Gestern Abend, New York. Beim Auktionshaus Sotheby's tobt das Ereignis der Kunstszene: der Frühjahrsverkauf zeitgenössischer Werke - eine Staatsaffäre in großer Garderobe und, als alles gezählt ist, mit 15 neuen Weltrekorden.

Der Rothko - den sich ein mysteriöser, bärtiger Bieter in einer der Privatlogen schnappt - trägt die Doppelkrone davon: das teuerste moderne Gemälde aller Zeiten und der teuerste Rothko aller Zeiten. Doch auch andere Stars lassen die Sotheby's-Kasse klingeln: Warhols, Lichtensteins, Rauschenbergs. Am Ende fährt Meyer - Schweiß auf der Stirn, doch die Tolle unverrückt - knapp 255 Millionen Dollar ein. Auch das ein historisches Rekordergebnis.

Geld verjährt nicht

Wie reich die Reichen wirklich sind, das zeigt sich an diesem warmen Frühlingsabend hier bei Sotheby's. Schon lange vor Auktionsbeginn stauen sich auf der York Avenue die schwarzen Limousinen, die globale Wohlstands-Society ausladend: Hedgefondler, Medientycoons, Finanzinvestoren, Dotcom-Millionäre. Die leibhaftigen "Forbes 400". Küsschen, Küsschen im hohen Glasfoyer. Englisch, dazwischen viel Französisch, Russisch und Chinesisch. Dann per Rolltreppe in den enormen Auktionssaal.

Dort, auf gepolstertem Klappgestühl, tummeln sich Namen und Namenlose, die eines eint: Geld. Calvin Klein ist da, ins Handy simsend, das graue Strohhaar wie unter Stromschock. Neben ihm in Reihe E sein alter Zechkumpan Ian Schrager, Ex-Besitzer des "Studio 54", dann Star-Hotelier, heute Immobilienmagnat. Beide sind in identischem Brutzelton gebräunt.

Neben Schrager sitzt sein Geschäftspartner Aby Rosen. Den kennen nur Insider - obwohl er der wahre Hausherr ist: 2002 verkaufte ihm Sotheby's dieses Gebäude, um sich aus einem ruinösen Preisabsprachen-Skandal zu retten, und sitzt hier seither zur Untermiete. Und obwohl sich beide derzeit in einem garstigen Gerichtsstreit beharken, ist sich Rosen nicht zu schade, dieser Glamour-Gala beizuwohnen.

Hier baggert sich Bill Ruprecht, der Sotheby's aus besagtem Skandal wieder in die schwarzen Zahlen steuerte, handküssend durch den Saal. Dort charmiert Vorgänger Alfred Taubman. Der saß wegen jenes Skandals neuneinhalb Monate in Haft, welche er per Gulfstream-Jet antrat. Längst ist er aber wieder rehablitiert, auch dank hilfreicher Knast-Memoiren ("den Mitinsassen immer Respekt zeigen") und klug versteckter Investitionen. Geld verjährt nicht.

Ergötztes Raunen im Saal

Die Damen tragen Couture und Coiffure. Ein Jüngling schwebt im rosa Ensemble mit Seidenschal einher. Musikmogul David Geffen, Barack Obamas Hollywood-Connection, macht auf inkognito. Die Glatze des Mediengiganten Barry Diller überragt alle. Hinten lauert eine Gruppe französischer Dealer, die schon vorige Woche bei der Impressionisten-Auktion abzuräumen versucht hatte. In einer Glasloge thront Mega-Milliardär David Rockefeller, 91, der Letzte seiner Dynastie und bisherige Besitzer des Rekord-Rothkos, und mustert durch halb geöffnete Vorhänge das Treiben.

Wie Sotheby's an den Rothko gekommen ist, allein das ist ein Krimi. Rockefeller erstand das Gemälde, das mit als Rothkos wichtigstes gilt, 1960 für schlappe 8500 Dollar. Seitdem hing es in Rockefellers Büro (im Rockefeller Center, wo sonst). Zunächst hatte er es jetzt dem Museum of Modern Art angeboten, doch die hatten schon genug Rothkos. Woraufhin sich Sotheby's und Erzrivale Christie's darum zu balgen begannen. Sotheby's gewann, weil es Rockefeller eine deftige Preisgarantie gab (angeblich 46 Millionen Dollar) - egal, was es ersteigern würde. So hart ist die Konkurrenz.

Dass der Rothko für fast doppelt so viel unter den Hammer kommt, überrascht selbst Meyer. "Wir haben nicht erwartet, dass er sich so gut verkauft", sagt der gebürtige Wiener hinterher, ein Sektglas in der Hand. Rockefeller lässt aus der Loge eine Erklärung übermitteln: "Ich habe es genossen, 47 Jahre mit ihm gelebt zu haben. Es tut mir leid, ihn gehen zu sehen." Der Erlös gehe an wohltätige Zwecke.

Der Rothko - den Sotheby's zuvor in der Szene schwer vermarktet und exakt zur Halbzeit der penibel choreografierten Auktion platziert hat - ist nicht der einzige Knüller. Dutzende der meist aus privater Hand veräußerten Preziosen lassen den Saal ergötzt raunen. Francis Bacons "Study after Pope Innocent X" geht für 52,7 Millionen Dollar an einen anonymen Telefon-Bieter, Jean-Michel Basquiats "Untitled" für 14,6 Millionen Dollar an einen US-Händler, Robert Rauschenbergs "Photograph" für 10,7 Millionen Dollar ebenfalls an einen Dealer.

Horrorszenario für 30 Millionen Dollar

Auch Pop-Art boomt: Tom Wesselmanns "Smoker No. 17" landet für 5,9 Millionen Dollar bei einem Bieter aus Asien, eine von Andy Warhols berühmten Suppendosen für 5,5 Millionen Dollar bei einem US-Privatsammler. Alle Preise enthalten 12 Prozent Kommission.

Am Ende purzeln 15 Künstlerrekorde - sowie etliche Rekorde, die Christie's gesetzt hatte. Rache ist süß. "Ein fantastischer Abend", ächzt Meyer. Der Chefauktionator, der bei Sotheby's den bombastischen Titel "Worldwide Head for Contemporary Art" trägt, steuert den Abend wie ein Verkehrspolizist, mit ausgestreckten Armen auf jeweilige Bieter weisend. "Sind wir fertig?", lockt er Zaudernde. "Letzte Warnung!"

Die Preise werden auf einer elektronischen Tafel angezeigt, erstmals in sechs Währungen und vielsagender Rangfolge: Dollar, Euro, Rubel (eine Sotheby's-Premiere), Pfund, Franken, Yen. Als erster durchbricht nach 27 Minuten ein Stillleben von Tom Wesselmann die Millionen-Dollar-Schallgrenze. Danach gibt es kein Halten mehr. Nur neun der 74 Stücke bleiben letztlich unverkauft liegen. Darunter drei offenbar überpreiste Tropfgemälde des legendären US-Künstlers Jackson Pollock. "Das war's", verabschiedet Meyer sein erschöpftes Publikum. "Thank you, ladies and gentlemen."

Später findet Meyer eine kurze, ruhige Minute. "Man kann sehen, wie stark der Markt ist", lobt er das Ergebnis. Es passt in den Trend: Schon die Großauktionen der Vorwoche bei Sotheby's und Christie's hatten fast 620 Millionen Dollar ersteigert. Der Käuferkreis, sagt Meyer, sei mehr denn je "global, global, global". Der neue Reichtum kennt wirklich keine Grenzen mehr.

Draußen harren die Limousinen. Die Gäste defilieren in die laue Mainacht. Heute Abend geht es schon wieder weiter, am anderen Ende Manhattans, bei der Christie's-Auktion für Nachkriegskunst. Mit dabei: Der allerteuerste Warhol der Geschichte, das Horrorszenario "Green Car Crash (Green Burning Car I)". Schätzpreis: 25 bis 35 Millionen Dollar.



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