Renaissance-Kunst Die Welt leuchtet

Venedig und Florenz waren einst Paradiese für Maler: Wie Tizian, Mantegna und Bellini mit Weichzeichner und Farbgebung künstlerisch Maßstäbe setzten, zeigen Ausstellungen in Berlin und Frankfurt.

Armando Babani/ EPA-EFE / REX

Anfang des 16. Jahrhunderts bekam es Venedig mit dem Rest des Abendlandes zu tun. Der Papst, der Kaiser, Frankreich, Spanien und andere europäische Staaten verbündeten sich 1508 in der Liga von Cambrai gegen die Seerepublik. Mit diplomatischem Geschick und dem ständigen Wechsel von Bündnispartnern konnte sie zunächst verlorene Festlandgebiete doch noch behaupten. Trotzdem hatte der Anfang vom Ende Venedigs als Weltmacht begonnen.

Was nicht hieß, dass es der Serenissima - so der Beiname der Republik - schlecht ging. Geld gab es noch immer in Hülle und Fülle. Wohlhabende Einwohner steckten ihr Vermögen weiterhin in Kunst. Malerei und Architektur erlebten nochmals eine Blüte ungeahnter Schönheit. Der Manierismus - die letzte Stilepoche innerhalb der Renaissance - entfaltete sich in den letzten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts zu voller Pracht und ebnete den Weg zum Barock.

Die Ausstellung "Tizian und die Renaissance in Venedig" im Frankfurter Städel Museum ist diesem letzten goldenen Zeitalter der Serenissima gewidmet. Tiziano Vecellio, wie er eigentlich hieß, war schon zu Lebzeiten eine Ikone. Er arbeitete für den Vatikan, diverse Königs- und Fürstenhäuser und natürlich den Staat Venedig. Der Habsburg-Kaiser Karl V. machte ihn zu seinem Hofmaler und schlug ihn zum Ritter. Während in Florenz und Rom tätige Manieristen erst im 20. Jahrhundert neu entdeckt wurden, beeinflusste Tizian - vergleichbar mit Raffael und Michelangelo - Malergenerationen aller folgenden Jahrhunderte. Tizian wurde mehr als 80 Jahre alt und hinterließ eine Fülle von Bildern, die in alle Welt verstreut sind.

Die Schau von 100 Werken - darunter 16 Gemälde Tizians - hebt vor allem ab auf die unterschiedlichen Ansätze der Malerei in Venedig und Florenz. In Venedig regierten Ausführung und Farbe, in Florenz setzten Künstler auf Konzept und Entwurf. Die Venezianer setzten stärker als die Florentiner auf die Wirkung von Licht und Farben. Ihre Figuren sind wie mit Weichzeichner gemalt und verschmelzen durch den Verzicht auf schärfere Konturen mit der sie umgebenden Landschaft.

So schufen die Maler Venedigs stimmungsvolle Bilder, Schauplätze göttlicher Begebenheiten und paradiesischer Zustände. Ihr Wohnort kommt in den Bildern nie vor. Tizian und Paolo Veronese, der einen Hang zu hellen Farben und humoristischen Einsprengseln hatte, träumten sich an Orte außerhalb Venedigs, damals auch ohne Touristen eine anstrengende Großstadt.

Bastian Eclercy, Kurator der Ausstellung, formuliert es so: "Farbe ist nach dem Verständnis der venezianischen Künstler nicht nur Farbton, sondern auch Material." Der Ansatz nimmt tatsächlich das Vorgehen späterer Künstlergenerationen vorweg. Jacopo Bassano brachte Bäume auf Leinwände, wie man sie aus der vorimpressionistischen Malerei Frankreichs 300 Jahre später kennt. Und Tizians Pinselstrich ist von solcher Kühnheit, wie er im Barock und in späteren Epochen gang und gebe war. Sein "Tarquinius und Lucretia", ein aus Wien nach Frankfurt verliehenes Spätwerk, ist teils so wild gemalt, dass bis heute umstritten ist, ob der Meister es überhaupt vollendet hat.

Die bewusste Anordnung nach Themen statt nach Chronologie ist eine kluge Entscheidung des Städels gewesen, weil so viel besser nachvollziehbar wird, wie sich die Maler gegenseitig befruchteten. Tizian war Taktgeber, aber er war auch offen für Innovationen und griff Ideen jüngerer Kollegen auf.

In Raum eins hängen zwei Werke von Giovanni Bellini, dem Lehrer Tizians, der noch ganz der Hochrenaissance verschrieben war. Wer von ihm noch mehr sehen möchte, wird Freude haben an der Ausstellung in der Berliner Gemäldegalerie: "Mantegna und Bellini - Meister der Renaissance", eine Kooperation mit der National Gallery London, wo sie schon zu sehen war.

Wie Frankfurt setzt auch Berlin auf den Kontrast. Andrea Mantegna (um 1431-1506) und Bellini (um 1435-1516) lernten sich Mitte des 15. Jahrhunderts in Padua nahe Venedig bei ihrem gemeinsamen Meister Francesco Squarcione kennen. Bellini setzte ganz auf die Kraft der Farbe. Seine Figuren sind liebreizend, sanft und oft ernst. Trauernde malte er in einer Intensität, die bis heute berührt.

Mantegna, der Bellinis Schwager wurde, bevorzugte wiederum die Plastizität, Körperlichkeit und Monumentalität ganz im Sinne antiker Vorbilder. Mit der ätherischen Leichtigkeit eines Bellini hatte Mantegna, später Hofmaler der Gonzaga in Mantua, nichts gemein. Als er für den Herzog von Mailand Miniaturen anfertigen sollte, lehnte er ab, "weil er nicht gewohnt ist, kleine Figuren zu malen".


Tizian und die Renaissance in Venedig. Bis zum 26. Mai 2019 im Städel Museum, Frankfurt am Main.
Mantegna und Bellini - Meister der Renaissance. Von 1. März zum 30. Juni 2019 in der Gemäldegalerie, Berlin.



insgesamt 2 Beiträge
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fatherted98 26.02.2019
1. Warum...
...werden solche Ausstellungen für Kulturbegeisterte die sich diese Ausstellungen aus Gesundheits- oder Enfernungs- oder Geldgründen nicht anschauen können, nicht wenigstens ins Netz gestellt. Dann könnte man durch die Bilder "surfen"....was sicher nicht dem Life-Erlebnis entspricht....aber immerhin eine Alternative wäre.
Sibylle1969 26.02.2019
2.
Diese Ausstellung interessiert mich sehr, ich werde sicher reingehen. Ich bin immer wieder beeindruckt, was für Top-Ausstellungen das Städel zustande bringt. Nahezu jedes Jahr ein Kracher.
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