Theater im Autokino Picknick, Popcorn und Pollesch

René Pollesch platziert sein filmisches Diskurstheater zum ersten Mal in einem Autokino bei Stuttgart. Der Star des Abends ist Martin Wuttke, der unter anderem auch Andy Warhol geben darf.

Proben zu "Stadion der Weltjugend"
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Proben zu "Stadion der Weltjugend"

Von Jürgen Berger


Den Ort vor den Toren Stuttgarts, wo aus Theater Kino wird, muss man erst mal finden. René Pollesch hat den neuesten Textabschnitt seines im Moment nicht mehr ganz so schnellen Endlostheaters in die freie Wildbahn verlagert. Das Navigationsgerät führt den Zuschauer nach Kornwestheim und dort auf eine jener betonierten Freiluftwiesen, auf der die expressive Gefühlswelt Hollywoods mit nicht minder großen Gefühlen in PKW-Räumen kollidiert.

"Lovers Lane" nannte man die letzte Reihe in den cineastischen Drive-ins, die Anfang der Sechzigerjahre von Amerika nach Deutschland exportiert wurden. Besorgte Mütter und Väter sollen damals die Reihen abgesucht haben. Sie glaubten noch an die Macht der Gefühle und wollten dem Nachwuchs den Spaß verderben. Führt man sich das vor Augen, meint man zu verstehen, warum Pollesch seine neuesten Diskursschleifen "Stadion der Weltjugend" nennt.

Um die Macht der Gefühle ist es heute nicht mehr ganz so gut bestellt, Kinder können in den noch existierenden Autokinos aber weiterhin gezeugt werden. Schließlich verhalten wir uns, wie die Gendertheorie lehrt, immer noch gemäß gesellschaftlich generierter Rollenbilder. Das mit den Rollenbildern und dem Zwang zum Schauspiel auch im sogenannten normalen Leben ist René Polleschs großes Thema. Er kommt davon nicht los und umspielt in "Stadion der Weltjugend" einmal mehr die Transgender-Aporien des postmodernen Theaters.

Um 21.30 Uhr noch zu hell

Möglich gemacht wurde das vor den Augen der Zuschauer gespielte Theater im Autokino vom Staatsschauspiel Stuttgart. Pollesch hat hier schon oft Station gemacht, Martin Wuttke spielt zum ersten Mal im Schwäbischen.

Pollesch und Wuttke werden von allen großen Bühnen im deutschsprachigen Raum umworben. Theater im Autokino machen sie zum ersten Mal, und das prägt den Abend dann auch. Vieles wirkte noch improvisierter als gewöhnlich. Der Vorstellungsbeginn etwa verzögerte sich, weil es um 21.30 Uhr noch zu hell war für den Film vorne auf der Leinwand.

Irgendwann ging es aber doch los. Schwülstige Filmmusik donnerte, und plötzlich hörte man im Autoradio die Stimmen der Schauspielerinnen und Schauspieler, die, verfolgt von Kamerateams, auf einem freien Platz etwas weiter vorne spielten. Wer wollte, konnte aussteigen, dem Making-of zusehen und eine zwischen Picknick und Popcorn angesiedelte Atmosphäre genießen.

Gut vorbereitete Zuschauer saßen auf Campingstühlen, das Sixpack neben sich. Wer es lieber intim hatte, hielt die Scheiben geschlossen. Vorne auf der Riesenleinwand sah man ja eh alles im Close-up, auch wenn das meistens schier bewegungslose, in ein Auto gepresste Pollesch-Akteure waren. Martin Wuttke etwa, der gespielt verzweifelt klagte, er, der geborene Frauendarsteller, dürfe heute keine Frauen mehr darstellen, weil die Frauen sich inzwischen ja selbst darstellten. Oder Julischka Eichel mit ihrem Kummergesicht und der Erkenntnis: "Also, ich kann ziemlich gut einen Mann spielen. Daran haperts nicht. Wenn ich keine Frau spiele, bin ich eh ein Mann."

Nächstes Mal bitte wieder im Theater

Man wusste einmal mehr, dass alles auf dieser Welt nur Theater oder eben großes Kino ist. Pollesch ist ein Großmeister der Klage über die Unmöglichkeit authentischer Gefühle, mit seinen Texten ist das im Moment aber so eine Sache. Sie sind nicht mehr so rasant, wirken etwas müde und wie zu schnell recycelt. Im Autokino kommt hinzu, dass das direkte Theatererlebnis fehlt. Die da oben spielen nicht direkt vor uns, dass sie ganz nebenbei ja auch tolle Schauspielerinnen und Schauspieler sind. Sie agieren irgendwo weit vorne, und selbst wenn man mit seinem Pkw nah am Geschehen ist, sind sie aufgrund der Freiluftverhältnisse immer von einem Filmteam umstellt.

Das hat zur Folge, dass man nostalgisch wird und die sich selbst reflektierenden Selbstdarsteller aus der Nähe sehen möchte. Martin Wuttke zum Beispiel, der zu Beginn im feinen Anzug und mit einem noch feineren Menjou-Bärtchen erscheint, ein Zitat seiner selbst. Später ist er mit Blondhaarperücke ein ziemlich echt wirkender Andy Warhol und der Beleg dafür, dass die Welt der Kunst und des Pop seit jeher von Kunstfiguren bevölkert wird.

Einmal klagt der Warhol-Wuttke in Richtung seines Filmgesichts: "Warum gehts denn immer nur darum, was in den Leuten los ist? Das ist doch nicht interessant! Da ist doch gar nichts los da oben! Spiel endlich, du Ding!" Das nächste Mal aber bitte wieder im Theater, möchte man erwidern. Auch dort sind die Bühnen so groß, dass die wunderbare Riesenfrau zum Zuge kommen kann, auf der die Stuttgarter Weltjugend eine Zeit lang rumturnt. Die aufblasbare Heroine stammt vom erst kürzlich verstorbenen Bert Neumann, dem für Pollesch und die Berliner Volksbühne so stilprägenden Bühnenbildner. Entworfen hatte Neumann sie für die Stuttgarter Oper und Arnold Schönbergs "Die glückliche Hand".

Stadion der Weltjugend. Schauspiel Stuttgart, Vorstellungen von 7. Juli an jeweils Donnerstag bis Sonntag bis 23. Juli. Tel. 0711/20 20 90.



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