Reporteraufstand "taz" kürzt Korrespondenten-Honorare

Aufruhr im Auslandsressort: Die "taz"-Korrespondenten sollen künftig bis zu einem Drittel weniger Geld bekommen und treten deswegen in einen Mini-Streik. Die Chefredakteurin der linksalternativen Zeitung ficht das nicht an - sie spricht von "Flexibilisierung".

"taz"-Chefin Ines Pohl: ""Wir sind nicht froh über diese Maßnahmen"
DDP

"taz"-Chefin Ines Pohl: ""Wir sind nicht froh über diese Maßnahmen"

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Hamburg - "Das sind Discounter-Methoden", schimpft Karim El-Gawhary. Seit 19 Jahren berichtet der Journalist für die linksalternative "tageszeitung" aus dem Nahen Osten, als Kriegsreporter reiste er in den Irak, in den Libanon, in den Gaza-Streifen. Jetzt hat die "taz" ihm seinen Pauschalisten-Vertrag gekündigt. Schreiben soll er weiterhin - aber für weniger Geld. Dabei zahlt die "taz" ohnehin schon unter dem Branchendurchschnitt.

So wie El-Gawhary geht es allen 14 Auslandspauschalisten der Zeitung. Sie bekommen, je nach Standort und Vertrag, bestimmte Textmengen abgenommen und bezahlt. Diese Menge wird nun vereinheitlicht und zum Teil deutlich reduziert. Das bedeutet Einbußen von bis zu einem Drittel.

Weitere Zeilen müssen mit der Redaktion ausgehandelt werden. Aber selbst wenn die Pauschalisten weiter so viel schreiben wie bisher, bekommen sie weniger Geld als vorher. "Ich habe in Kriegsgebieten Kopf und Kragen für die 'taz' riskiert, und jetzt das", sagt El-Gawahry. Dabei sei die Auslandsberichterstattung doch das Aushängeschild der Zeitung.

"Ich will eine gute Zeitung machen"

Deshalb wehren sich die Auslandspauschalisten gegen die Pläne der Chefredaktion - auch öffentlich. "Wir sind gegen dieses Rasenmäher-Prinzip", sagt Jürgen Gottschlich. Er hat vor mehr als 30 Jahren die "taz" mitgegründet und ist mittlerweile Korrespondent in Istanbul. An diesem Wochenende wollen sie auf der Versammlung der "taz"-Genossenschaft in Berlin Unterstützer sammeln. Hinzu kommt ein Mini-Streik: Von Mittwoch bis Freitag wollen sie keine Texte abliefern.

Die derart angegriffene Chefredakteurin versteht den Unmut bei den altgedienten Korrespondenten - hält an den Plänen aber fest. "Wir sparen nicht beim Auslandsetat, unser großes Ziel heißt aber: Flexibilisierung", sagt Ines Pohl. Weiterhin gehe ein Fünftel des gesamten Etats in die Auslandsberichterstattung.

Das Korrespondenten-Netz stamme "noch aus dem Kalten Krieg". Während Reporter an den ehemaligen Schauplätzen des Ost-West-Konflikts stationiert sind, werden Afrika und Asien immer wichtiger für die Berichterstattung. "Es muss die Möglichkeit geben, flexibel zu reagieren", sagt Pohl, um von dort aus zu berichten, wo gerade etwas passiert. Dass das zu Einsparungen bei einzelnen Mitarbeiten führt, sei bedauerlich - letztlich aber unvermeidlich. Ohnehin sind die Pauschalisten vergleichsweise komfortabel ausgestattet, der weit größere Teil der Auslandsberichterstatter der "taz" schreibt ohne Vertrag.

"Das gehört sich einfach nicht"

Den Vorwurf der Auslandspauschalisten, sie seien nicht in Gespräche eingebunden gewesen, weist sie zurück: "Wir haben das hier über Monate diskutiert." Mit den neuen, niedrigeren Pauschalisten-Verträgen sei es möglich, zwei bis drei Journalisten mehr zumindest etwas finanzielle Stabilität zu gewährleisten. Außerdem gebe es eine einjährige Übergangsfrist für die bisherigen Auslandspauschalisten, damit diese sich gegebenenfalls zusätzliche Abnehmer für ihre Texte suchen können.

Die Reporter in Madrid, Kairo, Rom und andernorts fühlen sich trotzdem vor den Kopf gestoßen. "So wie die 'taz' nach außen auftritt, gehört sich das einfach nicht", sagt Gottschlich. Viele Kollegen seien sogar zu Abstrichen bereit, man könne über Standortwechsel reden. Das Vorgehen der Chefredaktion erinnere aber eher an Lidl, sagt "taz"-Gründer Gottschlich.

Pauschalisten stehen derzeit auch im Mittelpunkt eines Streits zwischen Betriebsrat und Geschäftsführung: Weil im Frühjahr bei den Wahlen zum Betriebsrat "taz"-Autoren abgestimmt haben sollen, die laut Geschäftsführung gar nicht fest bei der "taz" angestellt sind, ist sie vor das Berliner Arbeitsgericht gezogen. Auch die Wahl von Spanien-Auslandspauschalist Reiner Wendler hält das Management für ungültig. Verhandelt wird im Oktober.

Wegen der Kündigung ihrer Verträge sind zwei Auslandskorrespondenten ebenfalls vor das Arbeitsgericht gezogen, Gerichtstermin ist Ende Oktober. In einer Pressemitteilung schreiben sie: "Wem zehn, zwanzig oder noch mehr Prozent von Lohn und Gehalt gekürzt werden, der muss auf die Straße gehen." Es ist ein Zitat aus der "taz" - zu einem Generalstreik im krisengeplagten Griechenland.



insgesamt 24 Beiträge
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winterfichte 14.09.2010
1. alte kamelle
die taz ist doch eh immer kurz vor der pleite. wie oft gab es da immer schon den aufruf nach abos, damit sie überleben kann. für mich so überflüssig wie opel. wenn es keine nachfrage gibt und keiner das kaufen will, sollte man ein einsehen haben und es beenden.
sprechweise, 14.09.2010
2. Jaja
Zitat von sysopAufruhr im Auslandsressort: Die "taz"-Korrespondenten sollen künftig bis zu einem Drittel weniger Geld bekommen und treten deswegen in einen Mini-Streik. Die Chefredakteurin der linksalternativen Zeitung ficht das nicht an - sie spricht von "Flexibilisierung". http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,717207,00.html
Jaja, das ist wieder mal typisch links. Immer von anderen etwas fordern, aber es selbst nicht machen.
Markus Heid, 14.09.2010
3. ...
Zitat von sprechweiseJaja, das ist wieder mal typisch links. Immer von anderen etwas fordern, aber es selbst nicht machen.
Salonbolschewiken eben.
doublebass 14.09.2010
4. titel
Zitat von sprechweiseJaja, das ist wieder mal typisch links. Immer von anderen etwas fordern, aber es selbst nicht machen.
dem modernen turbokapitalismus kann sich eben niemand mehr entziehen. auch die letzten nischen werden zugestopft.
PeteLustig, 14.09.2010
5. .
Nun ja, die taz ist ein Thema für sich - einerseits werden dort Artikel veröffentlichT, die dem linken Öko-Mainstream völlig quer laufen, andererseits finden sich in jeder Ausgabe auch Beiträge, die vor links-alternativem Klischee nur so triefen... Nachdem auch die Administratoren der taz-Webseite ebenfalls dazu übergegangen sind, missliebige Leserkommentare durch Nichtveröffentlichung zu zensieren (das war vor einigen Nonaten noch anders!), kann meinetwegen das gute, alte kapitalistische Gleichgewicht bestehend aus Nachfrage/Angebot zum Tragen kommen...
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