Respekt für Heimaterde Haackes Kunst-Projekt vom Bundestag bewilligt

Richtig peinlich könnte die Debatte werden, befürchteten Museumschefs schon vor Wochen. Aber verhindern konnten sie den Dilettantenstreit der Parlamentarier um ein Kunstwerk im Reichstagsgebäude nicht. Der deutsche Bundestag hat sich mit knapper Mehrheit dafür entschieden, das umstrittene Projekt des Konzeptkünstlers Hans Haacke zu realisieren.

Von Birgit Stallmann


Hans Haacke darf loslegen
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Hans Haacke darf loslegen

Berlin - Nach der Vorstellung des Polit-Künstlers Haacke, die bereits im vergangenen November die Zustimmung des Kunstbeirats fand, wird nun jeder der 669 Abgeordneten des Bundestags einen Zentner Erde samt Samen und Wurzeln aus seinem Wahlkreis herankarren. In einem 20 Meter langen Trog im Lichthof des Reichstags wird die Erde vermischt und dann, “ohne gärtnerischen Eingriff” (Haacke), sich selbst überlassen bleiben. Über dem dümpelnden Wildbeet werden die Worte “Der Bevölkerung” als weiße Leuchtbuchstaben politisch äußerst korrekt “in den Himmel” strahlen - und eine andere Widmung kritisch kommentieren. Im Giebelfeld des Reichstagsportals befindet sich nämlich die Inschrift “Dem Deutschen Volke” aus dem Jahre 1916. Das findet Haacke skandalös, denn die Parlamentarier seien nicht einem “mythischen Volk verantwortlich”, sondern allen Bewohnern der Bundesrepublik, auch den nichtdeutschen.

Modellansicht des Kunst-Projekts
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Modellansicht des Kunst-Projekts

Gegen das Konzept wetterte im Bundestag vor allem der kulturpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, Norbert Lammert. Er hatte dem Parlament den Gruppenantrag vorgelegt, der die Realisierung der “skurrilen Bundesgartenschau” verhindern sollte. 150 Abgeordnete hatten sich dem Antrag angeschlossen, der am Mittwochabend mit einer Mehrheit von zwei Stimmen abgelehnt wurde.

Die Argumente der meisten Gegner waren buchstäblich ähnlich platt wie Haackes Werk selbst. Von “skandalöser Verneinung des deutschen Volkes” (Peter Ramsauer, CSU) war in den letzten Wochen die Rede, von “Bio-Kitsch” (Antje Vollmer, B90/Grüne) und “Agitprop-Kunst” (Vera Lengsfeld, CDU). Haacke versteht die Welt nicht, mehr als ein aufklärerischer Gutmensch wollte er nie sein. So trífft ihn ein Vorwurf besonders hart: Der Hamburger Professor für Kunstgeschichte, Martin Warnke, meint, dem Erdbeschaffungsritual Haackes sei “nazistischer Geruch beigemistet”. Rita Süssmuth, CDU, Befürworterin des Kunstwerks, wehrte sich gegen solch eilfertige Schlüsse - sie habe “hohen Respekt vor Heimaterde”.

Haacke ist bekannt für plakative und auch penetrante Symbolik. So hatte der Fachmann für politische Korrektheiten 1993 auf der Biennale von Venedig den Boden des deutschen Pavillons zu einem Scherbenhaufen zertrümmert, alles mit einem Hitler-Konterfei und einem D-Markstück garniert und dem Ensemble den Titel “Germania” verpasst. Und erst jüngst hatte er mit seiner Arbeit “Sanitation” für die Biennale im Whitney Museum wieder für internationalen Zoff gesorgt. Aus einer Reihe von Mülltonnen ertönen Stiefeltritte marschierender Soldaten. Dazu gibts Zitate von rechten amerikanischen Politikern. Haacke hatte einige von ihnen in Zusammenhang mit nationalsozialistischer Kunstpolitik gebracht.

Auch mit dem Bevölkerungstrog, von humorvolleren Geistern “Blumentopf” genannt, ist es Haacke wieder einmal bierernst. Die aufbrandende Kritik ist für ihn nichts anderes als die Bestätigung des abgedroschenen Freund-Feind-Klischees, das er selbst in die Welt gesetzt hat. Damit muss jeder rechnen, der Haacke einen Auftrag erteilt. Auch der deutsche Bundestag.



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