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Geisterstadt Ordos: Retortenmetropole am Rande der Wüste Gobi

Foto: Jordan Pouille

Retortenstadt New Ordos Chinas boomende Geisterstadt

Vierspurige Verkehrsachsen, spektakuläre Kulturbauten, Apartments für 300.000 Menschen - doch in der schönen, neuen Stadtlandschaft von New Ordos verlieren sich gerade mal 5000 Einwohner. Dennoch gilt die aus dem Boden gestampfte Metropole in China als Erfolgsmodell.  
Von Max Woodworth

Das Ordos-Museum thront auf einem wellenförmig angelegten Sockel aus hellem Kalkstein, ein protziger, klecksförmiger Baukörper mit Aluminiumverkleidung, entworfen von Chinas aktuellem Architektur-Wunderkind Ma Yansong. Das Museum ist sonderbar, aber schön. Und steht man auf seinem Sockel im kostbaren Mittagsschatten unterhalb der ausgewölbten Fassade, hat man einen weiten Blick auf Chinas derzeit rätselhaftestes Stadtprojekt.

Ordos rückte 2009 durch einen Bericht des Fernsehsenders Al-Jazeera ins Licht der Weltöffentlichkeit, der zum dem zu dem Schluss kam, Ordos sei ein paradigmatisches Arbeitsbeschaffungsprogramm: sinnlos verschwenderisch und gespenstisch leer. Bald nach dem Bericht lieferte ein Börsenfachmann von Merrill Lynch eine heftige, auf Untersuchungen und Analysen gestützte Erwiderung ab. Er führte aus, dass es sich, obwohl nur wenige Menschen in der neuen Stadt wohnen, keineswegs um eine "Blase" handele, weil die Immobilien mit Bargeld bezahlt wurden. Dieser Befund erscheint jedem Besucher der Stadt vollkommen absurd. Nur ein Wirtschaftswissenschaftler kann bei der Bewertung einer dermaßen menschenleeren Stadtlandschaft auf die Idee verfallen, darin einen Erfolg zu sehen. Selbst der oberflächlichste Beobachter nimmt wahr, dass in Ordos etwas Ungewöhnliches im Gange ist. Aber was genau? Und was verrät das, falls überhaupt, über Erschließungsprojekte in der Volksrepublik China?

Range Rover sind schwer angesagt

Wenn von der "Geisterstadt" Ordos oder auch "New Ordos" gesprochen wird, ist nur ein Teil der Stadt gemeint, der eigentlich Kangbashi heißt. Was heute Ordos heißt, war wiederum früher die Stadt Dongsheng, eine arme landwirtschaftliche Bezirksstadt in der Steppe, wo der Gelbe Fluss in einem riesigen Bogen durch die Innere Mongolei fließt. Um das Jahr 2000 entdeckten Geologen, dass sich unter Dongsheng gewaltige Kohle- und Gasvorkommen befinden - nach einer Schätzung handelt es sich um 15 Prozent der gesamten Kohle und 30 Prozent der gesamten Erdgasreserven Chinas. Als Zeichen des Anbruchs einer neuen Ära wurde 2001 der Name der Stadt geändert: in Ordos. Die Grenzen wurden neu gezogen, Dongsheng auf den Status eines Stadtteils von Ordos heruntergestuft und das Werk in Angriff genommen, die Stadt aus dem Stand neu zu erfinden.

Fast zehn Jahre nach Beginn des Ressourcenbooms wirkt das ehemalige Dongsheng trotz der weltweiten Wirtschaftskrise immer noch wie entfesselt. Überall sieht man die Zeichen des neuen privaten Reichtums. Über der Stadt thront auf einer Hügelspitze ein neues Geschäftsviertel mit 50 repräsentativen Firmenzentralen aus Glas und Stahl. Eine Phalanx von Fünf-Sterne-Hotels säumt die breiten, frisch gepflasterten Prachtstraßen der Stadt. Shopping Malls und Wohnanlagen mit Eigentumswohnungen für Reiche sind aus dem Boden geschossen. Geländelimousinen wie der "Range Rover" sind schwer angesagt: angeblich macht die Firma Land Rover im heutigen Ordos die Hälfte ihres gesamten China-Geschäfts.

Auch die Stadtverwaltung hat mächtig profitiert. Ihre Einkünfte sind in die Höhe geschnellt und sollen dieses Jahr, bei einer Einwohnerzahl von ungefähr einer Million, 6,5 Milliarden US-Dollar erreichen. Mit dem Geldregen hat sich die Stadt in den Ausbau öffentlicher Einrichtungen gestürzt.

Große neue Parks, alle mit Sportgeräten ausgerüstet, durchziehen die Landschaft. An einer der Hauptverkehrsachsen wurden, für das hiesige Klima recht unpassend, Palmen gepflanzt. Öffentliche Kunstwerke schmücken die Plätze. Ein neues Flughafenterminal wurde fertiggestellt, ein weiteres ist bereits im Bau.

Doch nirgendwo in Ordos wird der neue Reichtum bizarrer zur Schau gestellt als in Kangbashi oder "New Ordos", dem 2004 begonnenen Projekt einer neuen Siedlung. Diese soll ein Zwillingszentrum zu Dongsheng, der älteren Stadt, werden und 300.000 Einwohner aufnehmen. Sie liegt 25 Kilometer südlich von Dongsheng, verbunden über eine frisch asphaltierte, vierspurige, nachts beleuchtete Autobahn. Die einzelnen Lampen erhalten den Strom aus Mini-Windrädern. Kangbashi will ein Vorreiter alternativer Energietechnologien werden.

Und ein regionales Kultur- und Finanzzentrum sowie eine erstklassige Adresse für die Klientel der sagenhaft Reichen. Konzeptionell sollen Dongsheng und Kangbashi die Nord- und Südpole einer einzigen Metropole bilden - der Zwischenraum soll bis 2020 mit Industrieparks und vorstädtischen Wohnsiedlungen ausgefüllt werden. Bislang ist alles nur teilweise verwirklicht, aber schließlich liegen die Anfänge noch nicht weit zurück.

Pompöse Zurschaustellung öffentlichen Reichtums

Den Mittelpunkt der Nord-Süd-Achse der rasterförmigen Stadtanlage bildet ein 1,5 km langer, zentraler Platz mit großen Blumenbeeten und öffentlicher Kunst, deren Thematik die mongolischen Horden Dschingis Khans sind, obschon nur weniger als zehn Prozent der Einwohner von Ordos ethnische Mongolen sind. In Übereinstimmung mit den Grundsätzen des Feng Shui steht auf einer leichten Anhöhe am nördlichen Ende der "Plaza" die nach Süden blickende, 120.000 Quadratmeter große Stadthalle, am südlichen Ende wurde ein großer See angelegt. Flankiert wird der Platz von den vier öffentlichen Gebäuden der Stadt: dem auffälligen Museum, dem Zentrum für darstellende Kunst, dem Kulturzentrum und der Bibliothek. Nach Aussage der Verantwortlichen sollen die öffentlichen Gebäude dem neuen Viertel ein Zentrum geben und die Einwohner aus Dongsheng zum Umzug in die unzähligen weitläufigen Wohnsiedlungen locken, die die umliegenden Grundstücke ausfüllen.

Doch außer der pompösen Zurschaustellung öffentlichen Reichtums auf der Plaza entdeckt man ansonsten in Kangbashi herzlich wenig an kultureller, kommerzieller oder sonstiger Aktivität. Zwar behaupten die Offiziellen, dass alle Wohneinheiten in der Stadt verkauft seien, aber tatsächlich leben wohl weniger als 5000 Einwohner in dem neuen Stadtteil.

Viel zahlreicher als permanente Einwohner sind Gärtner und Bauarbeiter, die durch die hochbezahlte Saisonarbeit aus ganz China angelockt werden. Den generellen Eindruck der Leere in Kangbashi verstärken noch die Flachheit des Geländes und der entschieden fußgängerfeindliche Maßstab. Das Ganze dehnt sich in die leere Steppe aus, deren monotones Erscheinungsbild nur hie und da durch eine vorstädtische Enklave oder einen Apartmentkomplex unterbrochen wird.

Die verbreitete Version der Geschichte ist, dass Kangbashi ein Fehlschlag sei, weil es leer ist. Tatsächlich enthält diese Deutung aber ein fundamentales Missverständnis darüber, was in China (und auch anderswo) eine Stadt ausmacht.

Retortenstadt "New Ordos": Erbaut im Geiste der Selbstbereicherung

Zunächst einmal gehört nach der Verfassung der Volksrepublik China alles städtische Land dem Staat. Darüber, wer in irgendeiner beliebigen Stadt den "Staat" repräsentiert, gibt es in ganz China beträchtliche Auseinandersetzungen. Ordos bildet da keine Ausnahme. Auf alle Fälle jedoch verstehen es die Stadtverwaltungen, den Landbesitz geschickt auszunutzen, indem sie sich auf dem dynamischen Verpachtungsmarkt engagieren, um so alle möglichen Infrastruktur- und Wohlfahrtsprojekte zu finanzieren. Da es seit den achtziger Jahren praktisch keine Zuwendungen seitens der Zentralregierung mehr gibt, erwirtschaften die Stadtverwaltungen heute bis zu 60 Prozent ihrer Haushalte mit den Einnahmen aus Landübertragungen und Pachten und finanzieren so die Dienstleistungen, die die Einwohner einer Stadt erwarten, wie zum Beispiel Schulen, Straßen oder Hospitäler. Auch einzelne Unterabteilungen der Stadtverwaltungen, die sich ebenfalls selbst tragen müssen, sind dazu übergegangen, Immobilienbesitz zu kommerzieller Nutzung abzugeben, um ihre Ausgaben zu finanzieren.

Wie man sich denken kann, bieten diese legal abgesicherte Verwischung der Grenzen zwischen privat und öffentlich und die wahllose Beteiligung von Stadtverwaltungen an Immobiliengeschäften Amtsträgern zahlreiche quasi-legale und höchst verführerische Chancen zur Selbstbereicherung.

Dementsprechend konnte es eine mächtige Fraktion in Ordos, bestehend aus Offiziellen und ihren Verbündeten aus der Erschließungsbranche (oft sind das auch dieselben Leute), kaum abwarten, neue Projekte zu finden. Die höchste Hürde für großflächige Erschließungsprojekte ist in aller Regel die Finanzierung, aber diese wurde in Ordos durch das stetig aus den Minen sprudelnde Geld weggespült. Da es Milliarden auszugeben gab, wurde die Kapitalbindung zu einem drängenden Anliegen der Stadtverwaltung. Man begann sofort mit der Neugestaltung von Dongsheng; die Sanierung innerstädtischer Gebiete ist jedoch ein lästiger und langsamer Vorgang, bei dem man zudem von der Unannehmlichkeit geplagt ist, Einwohner umzusiedeln. Neue Erschließungen auf unbebautem Land sind daher allemal vorzuziehen. Und hier kommt Kangbashi ins Spiel: Die Erschließung des 35 Quadratkilometer großen stadteigenen Geländes war, vereinfacht gesprochen, das zweckdienlichste Verfahren, um sicherzustellen, dass die Ströme des unverhofften Kapitals weiter in der Region zirkulieren und nicht in andere Richtungen, etwa in die Immobilienmärkte von Beijing oder Shanghai, abfließen.

Lohnenswerte Eigentumswohnungen in der Geisterstadt

In dieser Hinsicht ist Kangbashi ein doppelter Erfolg: Die Milliarden Yuán, die für das Projekt aufgewendet wurden, verschwanden nicht in der Architektur und Landschaftsgestaltung. Sie verschwanden in der örtlichen Bauindustrie, machten die Mitglieder der Koalition aus Erschließern und Offiziellen so reich, dass sie nun zu den Immobilienmagnaten Chinas gehören. Der zweite Erfolg bestand darin, dass alle gebauten und geplanten Wohneinheiten verkauft wurden - was dank einer aggressiven Vermarktung, eines starken Interesses an Grundbesitz und des Fehlens einer Grundsteuer ebenfalls gut funktionierte. Wie der in China tätige amerikanische Finanzwissenschaftler Patrick Chovanec betont, haben die Menschen angesichts künstlich niedriger Sparzinsen, einer nicht existenten Grundsteuer und eines volatilen Aktienmarkts gute Gründe, ihr Geld in Immobilien zu investieren - solange die Preise steigen, selbst wenn es sich dabei um Eigentumswohnungen in einer Geisterstadt am Rande der Wüste Gobi handelt. Hinsichtlich dessen, was in China zählt, sind die Errichtung der Stadt und der erfolgreiche Verkauf der Wohnungen also ausreichende Gründe zum Feiern, zumindest für die Besitzer des Kapitals, die auch die Nutzung des Landes kontrollieren. Während man sich darüber lustig macht, dass sie eine Geisterstadt bauten, haben sie auf dem Weg zur Bank gut lachen. Das Lachen kann auch bis zur nächsten Beförderung anhalten, denn Chinas bürokratisches System schaut günstig auf "konkrete Leistungen" wie Kangbashi, insbesondere wenn die Bürokratie voll in den Erfolg einbezogen ist.

Selbstverständlich malen die Pläne von Kangbashi ein verführerisches postindustrielles Bild von forschungsintensiver Nutzung alternativer Energie, einer vitalen, kreativen Wirtschaft und einem luxuriösen Leben. Auf dieser längerfristigen Ebene ist der Erfolg allerdings weit weniger garantiert und, offen gesagt, auch zweitrangig. Kangbashis Größe und Maßstab sind für jeden westlichen Stadtplaner ein Albtraum und strafen alle "ökologischen" Behauptungen der Planung Lügen. Schließlich ist nichts ökologisch daran, eine mehr als 35 km2 große Prärie in eine Stadt zu verwandeln. Der größte bislang neu angesiedelte Industriebetrieb ist das Zweigwerk eines Autoherstellers.

Die Bauarbeiter erzählen zudem, dass hinter den schicken Fassaden der Eigentumswohnungen der Innengestaltung keine besondere Beachtung geschenkt wird. Das Knausern bei den Baumaterialien dürfte dafür sorgen, dass vielen Neubauten unter den harten klimatischen Bedingungen in der Inneren Mongolei kein langes Leben beschieden ist: An gerade fertiggestellten Wohnhäusern sind bereits jetzt Rostflecken sichtbar.

Vorbild für die "Neuen Städte" Chinas

Selbst das glänzende neue Museum ist ein Chaos, wie ein Kurator erklärt: "Wie soll man Exponate in einem Raum ohne eine einzige glatte Wandfläche und ohne einen einzigen rechten Winkel unterbringen?"

Was der Besucher also von seinem Beobachtungspunkt gleich unter dem Museum betrachtet, ist die gigantisch aufgeblasene Version einer für das heutige China typischen Erscheinung: Eine gewaltige Anhäufung an Reichtum, die in diesem Fall von der Kohle- und Gasindustrie geschaffen wurde, wird über das Finanzwesen in die örtliche Grundstückserschließung geleitet.

Der spektakuläre Erfolg von Grundstücksinvestitionen sorgt in den größeren Städten Chinas für Nachahmer. "Neue Städte" werden in ganz China nach ziemlich den gleichen Prinzipien, wenn auch nicht mit so gewaltigen Geldmitteln, in Serie produziert. Trotz der Ausnahmestellung, die Kangbashi dank des anspruchsvollen Entwurfs und des Maßstabs innehat, ist es also ein ausgesprochen typisches Beispiel dafür, was geschieht, wenn eine chinesische Stadtverwaltung, die hauptsächlich darauf angewiesen ist, durch Landerschließungen kurzfristige Einkünfte zu erzielen, den Hauptgewinn zieht. Für die Stadtverwaltung von Ordos war die Errichtung einer Stadt das Hauptziel; wenn Kangbashi gebaut und verkauft werden kann, ist das für sie ein Erfolg, vollkommen gleichgültig, ob am Ende jemand dort wohnt.

Gewiss besteht das Risiko, dass der Grundstücksmarkt sich abkühlt und die Tausenden leer stehenden Wohneinheiten ihren Wert verlieren. Einige Investoren könnten gezwungen sein, ihre Immobilie zu verkaufen. Werden sie einen Käufer finden? Und wenn ja, zu welchem Preis? In einem Boom solche Fragen zu stellen, gilt als politisch unklug. Also werden sie nicht gestellt. Und angesichts der großen Rohstoffvorkommen ist einstweilen auch nicht mit einer Verschlechterung der Lage zu rechnen. Unterdessen steht Kangbashi leer, als treffendes Denkmal des Booms.

Der Text ist zuerst in der Zeitschrift "Bauwelt", Ausgabe 188, erschienen und wurde für SPIEGEL ONLINE leicht gekürzt.

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