Revolten in Kenia Eine afrikanische Bilderfluch-Karriere

Sind Afrikaner zur Demokratie unfähig? Wenn man den allgegenwärtigen Fotos voller primitiver Bürgerkrieger glaubt, dann ja. Doch sie trügen - und erfüllen nur einen Zweck, sagt der Dramatiker und Afrika-Kenner Lukas Bärfuss: die Macht der Potentaten zu erhalten.


Wie kann dieses Bild lügen? Es scheint nicht viele Fragen offen zu lassen, und was noch unklar sein könnte, beantwortet die Bildunterschrift. Es zeigt den Aufmarsch einiger hundert junger Männer, offensichtlich Afrikaner, manche beinahe Kinder. Bewaffnet mit Speeren, Macheten, mit Pfeil und Bogen. Sotik heißt der Ort im kenianischen Rift Valley. Was die Kämpfer zusammengetrieben hat, verrät das Bild zwar nicht. Aber unzweifelhaft sind die Männer Täter, Unruhestifter, Mörder gar, und wenn sie es noch nicht sind, so haben sie sich versammelt, um ebensolche zu werden.

Sotik im Kenianischen Rift Valley: Aufmarsch einiger hundert junger Männer
REUTERS

Sotik im Kenianischen Rift Valley: Aufmarsch einiger hundert junger Männer

Wir kennen diese Bilder. Wir kennen dieses Afrika. Allerdings bezeichnet dieses Afrika weniger einen Punkt auf der Landkarte als vielmehr einen Ort in der kollektiven Vorstellung, die wir uns von diesem Kontinent machen - und auch machen sollen.

Es ist die Vorstellung, dass diese primitiven, archaischen Waffen auf primitive, archaische Menschen verweisen - und auf Konflikte, die ebenso archaisch und primitiv sein müssen. Rache. Vergeltung. Überkommene Ehrbegriffe. Jedenfalls vormodern. Ein moderner Konflikt wäre rational begründet. Dieser hier muss aber ein Stammeskonflikt sein, wie er oft genannt wird, denn nur Stammeskonflikte werden mit solchen Waffen ausgetragen. Die Gründe dafür müssen in der unergründlichen Psyche der Afrikaner liegen. Wir betrachten ein Atavismus, ein unwillkürliches Auftreten von Verhaltensweisen weit entfernter Vorfahren; ganz so, wie bei manchen die Weisheitszähne durchbrechen, bricht bei diesen Menschen die Mordlust aus, der Hass auf eine andere Ethnie.

Die Wahrheit ist eine andere. Die Gewalt ist alles andere spontan. Sie wurde und wird geplant, und zwar minutiös. Und die Motive dieser unsichtbaren Organisatoren sind alles andere als irrational. Sie sind höchst pragmatisch und verfolgen einen ganz bestimmten Zweck. Das Muster ist in Kenia wie überall dasselbe. Einem illegitimen Staatschef erwächst nach Jahren der Duldung plötzlich demokratische Opposition. Um an der Macht zu bleiben, schürt er die ethnische Gewalt - in Afrika reichlich vorhanden. Der Grundstock dafür wurde in der Kolonialzeit gelegt, denn die weißen Herren pflegten ein altbewährtes Machtinstrument. Manche gesellschaftlichen Gruppen wurden bevorzugt, andere von Macht und Reichtum ferngehalten. Teile und herrsche! In Kenia etwa siedelten die Briten im fruchtbaren Rift Valley Angehörige der Kikuyu als Ackerbauern an. Das Nachsehen hatten die ansässigen Kalenjin.

Die afrikanischen Politiker zeigten nach der Unabhängigkeit selten Interesse, die Ungerechtigkeit auszuräumen, Spannungen abzubauen, die verschiedenen Ethnien zu versöhnen. Im Gegenteil. Die ersten Präsidenten war oft nur aufgrund dieser Konflikte an die Macht gekommen, und sie waren bestrebt, sie am Kochen zu halten. Der willkommene Nebeneffekt: Mit jeder Gewaltwelle wurde wieder Gewalt gesät. Verbrannte Häuser, ermordete Menschen, vertriebene Völker - der ursprüngliche Grund der Auseinandersetzung ging vergessen, aber jeder neue Mord lieferte einen neuen Grund für neue Morde.

Innenpolitische Spannungen sind ein bewährtes Mittel, um die Macht zu festigen. Man gewinnt damit Zeit. Arme Menschen, und die meisten Afrikaner sind arm, haben keine Rücklagen, um lange Krisenzeiten durchzustehen, oder wochenlang an Demonstrationen teilzunehmen. Sie müssen sich ums tägliche Überleben bemühen.

Zudem lässt sich im Namen der öffentlichen Ruhe und Ordnung fast alles rechtfertigen: Zensur, Parteien- und Versammlungsverbot, Folter.

Die ohnehin geschwächte Opposition überlebt das nur selten.

Doch der Zweck dieser organisierten Gewalt ist nur in zweiter Linie die konkrete Gewalt. In einer medialen Welt ist das Bild des Krieges ungleich wirksamer als der Krieg selbst, der immer nur eine vergleichsweise kleine Gruppe von Menschen trifft.

Nein, die wahren Adressaten dieser Bilder sind wir, Europa und die westliche Welt.

Unsere Länder verfolgen mancherlei Interessen in Afrika. Ob internationale Unternehmen, militärisch-strategische Stützpunkte, der Tourismus und nicht zuletzt die internationale Entwicklungshilfe - sie alle funktionieren auch ohne Demokratie und Menschenrechte. Aber bestimmt nicht ohne Sicherheit und Ordnung. Und wann immer die internationale Staatengemeinschaft vor die Wahl gestellt wurde: gewalttätige Demokratisierung mit unsicherem Ausgang oder die bestehende autokratische Herrschaft mit Gewähr von Ruhe und Ordnung, dann hat sie sich immer für das Zweite entschieden. Stabilität geht über alles. Im Notfall lieber strukturelle als offene Gewalt.

Genau diese Karte spielen afrikanische Potentaten immer wieder. Demokratie sei etwas für gebildete Eliten, die agrarische, analphabetische Bevölkerung Afrikas sei dazu nicht fähig, und wenn sie es versuche, dann bestehe das Resultat aus Bildern wie diesem.

Und darum schweigt der Westen und akzeptiert die bleierne Ordnung.

Ein einfaches Bild also. Aber es lügt. Nicht die abgebildeten Kämpfer sind die Täter. Der Täter ist das Bild selbst. Es perpetuiert ein Bild Afrikas, dem eine vorsätzliche, instrumentalisierte und organisierte Lüge zu Grunde liegt. Die Lüge von der Unfähigkeit der Afrikaner zur Demokratie. Die Lüge von der spontanen, atavistischen Gewalt.

Das Bild lügt - aber eine tausendmal wiederholte Lüge wird zur Tatsache. Und Tatsachen sind es, die in der internationalen Politik seit jeher das Sagen haben, nicht etwa die Wahrheit.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.