Revolutionsdrama "Die Weber" Ihr da oben, wir hier unten

Gerhart Hauptmanns Revolutionsdrama "Die Weber" kann man mühelos aktualisieren. Sehr griffig gelang dies in der neuen Hamburger Thalia-Inszenierung - jedoch mit wenig Gewinn.

Krafft Angerer

"Wollen Sie die haben? 50 Euro!" Was Thalia-Schauspieler Jörg Pohl nassforsch dem Zuschauer in der ersten Reihe anpreist, entstammt der Produktion eines Sweatshops, in den er und seine Familie ("Das sind alles meine Kinder!") arbeiten. Wir sind bei einer Version 2.0 von Gerhart Hauptmanns "Die Weber", seinerzeit Anklage und naturalistische Reportage aus revolutionären Tagen des schlesischen Weberaufstandes, mit denen der Autor das Theater seiner Zeit aus den Angeln hob.

Regisseur Kornél Mundruczó erschuf mit einer bruitistischen Bühnenmusik in der drangvollen Enge einer Textilproduktionshölle das moderne Bild dieser Ausbeutung. Keine schlesischen Weber, sondern Näher, Gerber und Helfer in einer Dritte-Welt-Kleiderfabrik. Mundruczó lässt das Publikum umweglos hineinrauschen in das, was er und seine Dramaturgin Kata Wéber aus Hauptmanns Stück aktuell herausdestilliert haben. Und das alles bleibt so plakativ über knapp zwei pralle Theaterstunden.

Ein makabres Mahl

Die beiden bezeichneten ihre Arbeit wohlweislich "nach Hauptmann", denn die neuen Texte von Kata Wéber reflektieren zwar den Geist von Hauptmanns 1893 uraufgeführten Werk, aber sie sprechen doch von heute. Hauptmanns schon immer nicht leicht verständliches Weber-Schlesisch vernuscheln die Schauspieler ohnehin meist wie eine ferne Sprache, die Worte und Sätze laufen über der Szenerie als Obertitel wie bei einem fremdsprachigen Film. Das erzeugt eine metasprachliche Ebene, die die Vergangenheit der historischen Weber-Aufstände mit der Gegenwart der Ausbeutung in der Dritten Welt sinnfällig klammert. So versucht Mundruczó Historie und Gegenwart eng zu verzahnen. Und für die Revolution gibt es immer noch jede Menge Gründe.

Regisseur Mundruczó, seit vielen Jahren ein erfahrener und vielfach ausgezeichneter ungarischer Filmemacher, hält sich klugerweise an den fünfaktigen Aufbau von Hauptmanns Drama und übernahm einfach je nach Themenlage die Inhalte der Parts oder ließ sie von Dramaturgin Wéber neu schreiben. So blieb die grausige Schlachtung des geliebten Hundes der Weber-/Näherfamilie Baumert erhalten, ein makabres Mahl, um wenigsten den ärgsten Hunger zu stillen.

Der Concept Store als eigene Hölle

Der verhassten Fabrikanten Dreißiger spielt Bernd Grawert mit der bigotten Engstirnigkeit eines Hamburger Concept-Store-Besitzers, der seine Lieferanten so menschenverachtend und angeekelt behandelt wie seine Angestellten. Dieser Akt spielt in Dreißigers Hamburger Boutique und Regisseur Mundruczó gestaltete ihn als bühnenbreite Monumental-Videoeinspielung, untheatralisch zwar, aber durch Bernd Grawerts überragende Präsenz kapitalistischer Selbstherrlichkeit schon wieder ein Brachial-Erlebnis eigener Prägung.

Der Concept Store als andere Art der Hölle spielt weiter mit, wenn die Weberkinder den Reisenden (prall: Oliver Mallison) im Stil einer Streetgang "abziehen" oder wenn sich das Ehepaar Dreißiger für die Flucht vor den wütenden Arbeitern rüstet. Davor liefert Dreißigers Gattin (hinreißend überdreht: Marie Löcker) eine Studie in bürgerlicher Dekadenz, inklusive Sex-Spiele mit dem Hund. Das allerdings in einer seltsamen Andy-Warhol-Verkörperung zu Velvet Undergrounds "Venus in Furs" (was sonst?). Der Sinn erschließt sich bestenfalls mühsam.

Revolutions-Bolero der Weberkinder

Währenddessen bleibt die triste Unterwelt der Ausbeutung bestehen, die Weberkinder intonieren immer wieder auf Trommeln und mit Kriegsgesang eine Art Revolutions-Bolero, der den Geist des historischen Weberliedes reflektieren soll. Ihr da oben, wir hier unten, der Reichtum der Ersten auf den Schultern der Dritten Welt: Das ist so offenbar, dass es förmlich brummt wie die dräuende Umwälzung. Zumal heute niemand mehr sagen kann, er wüsste nicht, weshalb manche T-Shirts so teuflisch billig zu kaufen sind.

Der ganze Bühnenaufbau (von Márton Agh aufwendig gestaltet) fällt schließlich im Kugelhagel der Revolution zusammen, schwarze Federn regnen wie Asche von oben herab, einstürzende Bauten allenthalben, das Hamburger Rathaus grüßt als Projektion am hinteren Bildrand.

Fällige Buhs für die Regie

Was Kornél Mundruczó nahezu im Original belassen hat, ist der Schlussmonolog des alten Webers Hilse, der sich in Gottvertrauen und Demut an seiner Nähmaschine das beschädigte Weltbild zurechtbiegt und von einer verirrten Kugel getötet wird. Schon zu Hauptmanns Zeiten gab es also kein richtiges Leben im falschen.

Natürlich kann man die "Weber" nicht mehr "vom Blatt" spielen, aber Mundruczós schlanke und ambitionierte Version demonstriert auch eindrücklich, dass durch das allzu Offensichtliche kein Erkenntnisgewinn mehr zu erzielen ist. So blieb es am Ende bei viel Beifall für das tolle Ensemble und die grandios aufspielende Kinder-Riege und ein paar fällige Buhs für die Regie. Manche davon galten wohl auch der Bearbeitung. Sei's drum: Langweilig waren diese "Weber" jedenfalls nicht.



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