Revolutionsfotografie Gut gelächelt ist halb gesiegt

Wer sich Revolutionäre als grimmige Aufpeitscher in Agitatorenpose vorstellt, den belehrt ein neuer Bildband eines Besseren - mit einem Lächeln machten Castro, Che & Co. die kubanische Revolution zum luftigen Lifestyle-Statement.

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Hamburg - Sonderlich fotogen war der Salon-Linke mit Silberblick und Seitenscheitel ja nie, aber so mies sah Jean-Paul Sartre selten aus. Doch wie sollte der Philosoph gegen diese Inszenierung und diesen Konterpart bestehen? Kubas Revolutionär Che Guevara offeriert seinem Gast Sartre mit generöser Geste dicke Zigarren, reicht ihm formvollendet Feuer - und man spürt förmlich, wie der französische Geistesriese auf dem Sofa zusammenschrumpft und bewundernd zum Helden der Revolution aufblickt. Botschaft dieser Bilderserie? Die Zeit der theoretisierenden Eierköpfe, Jean-Paul, ist vorbei - hier sitzt Che, Gentleman der revolutionären Tat.

Die Reportage des kubanischen Fotografen Alberto Korda über den Besuch Sartres und seiner Gefährtin Simone de Beauvoir in Kuba im Februar und März 1960 gehört zu den pointiertesten Fotozeugnissen, die der Verlag Philo Fine Arts in einem Bildband zur kubanischen Revolution versammelt hat. Das Buch basiert auf der weltweit ersten Retrospektive zur kubanischen Revolutionsfotografie, die 2007 in der Hamburger Sammlung Falckenberg zu sehen war. Mit den Arbeiten von Rául Corrales, Alberto Korda, Liborio Noval, Osvaldo Salas und dessen Sohn, Roberto Salas sind fast alle wichtigen Bildchronisten der Jahre 1959 bis 1965 vereint, jener Epoche, die man in Castros Kuba bis heute als "decada prodigiosa" (wunderbares Jahrzehnt) glorifiziert.

Dabei war 1959 genau genommen bereits das Wesentliche gelaufen, sprich: der Wesentliche entlaufen. In der Silvesternacht dieses Jahres entschied sich Diktator Fulgencio Batista mit 40 Millionen Dollar im Handgepäck in die Dominikanische Republik zu flüchten, weil der Sieg Castros, Gueveras und ihrer Mannen nicht aufzuhalten schien - die Revolución Cubana hatte gesiegt. In den Folgejahren suchten die neuen Herrscher ihre Macht zu festigen - und dazu gehörte, vom Ruhm der Revolution zu künden und die Männer, die sie betrieben hatten, zu mythologisieren - ein Job für Fotografen.

Im Kostüm des Klassenfeinds

Die bildmächtigste Revolution des 20. Jahrhunderts war fraglos die russische von 1917. Der Fotograf Gustavs Klucis oder der Regisseur Sergej Eisenstein verbanden, wie der Kunsttheoretiker Boris Groys in einem Begleitessay zum Band ausführt, "die politische Revolution mit einer ästhetischen". Eisensteins sorgsam komponierte Filmwelten diktierten die politischen Umwälzungen, statt sie nur zu dokumentieren, Klucis schuf avantgardistischen Agitprop. Selbst eher reportageartige Bilder von Lenin oder Trotzki zeigen sie als verbissene Anpeitscher der Massen, als Agitatoren in konventionell kämpferischer, steifer Revolutionärspose.

Ganz anders die Genossen aus Kuba, rund 40 Jahre später. Da menschelt es ohne Ende: Che packt bei der Ernte oder auf dem Bau mit an, Fidel Castro stapft ungelenk und eingehüllt in - wie es scheint - mindestens drei Mäntel, gemeinsam mit einer Flinte und dem sowjetischen Staatschef Nikita Chruschtschow durch Schneewälder. Vor allem aber können die Herren Revolutionäre vor lauter Lächeln kaum laufen. Vergnügt flirten sie mit der Kamera, lassen sich etwa mit karnevaleskem Witz bei einem Staatsbesuch 1961 in den USA beim Golfen ablichten: Wir kostümieren uns als Klassenfeind.

Revolution als Lifestyle-Statement

Wer diese Bilder sieht, dem kommen Worte in den Sinn, die nichts mit dem knorrigen Gestus revolutionärer Weltverbesserung zu tun haben: Humor, Ironie gar. Die Revolutionäre schienen zu denken: Selbst wenn daheim Blut in Massenhinrichtungen fließt, ist das kein Grund, nicht zu lächeln.

Kalkuliert war das, zynisch und auch charakterentstellend. Guevara, der am 14. Juni dieses Jahres 80 Jahre alt geworden wäre, hatte nichts vom Typus des charmanten linken Lebemanns, den er auf vielen Bildern gibt. Schon kurz nach dem Umsturz begleitete der als humor - und rücksichtslos geltende Revolutionär als Ankläger in der Hafenfestung La Cabaña hunderte von Hinrichtungen, und ließ ein sogenanntes Lager für Besserungsarbeit für Dissidenten einrichten.

Seiner Ikonisierung standen seine Taten trotzdem nicht im Wege. Das berühmteste Che-Porträt stammt von Alberto Korda. Man kennt das millionenfach verbreitete Konterfei des zur Pop-Ikone stilisierten Revolutionärs von T-Shirts, Kaffeetassen oder Dritte-Welt-Läden-Postern. Oft wurde diese Massenverbreitung als Verrat an den kapitalistischen Kommerz gedeutet.

Ein unzutreffender Vorwurf, wie Groys zu Recht festhält: Denn von Beginn an waren die Bilder der kubanischen Revolution als "Vehikel der revolutionären Propaganda" gedacht - und zwar international. Die Fotografen Korda und Noval etwa hatten Erfahrungen als Modefotografen gesammelt, bevor sie Guevera und Castro in Szene setzten. Nun betrieben sie halt Werbefotografie im Dienste der Revolution, inszenierten Kubas neue Helden als kernige Männer-Models mit barem Oberkörper, klauten im säkularen Hollywood genauso wie bisweilen bei den christologischen Märtyrermotiven des Katholizismus - und machten so aus der Revolution ein zeitgemäßes Lifestyle-Statement.

Sartre nahm den kubanischen Revolutionären ihr Spiel mit dem fotografischen Verkaufshandwerk allerdings nicht übel: "Che Guevara gehört zu den großen Mythen dieses Jahrhunderts; sein Leben ist die Geschichte des vollkommensten Menschen unserer Epoche." Und als Castro im Jahr 2000 im Palast der Revolution mit den Fotografen Corrales, Korda, Noval und Salas Junior zusammensaß, beschied ihnen der Máximo Líder: "Nur dank Euch sind wir noch da."


Harald Falckenberg (Hrsg.): "Kuba. Bilder einer Revolution", Philo Fine Arts, 64 Euro



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