Revuetheater in der Krise Palast ohne Revolution

So viele nackte Damenbeine! Der Friedrichstadtpalast in Berlin hat die längste Girlsreihe der Welt, er ist Europas größtes Revuetheater - er ist eine Legende. Und er kämpft um sein Überleben. Ein neuer Chef will den Mythos retten - mit viel Marketing und wenig Mut.

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Berndt Schmidt sieht aus, als käme er frisch aus der Maske: ein schöner Mann mit braunem Teint und schwarzem Hemd zum schwarzen Anzug, bei dem alles sitzt – das Lächeln, die Haare, sogar die Augenbrauen.

Schmidt redet, als käme er frisch aus einem Managementseminar: von Satz zu Satz hastend, stets das Zepter in der Hand, aber immer mit vertraulich hauchender Stimme.

Schmidt kommt aus einer Kulturfabrik: Bis Ende Oktober hat der 43-Jährige zwei profitorientierte Musicalhäuser der "Stage Entertainment" in Stuttgart geleitet. Seit Donnerstag ist er Geschäftsführer des legendären Friedrichstadtpalastes in Berlin: ein Theater mit kulturellem Anspruch, das der Berliner Senat subventioniert.

Wieso holt ein Haus wie der Friedrichstadtpalast einen Mann wie Schmidt? Die aktuelle Show, die er noch nicht verantwortet hat, gibt eine Antwort: Berlin-Bilder laufen über die Leinwand. Bilder, die das Bild einer Metropole entwerfen sollen. Jung, quirlig und aufregend. Doch dann ist plötzlich Coca Cola im Bild. Und Warsteiner. Und Opel. Man muss sich das mal vorstellen: Opel! Die Reklame drängt aus der Stadt ins Foyer und aus dem Foyer auf die Bühne. Ein frecher Fall von Product Placement, der einen Zuschauer lästern lässt: "Der Friedrichstadtpalast muss es aber nötig haben." Hat er auch.

Vergangenes Jahr hat das Theater 2,2 Millionen Euro Verlust gemacht. Allein im ersten Halbjahr 2007 waren es 2,5 Millionen. Der riesige Palast ist schwer zu füllen: 1895 Plätze gibt es. Die Auslastung ist von über 90 Prozent im Jahr 2001 auf zuletzt 63 Prozent gesunken. 100.000 Besucher weniger kamen in den beigefarbenen Betonklotz in Berlin-Mitte.

In den Zwanzigern war die Revue einmal Avantgarde

Der Aufsichtsrat hat reagiert und die bisherige Doppelspitze abgesetzt: den künstlerischen Leiter Thomas Münstermann und den kaufmännischen Leiter Guido Herrmann. Schmidt regiert nun alleine – eine große Verantwortung.

An der Friedrichstraße 107 residiert immerhin Europas größtes Revuetheater, mit der längsten Girlsreihe der Welt. 32 Damen schleudern die Beine über die Bühne. Ein Superlativ zwar, aber auch ein Trugbild: An der Friedrichstraße residiert nämlich auch eines der letzten Revuetheater Europas. In Deutschland gibt es kein anderes. Wenn der legendäre Palast kriselt, kriselt mit ihm auch ein legendäres Genre.

In den Goldenen Zwanzigern war die Revue einmal Avantgarde. Die in einem raschen Rhythmus montierte Nummernfolge ohne Handlung und Charaktere reagierte auf das Lebensgefühl in Metropolen wie Berlin, damals eine der weltgrößten Städte. Das Image war anrüchig: "Drunter und drüber" hießen die Shows, "Berlin ohne Hemd" oder "Von Bettchen zu Bettchen". Im Großen Schauspielhaus, dem späteren Friedrichstadtpalast, traten die Comedian Harmonists auf und Marlene Dietrich.

Diesen Mythos soll Schmidt retten: ein promovierter Wirtschaftswissenschaftler, kein Künstler. Sein Konzept: kleine Änderungen, "aber bloß keine Palastrevolution!"

Das war auch das Motto seiner Vorgänger: Wer eine Show für den Friedrichstadtpalast entwirft, ist stets versucht, mit Netz und doppeltem Boden zu arbeiten. Er wagt wenig, da das Haus ihm nur eine Chance pro Halbjahr bietet. Mehr Premieren sind wegen der langen Vorbereitung und der hohen Kosten nicht möglich.

Braver als ein bayerisches Stadttheater

Die aktuelle Show beschwört den alten Mythos verzweifelt. Sie montiert Gesang und Tanz und Akrobatik mit Filmschnipseln aus Walter Ruttmanns "Symphonie einer Großstadt" von 1927. Sie preist die Größe und die Anonymität und die Geschwindigkeit des heutigen Berlins, auch wenn die Stadt so groß und anonym und schnell gar nicht mehr ist im Vergleich mit modernen Weltstädten. Sie nennt sich "Rhythmus Berlin".

Münstermann packt 24 Szenenbilder in zweieinhalb Stunden: für den Friedrichstadtpalast ist das viel, für junge Menschen mit moderner Film- und Theatererfahrung eher betulich. Auch verrucht ist die Show nach heutigen Maßstäben nicht. In Zeiten, in denen beinahe jede Bühne blanke Brüste zeigt, enthüllt die Revue nichts – braver als ein bayerisches Stadttheater.

Genau darin liegt das Dilemma: Jungen Besuchern ist der Friedrichstadtpalast trotz ästhetischer Neuerungen zu altmodisch, älteren nicht mehr altmodisch genug. Sie kennen das Haus noch als spießig mondänes Vorzeigeobjekt der DDR, das dem verstaubten Staat so etwas wie Glamour bringen sollte, zum Beispiel mit der Fernsehsendung "Ein Kessel Buntes".

Regisseur Münstermann hat den Spagat zaghaft versucht – und ist gescheitert.

Die wirtschaftlichen Gründe zählt er rasch auf: wachsende Konkurrenz, schrumpfende Subventionen, mehr Individualreisende, die nicht mehr busweise angekarrt werden wie die klassischen Seniorengruppen.

Der Neue sieht das ähnlich und will reagieren, wie ein Ökonom reagiert: Kosten reduzieren, Mitarbeiter entlassen, das Marketing verbessern. Das Budget für Werbung und PR ist an vergleichbar großen Musicalhäusern fast dreimal höher.

"Hier muss Stil rein"

Offen bleibt die Frage, wie das Genre modernisiert werden kann, das rein formal so unmodern eigentlich nicht ist: Viele Stadttheater haben die Revue links überholt, indem sie sich postdramatischen Aufführungen ohne Handlung und Charaktere geöffnet haben, die nichts zelebrieren als die pure Präsenz.

In dieser Situation verzichtet der Friedrichstadtpalast auf einen künstlerischen Leiter. "Das ist ein Menetekel", sagt Münstermann. "Ich habe einen guten Geschmack und weiß, was gut ist", sagt Schmidt. Er setze auf die Kompetenz der Kreativen im Haus, wolle zudem internationale Künstler für einzelne Shows einkaufen.

Als ob er seine Urteilskraft beweisen wolle, streunt Schmidt durchs Foyer und kritisiert das Interieur: Die Sessel sollen raus, die Plüschhocker, die Stehtische. "Hier muss Stil rein."

Mit 6,1 Millionen Euro pro Jahr subventioniert der Berliner Senat den Friedrichstadtpalast – und nun auch Schmidts guten Geschmack.



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