Theaterpremiere Land unter nach heftigem Storm

Als wahre Texflutwelle schwappte Theodor Storms "Der Schimmelreiter" in neuer Hamburger Bühnenversion ins Publikum. Das Ensemble des Thalia Theaters schlug sich tapfer, konnte aber nicht alle Längen überdecken.

Die Schauspieler Jens Harzer als Hauke Haien und Barbara Nüsse als Trin Jans im "Schimmelreiter" am Thalia Theater
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Die Schauspieler Jens Harzer als Hauke Haien und Barbara Nüsse als Trin Jans im "Schimmelreiter" am Thalia Theater


Der Sturm nach der Stille: Wenn Jens Harzer als Deichgraf Hauke Haien schließlich ruhelos, nackt und verzweifelt vor seinem Grab steht, bläst ihm noch kräftig "Voodoo Chile" von Jimi Hendrix ins Gesicht - der Zauber ist gestorben.

Am Ende dieser brachial textlastigen Theaterversion der bekanntesten Novelle Theodor Storms hat ihn die Bühnenkonstruktion förmlich ausgespien, durch eine Drehung brutal an die Rampe geschoben, wie ihn die Gesellschaft zuvor schon ausgegrenzt hatte. Er will nicht sterben, wird zur Spukgestalt, irrt weiter durch die stürmische Küstennacht.

Aber es war ein langer Weg, den der Besessene in dieser Inszenierung des Prosatextes von Johan Simons gehen musste. Und das Publikum benötigte ebenfalls gute Kondition, denn der neu erstellte Text erschien zum Teil unendlich wie das Meeresrauschen und die Gezeiten.

Bilderbuch der Antike

Eine griechische Tragödie! Plakativer kann man eine Bühne (effizient, karg, bedrohlich von Bettina Pommer erdacht) kaum bauen. Mit zwei schlichten Treppen, einem riesigen Wall - ein Deich wie ein Monument aus dem Bilderbuch der Antike. Gestört nur durch den Plüschkadaver eines Schimmels, der über diesen Quasi-Deich hängt.

Darauf die Menschen, die mal herunterkullern, mal stolz schreiten, ihn aber nie beherrschen, diesen Bau, der stattdessen sie beherrscht. Weite Sicht aufs imaginäre Meer.

Inmitten des meist monochrom schwarz-weiß ausgeleuchteten Bildes (differenziertes Licht: Paulus Vogt) ragt oft nur einer als Fels in der Brandung heraus: Jens Harzer spielt diesen Hauke Haien, der mit der Zeit immer furchterregender und intensiver in seiner Entschlossenheit wirkt, den besten aller Deiche für die Ewigkeit zu bauen, praktisch die Zukunft seines friesischen Küstenortes.

Nur durch das Geld seiner Frau Elke (berührend schlicht und intensiv: Birte Schnöink) zum Herrscher über Deich und Gemeinde katapultiert, wird Hauke Haiens von Wissenschaft und Fortschrittsglaube getriebener Ehrgeiz der zerstörerische Sprengsatz für alle. Die Kraft, die in diesem Falle das Gute will und das Böse schafft: ein tragischer Faust ohne seinen Mephisto-Korrektiv.

Aus dem Museum des Regietheaters

Wer Jens Harzer im Tatort-Krimi "Es lebe der Tod" sah, hat eine Vorstellung von der Intensität, mit welcher er Extremisten mit vielen Facetten darstellen kann. Vom Flüstern zum Schrei, von der kühlen Überlegung zum hysterischen Übergeigen, dieser Harzer kann mit seiner berserkernden Intensität die Bühne allein füllen, wie er es am Thalia in den vergangenen Jahren schon oft bewiesen hat.

Nun schrieb die Dramaturgin Susanne Meister eine neue Textfassung für den "Schimmelreiter", die die komplexe dreistufige Erzählstruktur der Novelle zwar klug eindampft, den niederländischen Regisseur Johann Simons allerdings zu ein paar Spielleiter-Schlenkereien verleitete, die man eigentlich schon im Requisitenmuseum des Regietheaters vermutete.

So setzte das Ensemble sechs (oder sieben?) Male mit der Erzählung "Es war das Jahr 1756" an, um die gleiche Szene nahezu identisch zu wiederholen. Einmal wechselte Jens Harzer die Jahreszahl, aus Versehen oder mit Absicht, aber das war dann auch schon egal: Der ewig gleiche Rhythmus von Wind, Wellen, Ebbe und Flut prägte Simons' Sicht auf Storm, der so viel Wiederholung eigentlich nicht benötigte. Willkommen im Redundanztheater!

Da wackelt die Treppe!

Natürlich passierte eine Menge mehr, aber dieser "Running Non-Gag" bremste stets dann, wenn die Deich-Sache Fahrt gewann. Als zum Beispiel der verprellte Deichgraf-Anwärter Ole Peters in Gestalt von Sebastian Rudolph dem Harzer-Haien eine Standpauke bezüglich seiner Eitelkeit und Bigotterie hält, da wackelt die Treppe.

Und Rudolphs Furor kann Harzers mildem Wahn durchaus Paroli bieten. Oder der wie immer höchst individuelle Kristof Van Boven, der als Kind von Hauke und Elke ein Wesen spielt, das aufgrund einer kognitiven Behinderung nur unvollkommen mit seiner Umwelt kommunizieren kann, sie aber intensiv erlebt - ein zwar simpler Spiegel des Elterpaares, aber subtil dargestellt.

Perfekt agierende Darsteller

Und dass Barbara Nüsse, die Grande Dame des Thalia, die Trien Jans mit geisterhafter Noblesse und abgründiger Waghalsigkeit zeichnet, überrascht kaum, wie auch Rafael Stachowiaks manisch-furchtsamer Carsten markante Momente serviert.

Dennoch bekommt der Abend bei allem Stilwillen keine überzeugende Linie und verhindert durch die allzu statische Personenregie, die sich anscheinend bewusst der Dramatik verweigert, den herbeigesehnten Wumm. Wenn der dann durch die sparsam eingesetzte Musik addiert werden muss, wurde schauspielerisches Potenzial falsch portioniert.

Die Reaktion des Premierenpublikums fiel dann entsprechend distanziert und leicht irritiert aus. Nach einigen Erfolgen mal wieder Land unter im Thalia. Natürlich erhielten die perfekt agierenden Darsteller lautstarken Applaus, das Regieteam weit weniger, aber wenn Schulterzucken Lärm machen könnte, hätten die Thalia-Mauern gebebt.



insgesamt 2 Beiträge
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zauberfrau63 26.11.2016
1.
Ich war skeptisch, ob man eine Novelle wie den Schimmelreiter auf die Bühne bringen kann. Ich bin restlos überzeugt, es geht. Was für eine wunderbare Vorstellung! Mit einem simplen, aber wirkungsvollen Bühnenbild und einem großartigen Ensemble, das Kraft und Intensität mitbrachte, wurden die Bilder erzeugt, die bei diesem Text so wichtig sind. Die Schauspieler - jede/r für sich - haben die Aussagen des Stücks ohne erhobenen Zeigefinger und Moralisierung transportiert. Und Jens Harzer spielte die Überzeugung, die Zerrissenheit und Verzweiflung des Hauke Haien mit einem Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte. Gerade die Wiederholungen der angesprochenen Textpassagen, die sich ja auch von Mal zu Mal verlängerten, ließen bei diesem textgewaltigen Schauspiel innehalten und jedes Mal war für mich etwas anderes an diesen Passagen je nach Betonung besonders eindringlich. Die Wiederholungen bildeten eine Art Klammer um den ganzen Text, der wahrlich keine leichte Kost ist. Der gewaltige Abgang von Hauke Haien, nackt, beraubt seiner Frau, seines Kindes, allen irdischen Gütern und vorallem seiner Träume und Visionen, hätte deutlicher nicht sein können. Warum es immer noch so einen Unmut gibt, wenn ein Schauspieler nackt, entblößt auf der Bühne steht, ist mir schleierhaft, wir leben ja schließlich nicht mehr im 19. Jahrhundert. Die Musik war sehr laut und hat erschreckt, für die ältere Generation sicher etwas heftig, aber sie untermalte treffend die Tragik und Düsternis dieser Novelle. Schade nur, dass es manche im Publikum gab, die meinten mit Buh-Rufen ihrem Unmut über das Stück kundtun zu müssen. Die Inszenierung polarisiert, keine Frage und man muss sie nicht mögen, aber die Buh-Rufe treffen auchvor allem die Schauspieler, für deren Leistung an diesem Abend und den endlosen Proben, Diskussionen, Änderungen, Versuchen zumindest Respekt gezollt werden sollte. Buh für diese Gäste im Publikum! Das ist schlechtes Benehmen!
cl_lechner 28.11.2016
2. Schade
Selten gehe ich verärgert aus dem Theater, aber bei dieser Inszenierung war das leider der Fall. Was toll begonnen hat mit einem imposanten, kargen Bühnenbild, von phantastischen Schauspielern getragen wird, fühlt sich am Ende nur quälend an und dass nur, weil der Regisseur es für nötig befunden hat, eine Passage von ca 15 Minuten Länge tatsächlich sieben Mal die Schauspieler spielen zu lassen. Rechnet man die Zeit zusammen, dann versteht man auch, warum das Stück ca. 3 Stunden lang ist plus Pause, die zahlreiche Zuschauer (am Sa 26.11.) genutzt haben, die Aufführung vorzeitig zu verlassen. Theater muss nicht immer unterhalten und darf auch unbequem sein, aber sollte nicht dazu führen, dass man bei jeder Textwiederholung nur darauf hofft, sie möge gleich vorbei sein, was sie aber nicht ist, denn 15 Minuten können sehr, sehr lang sein. Und so bekommen die Schauspieler am Ende nur verhaltenen Applaus, obwohl sie mehr verdient hätten für ihre tollen Leistungen. Dem Regisseur gebührt jedoch Kopfschütteln (und durchaus auch ein lautes "Buh") für diese "Quälerei". Schade!
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