Rezession am Broadway Besuch der alten Dame

Die Rezession hat den Broadway erreicht. Viele Shows spielen nur noch vor halbleeren Rängen oder müssen vorzeitig schließen, andere finden schon vorab keine Finanziers mehr. Einen Trumpf gegen die Musical-Krise könnte es jedoch geben: Rue McClanahan - Kultstar aus der Serie "Golden Girls".

Von , New York


New York - Michael J. La Rue hätte sich nie träumen lassen, dass er mal am Broadway landen würde. "Ich bin Rechtsanwalt von Beruf", grinst der New Yorker. Und doch steht er jetzt hier, auf der West 46th Street mitten im Times Square District, und zeigt auf die Theatermarkise der Show "In The Heights" ("Bestes Musical 2008"). "Das nächste Mal", prophezeit La Rue, "geht dieser Preis an mich."

Ein Scherz? Nicht wirklich. Der 45-Jährige meint es ernst. Er hat seine Jura-Karriere hingeschmissen und produziert gerade sein erstes Broadway-Musical - eine autobiografische One-Woman-Show mit Rue McClanahan, 74, einem Millionenpublikum bekannt aus der Kultserie "Golden Girls". Der Ex-Anwalt, ein guter Freund McClanahans, hat das Projekt selbst konzipiert und müht sich nun, die Finanzierung auf die Beine zu stellen. Sein Budget: "Zwei Millionen Dollar."

Allerdings hätte er sich keinen schlechteren Zeitpunkt aussuchen können, um ins Showgeschäft einzusteigen. Die Finanzkrise und die Rezession haben New York schwer getroffen. Das schlägt sich auch am Broadway nieder: Viele Shows spielen vor halbleerem Haus, da sich die Leute den Eintritt nicht leisten können. Etliche Produktionen mussten bereits vorzeitig schließen, während geplante Stücke kaum mehr Finanziers finden - die Geldgeber kamen vielfach von der Wall Street.

Auch Michael J. La Rue merkt, dass ihm jene Finanzquellen versperrt sind, aus denen sich der Broadway bisher speiste - eine Branche, an der 44.000 Arbeitsplätze hängen und die vor einem Jahr noch mehr als fünf Milliarden Dollar zur Kommunalwirtschaft beisteuerte: "Bei der Geldbeschaffung muss man kreativer werden." Doch sieht er in der Krise auch eine Chance: "Das ist doch jetzt eine goldene Gelegenheit."

Die Januar-Bilanz am "Great White Way" war in der Tat miserabel. Von den 21 laufenden Produktionen - zehn weniger als noch sechs Monate zuvor - machten allein in der sonst immer ziemlich lukrativen ersten Woche des Jahres alle bis auf drei Shows Verluste. Selbst bei Zugpferden wie "Lion King", "Mamma Mia!" und "Wicked" gingen die Einnahmen zurück.

Auch anspruchsvollere Sprechstücke spielten vor halbleeren Rängen: "Equus" (Auslastung: 69 Prozent, trotz "Harry Potter"-Star Daniel Radcliffe), "The American Plan" (59 Prozent), "Speed the Plow" (54 Prozent). Binnen einer Woche beendeten zwölf Musikproduktionen ihr Langzeit-Engagement früher als geplant - darunter Hits wie "Hairspray", "Spring Awakening" und "Grease".

Schlimmer als nach 9/11

Broadway-Novizen müssen sich zurzeit besonders abstrampeln. "Shrek", das Monster-Musical zum Kinohit, wurde gleich nach seiner Premiere im Dezember zum Schreckgespenst: Der erste Ausflug des Hollywood-Studios Dreamworks nach New York sah seinen Wochenumsatz auch dank mieser Kritiken von 1,3 Millionen auf 502.000 Dollar stürzen. Jeder zweite Sitz blieb leer. Zuletzt setzte "Shrek" zwar wieder 636.329 Dollar um - doch das reicht gerade mal dafür, die 25 Millionen Dollar teure Show-Extravaganz täglich auf die Bühne zu bringen.

Glaubt man Broadway-Insidern, so ist die Krise schlimmer als nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, als das Musical-Geschäft vorübergehend stillstand. Damals berappelte sich die Szene schnell, und in der Saison 2007/8 wurden Show-Tickets im Wert von 938 Millionen Dollar verkauft - ein Rekord.

Doch seit dem vergangenen Winter geht es bergab. "Es herrscht ein allgemeines Gefühl der Angst", bestätigt Charlotte St. Martin, die Chefin der Branchenvereinigung Broadway League, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. In den letzten drei Monaten hätten insgesamt 18 Shows dichtgemacht: "Das besorgt die Leute sehr."

Kein Wunder, dass die "New York Times" schon "eine der dunkelsten Phasen" in der New Yorker Theatergeschichte heraufziehen sieht. St. Martin will sich solcher Schwarzmalerei allerdings nicht bedingungslos anschließen: "Wir sind verhalten optimistisch für die Restsaison", beharrt sie. Die Saison endet im April. Weiter mag aber auch die Liga-Chefin nicht denken.

Produzenten und Finanziers hingegen müssen in die Zukunft blicken. Wie schwierig das geworden ist, das spüren auch Top-Produzenten wie Elizabeth McCann, seit vier Jahrzehnten im Broadway-Geschäft, die derartige Probleme hatte, 6,5 Millionen Dollar Startkapital zusammenzutrommeln, dass das Public Theater sie fast gefeuert hätte. Dort soll im März das lange erwartete Revival der ewigen Hit-Show "Hair" aufgeführt werden. Am Ende musste McCann mit einer Million Dollar weniger auskommen. "Die Leute haben schreckliche Angst, Geld in Shows zu stecken", klagte die Produzentin in der "New York Times". "Es ist sehr hart."

"Wir sind ein Opfer der Geschichte"

Eine Reihe geplanter Neuproduktionen wurde gleich ganz auf später verschoben. "Aus Rücksicht auf die Investoren in dieser komplizierten Zeit, die es einem sehr schwer macht, ein neues Musical zu unterstützen", erklärte Sue Frost, die Produzentin des Musicals "Vanities", das eigentlich im Februar Premiere feiern sollte. "Wir sind ein Opfer der Geschichte."

Auch Tom Viola bekommt die Krise zu spüren. Viola leitet Broadway Cares/Equity Fights Aids (BC/EFA), eine der ältesten Aids-Organisationen der USA. BC/EFA finanziert sich aus Zuwendungen von Konzernen und privaten Philanthropen sowie aus Spenden, die bei den Zuschauern gesammelt werden - zuletzt rund 15 Millionen Dollar im Jahr. Die fließen vor allem kranken Broadway-Künstlern zu, aber auch HIV-Betroffenen aus anderen Bereichen.

Querbeet sind die BC/EFA-Einnahmen nach Angaben Violas seit Oktober 2008 "um rund 18 Prozent" eingebrochen. "Unsere finanzielle Situation reflektiert den finanziellen Zustand des Broadways", sagte Viola zu SPIEGEL ONLINE: Publikumsschwund bedeute sofort auch Spendenschwund. Die Industriezuwendungen seien fast bis auf null zurückgegangen.

Kritiker werfen den sensiblen Bühnenkünstlern und ihrer Branche hingegen überzogenes Selbstmitleid vor: Zuerst solle man die exorbitanten Eintrittspreise senken. Andere fordern kollektive Gagenkürzungen.

Michael J. La Rue setzt auf eine andere Idee: Er glaubt, seinen ganz eigenen, innovativen Ausweg aus der Krise zu haben. "In ihrer Küche" habe er Rue McClanahan überredet, ihre schillernde Autobiografie "My First Five Husbands" musikalisch in Szene zu setzen. McClanahan - die als männermordendes "Golden Girl" Blanche Devereaux auch heute noch in mehr als 60 Ländern zu sehen ist - sagte sofort zu.

Aus eins mach zwei

Doch La Rue stieß auf zwei Probleme. Erstens die Finanzierung: Selbst eine Ein-Personen-Show erfordere ein Team von 44 Leuten samt neunköpfigem Orchester. Zweitens könne die inzwischen 74-jährige McClanahan nie die von den Broadway-Gewerkschaften beanspruchten acht Aufführungen pro Woche durchhalten.

Also wurde La Rue erfinderisch: Er will das Theater doppelt belegen - mit zwei Shows, deren Stars nur je vier Engagements pro Woche absolvieren müssten. Finanziert würden diese Events getrennt, was die Geldbeschaffung vereinfache. Produziert würden sie aber mit einer gemeinsamen Bühnentechnik - was die Kosten stark senke.

Ob sich La Rues Einfall rechnet, muss sich natürlich erst noch zeigen. Jedenfalls will er das Startkapital für die eine Hälfte - McClanahans Show - bereits zusammen haben, nicht zuletzt dank einer Grundschullehrerin, die 43 Millionen Dollar im Lotto gewonnen habe. McClanahan nimmt dieser Tage schon Gesangsstunden, Proben sollen im Sommer beginnen, die Premiere ist für Herbst avisiert.

Für die zweite One-Woman-Show werden laut La Rue etliche Kandidatinnen geprüft. Darunter "Grease"-Star Olivia Newton-John, Chansonette Judy Collins und Mary Tyler Moore, der TV-Liebling der siebziger Jahre.

La Rues hemdsärmeliger Ansatz könnte Schule machen. Auch andere Produzenten sehen in der Krise buchstäblich eine Inspiration. Zwei Shows, die sich gerade in der Vorproduktion befinden: "Minsky's", ein Musical über einen Theaterimpresario während der Depression, und "Bernie Madoff: The Musical" - die Vertonung des größten Wall-Street-Betrugs aller Zeiten.



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