Rezessionstalk im TV Wir kriegen die Krise

Der Konjunkturkampf wird zum Konjunkturkrampf. Plasberg, Maischberger, Illner: Deutschlands Moderatoren arbeiten sich an der Finanzkrise ab. Doch wirklich kritisch ist der Mehrwert der Talkshows - er geht hart gegen Null.

Von Reinhard Mohr


Neues Jahr, altes Elend. Der Krampf geht weiter. Wir kriegen die Krise. Echt jetzt.

Am Dienstag befragte Sandra Maischberger die Elder States- and Businessmen Kurt Biedenkopf und Edzard Reuter zum milliardenschweren Antikrisenpaket II der Bundesregierung.

Am Mittwoch nahm Frank Plasberg seine Fünferrunde gewohnt streng ins krisengeschüttelte Konjunktur-Gebet.

Und an diesem Donnerstag wird Maybrit Illner Guido Westerwelle, Andrea Nahles, Jürgen Rüttgers, Cem Özdemir und Gregor Gysi mit der großkoalitionären "Politik im Rettungsrausch" konfrontieren.

Talker Maischberger, Plasberg, Illner: Konjunktur-Krampf im Fernsehen
DPA; AP; DPA

Talker Maischberger, Plasberg, Illner: Konjunktur-Krampf im Fernsehen

Wer über die Feiertage die stille Hoffnung gehegt haben sollte, dass sich das peinigende Dauerthema vielleicht doch in luftiges Wohlgefallen auflösen würde, der hat sich geirrt.

Die Börse rauscht weiter talwärts, und selbst die stolze Deutsche Bank gerät bedrohlich ins Schlingern, während rundherum immer neue Hiobsbotschaften aus der "Real"-Wirtschaft die Konsum- wie Nervenstärke der Bürger auf eine harte Probe stellen.

Nur RTL, gerade 25 geworden, bleibt ruhig und gelassen. In wenigen Tagen beginnt schon wieder Dieter Bohlens spektakuläre Suche nach dem nächsten "Superstar" - für Brot und Spiele ist also in jedem Fall gesorgt. Klar: In Krisenzeiten brauchen die Leute mehr Ablenkung und Zerstreuung denn je. Das bisschen Information wird gratis dazu geliefert.

Zufriedenheit der Leichtlohngruppe

So war es auch an diesem Mittwochabend. Gut eine Stunde, bevor Giulia "Phobia" Siegel ihren persönlichen Dschungelkampf mit tapfer gereckter Silikonbrust fortsetzen durfte, ging RTL-Schuldnerberater Peter Zwegat, die Bestattermiene keine Sekunde ablegend, gemeinsam mit RTL-Kollegin Ilka Essmüller der Frage nach: "Was verdient Deutschland?"

Krise hin oder her - hier wurde einfach mal gnadenlos und "vor Ort" nachrecherchiert, was die Friseurin bekommt (1200 Euro brutto) und was der Top-Manager (ab eine Million aufwärts per aspera ad astra). Man fragt ja sonst nicht so genau nach.

Aufschlussreich waren nicht die extremen Einkommensunterschiede und unbestreitbaren Ungerechtigkeiten, sondern die erstaunliche Tatsache, dass viele Geringverdiener, ob Müllmann, Bäcker oder Showgirl, sich mit ihrem Gehalt zufrieden zeigten.

Kleiner Clou am Rande: Der einzige Top-Manager, der sich vor der Kamera äußern wollte, war Wolfgang Grupp von Trigema. Doch auch er nannte nicht die Höhe seines Jahresgehalts: "Ich stehe für alles gerade, was in meinem Unternehmen passiert." Das musste genügen.

Bei "Hart aber Fair" wäre er damit nicht durchgekommen. Dort aber hatte Moderator Frank Plasberg buchstäblich alle Hände voll zu tun, um die soundsovielte Umformulierung des Generalthemas "Deutschland am Abgrund – was ist der nächste Schritt?" (dieses Mal: "Rein in die Schulden, raus aus der Krise - Was bringt uns das Konjunkturpaket?") mit Leben zu füllen.

Eine große Hilfe waren die eingeladenen Gäste allerdings nicht, und so war der Einstiegswitz von "Radio Eriwan" schon der Höhepunkt der Sendung: "Was ist der Unterschied zwischen Kapitalismus und Sozialismus? Im Sozialismus wird die Wirtschaft erst verstaatlicht und dann ruiniert, im Kapitalismus wird die Wirtschaft erst ruiniert und dann verstaatlicht."

Da riss sich der Manager die Krawatte vom Hals

Schon der Zweitgag des Unternehmers und deutschen "Club of Rome"-Vorsitzenden Max Schön fiel dagegen stark ab: Er riss sich seine Krawatte vom Hals und verlangte auch dafür eine Abwrackprämie. Was bei Altautos billig ist, sollte bei gebrauchten Herrenaccessoires nicht zu teuer sein. Immerhin erbarmte sich der saarländische Ministerpräsident Peter Müller (CDU) und zeigte umgehend Kaufinteresse.

So hätte es vielleicht doch noch ein wenig lustig werden können, wäre da nicht Renate Künast gewesen, grüne Fraktionsvorsitzende im Bundestag, die nun schon im vierten Jahr schwer darunter leiden muss, nicht mehr Ministerin zu sein und im Bundeskabinett zu sitzen.

Gegen diesen misslichen Zustand setzt sie alles in Marsch, was sie hat, zuvörderst ein beeindruckendes Maß an Besserwisserei. Ihre Botschaft: Renate rettet die Welt - wenn man sie nur ließe! Am Konjunkturpaket II ließ sie selbstverständlich kein gutes Haar.

Ihr Anspruch ist allerdings auch gewaltig: Neben der Bewältigung der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise müsste es auch noch der sozialen Gerechtigkeit auf die Sprünge helfen, eine große Steuerreform initiieren, das globale Klima retten und das deutsche Bildungssystem auf das Niveau von Dänemark und Schweden bringen. Für eine kleine selbstkritische Rückschau auf die Regierungszeit von Rot-Grün blieb da keine Zeit mehr.

Leider blieb auch recht wenig Zeit für die Politik-Chefin der "Welt", Margaret Heckel, die immerhin versuchte, ein paar Nuancen in die Bausch-und-Bogen-Rede der gestrengen Grünen zu bringen.

Und die "Gesamtsituation"?

Noch verlorener wirkte Manfred Baasner von der "Bochumer Tafel", der ganz nebenbei einen linkskeynesianischen Glaubenssatz in Zweifel zog: Wenn die Armen und Geringverdiener etwas mehr Geld bekommen, geht das keineswegs unmittelbar in den konjunkturpolitisch erwünschten Sofortkonsum, berichtete er aus eigener Erfahrung. Denn auch und gerade "ganz unten" wird in der Not etwas beiseitegelegt. Man könnte hinzufügen: Mit den dramatischen Einbrüchen bei Maschinenbau, Auto-, Zuliefer- und Chemieindustrie hat das alles sowieso nichts zu tun.

Doch die schiefe Perspektive der Debatte lag schon in der Fragestellung: "Was bringt uns das Konjunkturpaket?" Schon klar, das wollen wir auch wissen. Die wichtigste Frage aber wäre: Bringt es was für die "Gesamtsituation" ("Der Schuh des Manitu")?

Folglich werden auch immer wieder Äpfel mit Birnen verglichen, vor allem die Bürgschaftsmilliarden mit den Bildungsmilliarden, am liebsten: mit den mickrigen paar Euro Steuererleichterung. Da wird Empörung ganz billig und frei Haus geliefert.

Und so kam es, wie es kommen musste: Man verlor sich im Detail, sprang von hier nach dort, ohne roten Faden, ohne irgendeine neue Einsicht. "Wenn Politik auf Wirklichkeit trifft" – der Werbeslogan von "Hart aber Fair" müsste umformuliert werden: "Wenn Ratlosigkeit auf Zerfahrenheit trifft".

Sicher ist: Der Krampf geht weiter.

insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
maxgil 15.01.2009
1. Wikrlich pleite sein
Zitat von sysopDer Konjunkturkampf wird zum Konjunkturkrampf. Plasberg, Maischberger, Illner: Deutschlands Moderatoren arbeiten sich an der Finanzkrise ab. Doch wirklich kritisch ist der Mehrwert der Talkshows - er geht hart gegen Null. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,601377,00.html
Das Einzige was man gestern sehen konnte war, dass die Vertreter der hiesigen Politik noch immer nicht kapiert haben, dass es so nicht weitergeht. Kein Wort zu Einsparung komplett unsinniger Ausgaben, wirklichen Zukunftsinvestitionen oder gar Abbau der überbordenden Bürokratie. Von Beamtenpensionen, Polikerbezügen, Reduktion im föderalen System ganz zu schweigen. Warum hat denn der dusselige Moderator nicht mal gefragt warum wir 16 Kultusminister mit Stabsapparat und tausenden Beamten brauchen. Wenn wir die nicht mehr hätten, könnten wir auch in Lehrer und Schulen investieren. Was soll eine Kultusministerkonferenz? Gehn die da einen trinken? Wenn Bildung Ländersache ist, warum haben wir den in Berlin eine Bildungsministerin mit Behörde? Trinken die da den ganzen Tag Kaffee? Die haben doch überhaupt keine Kompetenz! Das ist doch alles Schwachsinn. Aber mal wieder: kein Wort. Soll alles so bleiben wie es ist, wir haben nur noch mehr Schulden. Wahrscheinlich müssen wir erst wirklich pleite sein, bevor sich etwas ändert. Na, dann hoffen wir mal, kann ja nicht mehr lange dauern.
pronexus, 15.01.2009
2. Weg mit den Fernsehgebühren
Der Artikel ist eine schöne Zusammenfassung der desolaten Lage des öffentlich-rechtlichen 'Bildungsfernsehens'. Nachdem das Unterhaltungsniveau auf FlorianHansi Silberseer und RosamundePilcherfilme sowie DrsKleistMertinSommerfeld ungefähr auf der Nulllinie angekommen ist bemühen sich jetzt auch die früher mal excellenten MaischbergerIllnerPlasbergWill sich in diese Richtung zu begeben. Es wird Zeit, dass die Fernsehgeühren abgeschafft werde und auch dort ein Bezahlfernsehen eingeführt wird. Dann können ARD und ZDF innerhalb von 6 Monaten 70% ihrer Aufwände einsparen, weil niemand diesen Unsinn mehr sehen will.
pronexus, 15.01.2009
3. Wohl wahr!
Zitat von maxgilDas Einzige was man gestern sehen konnte war, dass die Vertreter der hiesigen Politik noch immer nicht kapiert haben, dass es so nicht weitergeht. Kein Wort zu Einsparung komplett unsinniger Ausgaben, wirklichen Zukunftsinvestitionen oder gar Abbau der überbordenden Bürokratie. Von Beamtenpensionen, Polikerbezügen, Reduktion im föderalen System ganz zu schweigen. Warum hat denn der dusselige Moderator nicht mal gefragt warum wir 16 Kultusminister mit Stabsapparat und tausenden Beamten brauchen. Wenn wir die nicht mehr hätten, könnten wir auch in Lehrer und Schulen investieren. Was soll eine Kultusministerkonferenz? Gehn die da einen trinken? Wenn Bildung Ländersache ist, warum haben wir den in Berlin eine Bildungsministerin mit Behörde? Trinken die da den ganzen Tag Kaffee? Die haben doch überhaupt keine Kompetenz! Das ist doch alles Schwachsinn. Aber mal wieder: kein Wort. Soll alles so bleiben wie es ist, wir haben nur noch mehr Schulden. Wahrscheinlich müssen wir erst wirklich pleite sein, bevor sich etwas ändert. Na, dann hoffen wir mal, kann ja nicht mehr lange dauern.
Genau! Ich werbe dafür, ein Partei zu gründen, deren wesentlicher Programmpunkt die Abschaffung des Föderalismus in Deutschland ist. Was nach dem Krieg sinnvoll war ist heute eine der größten Belastungen für ein funktionierendes Staatswesen in Deutschland. All diese Wichtigtuer in den Ländern - nach Hause schicken und das Geld in eine ordentlich organisierte Bildung und Infrastruktur stecken. Dann geht es auch wieder aufwärts!
Bruddler II 15.01.2009
4. schwach!
War nun schon die 2. Sendung, die Frank Plasberg in diesem Jahr in den Sand gesetzt hat - so schwach habe ich ihn lange nicht gesehen. Müssen wir uns Sorgen machen? Dagegen hatte die Altherrenrunde bei Maischberger durchaus unterhaltsames Niveau...
ooo.O!O.ooo 15.01.2009
5. Ha!
Zitat von sysopDer Konjunkturkampf wird zum Konjunkturkrampf. Plasberg, Maischberger, Illner: Deutschlands Moderatoren arbeiten sich an der Finanzkrise ab. Doch wirklich kritisch ist der Mehrwert der Talkshows - er geht hart gegen Null. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,601377,00.html
Wer im Glashaus sitzt, liebe Spiegel-Online-Redakteure....
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