Richard-Avedon-Ausstellung Bezaubernde Anmut, bittere Armut

Er ist einer der größten Fotokünstler des 20. Jahrhunderts: Richard Avedon, Spezialist für Modebilder und Prominenten-Porträts. Doch er zeigte auch die Kehrseite des Wohlstands - Obdachlose, Schausteller, Bergleute. Jetzt ist in Berlin die erste Retrospektive in Deutschland zu sehen.

Von Nicole Büsing und Heiko Klaas


Der dreizehnjährige Boyd Fortin arbeitete als Klapperschlangenenthäuter in Sweetwater, einem Kaff in Texas, als am 10. März 1979 ein Typ aus New York zu ihm ins Dorf kam. Ihm eilte der Ruf voraus, er sei ein berühmter Fotograf. Seine Assistentin reichte den Leuten glamouröse Zeitschriften aus der großen weiten Welt mit Modeaufnahmen, auf denen die schönsten Frauen in den aufregendsten Kleidern zu sehen waren.

Der Fotograf bat auch Boyd Fortin zum Porträt. Er stellte im Dorf seine weiße Papierleinwand auf, plazierte helle Scheinwerfer davor und ließ auch ihn posieren. Mit weißer, blutverschmierter Latzhose und einer aufgeschlitzten Klapperschlange in den Händen. Fortins Gesichtsausdruck zeigt, dass er sein unappetitliches Handwerk nicht zum ersten Mal ausübt. Was getan werden muss, wird eben getan, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Und das Leben war kein Zuckerschlecken in der Zeit, als der Fotograf Richard Avedon (1923-2004) den amerikanischen Westen bereiste. In den USA der Reichen, der Stars, der Politiker, der Künstler und Intellektuellen dreht sich normalerweise alles um die Ost- oder die Westküste. Doch das Leben in den kleinen Städten und auf den Farmen des mittleren Westens war zur Zeit der Carter- und Reagan-Administration weit weniger glamourös als in New York oder Los Angeles.

Zwischen 1979 und 1984 reiste Richard Avedon für sein Fotoprojekt "In the American West" in insgesamt 189 Dörfer und Städte in 17 Bundesstaaten. Sein beeindruckendes Portfolio liefert eine ebenso schonungslose wie faszinierende Typologie des amerikanischen Westens und seiner Bewohner. Vor seiner Kamera wurden Menschen, die sonst keiner beachtete, für kurze Zeit zu stillen Stars. Und Avedon selbst nutzte die Chance, mit diesem Projekt zu demonstrieren, dass er weit mehr war als einer der berühmtesten Modefotografen seiner Zeit.

Ein Zuckerl für die Berliner

Im Berliner Martin-Gropius-Bau ist jetzt die Ausstellung "Richard Avedon - Fotografien 1946-2004" zu sehen. Es ist die erste Retrospektive des Starfotografen in Deutschland. Die rund 250 Schwarzweißfotografien umfassende Schau versammelt neben den Aufnahmen aus der Serie "In the American West" zahlreiche Modeaufnahmen, Porträts von Schauspielern, Künstlern, Politikern, Musikern, Literaten und Regisseuren sowie - als Zuckerl fürs Berliner Publikum - sechs großformatige Berlin-Aufnahmen, die Avedon in der Silvesternacht 1989 am Brandenburger Tor gemacht hat.

Der 1923 in New York City geborene Richard Avedon war bereits früh mit der Fotografie vertraut. Als 19-Jähriger porträtierte er mit der Rolleiflex, die ihm sein Vater geschenkt hatte, seine Kameraden bei der Handelsmarine für ihre Dienstausweise. Danach arbeitete er für kurze Zeit als Kaufhaus-Fotograf in New York. Schnell wurde er von Alexej Brodovitch, dem Art Director des Fashion-Magazins "Harper's Bazaar", entdeckt und als Hausfotograf engagiert. Es folgte eine steile Karriere als Modefotograf.

"Ein gutes Bild entsteht, wo sich Emotionen begegnen"

1946 ging Avedon für "Harper's Bazaar" und die "Vogue" nach Paris. In der vom Krieg gezeichneten Stadt machte er bahnbrechende Aufnahmen der Haute Couture: Mannequins wie Dovima oder Veruschka posierten für Avedon an ungewöhnlichen Orten. Richard Avedon hatte bei seinen Aufnahmen die Filme von Ernst Lubitsch im Hinterkopf. Ihm kam es auf eine schlüssige Inszenierung an, bei der es ein größtmögliches Übereinkommen zwischen dem Porträtierten und dem Fotografen gab. "Ein fotografisches Porträt ist immer ein Bild von jemanden, dem bewusst ist, dass er gerade fotografiert wird", hat er einmal gesagt. "So eine Sitzung ist ein Austausch von Emotionen. Und ein gutes Bild entsteht in dem Moment, wo sich diese Emotionen begegnen."

Vielleicht lässt sich aus diesem Credo erklären, dass Avedon immer auch ein gutes Verhältnis zu Künstlern hatte. Für seine Porträts hatte er sich ein immergleiches Setting zurechtgelegt: Ein neutraler weißer Hintergrund, kein Sonnenlicht, keine Schatten, weder Hervorhebungen, noch ausgeblendete Details. Nur der Fotograf und sein Gegenüber.

Nur Warhol scheint sich aus dem Bild zu schleichen

Avedon fotografierte Regisseure wie den Western-Spezialisten John Ford mit schwarzer Augenklappe, den Underground-Poeten William S. Burroughs, die Literaturkritikerin Susan Sontag, den Maler Roy Lichtenstein, Musikerinnen wie Janis Joplin oder Björk oder - schon 1963 - die Folklegende Bob Dylan. Er fotografierte während der Civil-Rights-Bewegung, im Vietnam-Krieg, und er machte Porträts von Homosexuellen, die natürlich und lässig für ihn posieren. 1969 ging er in Andy Warhols Factory ein und aus.

Im Martin-Gropius-Bau hängt jetzt - leider etwas in den Raum gequetscht - ein Gruppenporträt mit den beeindruckenden Maßen von 3 x 9,5 Metern, das Warhol und Mitglieder der Factory zeigt. Die legendären Figuren wie Joe Dallessandro, Candy Darling oder Paul Morrissey posieren teils nackt, teils bekleidet, teils exhibitionistisch, teils schüchtern und verhuscht. Alle haben den Blick offen in die Kamera gerichtet. Nur Warhol selbst scheint sich fast aus dem Bild zu schleichen.

"Ich habe zwischen der Modefotografie und dem, was ich meine eigentliche Arbeit nenne, immer unterschieden", so Richard Avedon. "Mit Mode verdiene ich meinen Lebensunterhalt. Ich will das nicht abwerten. Es macht viel Freude, sich so zu ernähren. Aber eine viel größere Genugtuung bereiten mir die Porträts. Eigentlich betrachte ich mich als Porträtfotograf."

Avedon war einer breiteren Öffentlichkeit vor allem als der Fotograf glamouröser Modeaufnahmen und Prominenten-Porträts bekannt. 1976 beauftragte ihn der "Rolling Stone", den Präsidentschaftswahlkampf zu fotografieren. Heraus kam die auch heute noch beeindruckende Serie "The Family" mit 69 Strippenziehern im politischen Machtsystem der USA: Mitglieder des Kennedy-Clans, Lobbyisten und Wirtschaftsbosse. George Bush Senior, damals noch CIA-Chef, ist ebenso dabei wie Außenminister Henry Kissinger.

Als er dann später praktisch als provokanten Gegenentwurf zu diesen saturierten Gesichtern der Macht die Außenseiterbilder seiner Serie "In the American West" veröffentlichte, waren viele entsetzt. So ein Bild von Amerika wollte man nicht sehen: Obdachlose, Schausteller, Fleischpacker, Landstreicher, Kellnerinnen oder kohleverschmierte Bergleute. Dieser brutal inventarisierende Blick auf die Kehrseite des Wohlstands schockierte. Doch den vermeintlichen Modefotografen Avedon rückte er genau dorthin, wo er sich seinen Platz eigentlich schon längst verdient hatte: in den Olymp der größten Fotokünstler des 20. Jahrhunderts.


Ausstellung: "Richard Avedon. Fotografien 1946-2004", Martin-Gropius-Bau Berlin, 19. Oktober 2008 bis 19. Januar 2009

Katalog: Hatje Cantz Verlag, englisch, 200 Seiten, 49,80 Euro



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