Riemann am Boulevard Gummihandschuh und Glimmstängel

Katja Riemann gibt nach mehrjähriger Theaterabstinenz ihr Bühnen-Comeback. Das Stück "Raucher/Nichtraucher", das im Theater am Kurfürstendamm Premiere feierte, ist ein Spiel mit offenem Ende.

Von Harriet Dreier


Berlin - Ausgangspunkt des Zwillingsstückes "Raucher/Nichtraucher" von Alan Ayckbourn ist der Gedanke, ein Leben zweimal leben zu können und einmal gemachte Fehler zu revidieren. Um die Doppelbödigkeit, was geschah und was hätte geschehen können, rankt sich das Zwei-Personen-Dramolett, das im dörflichen Milieu von Yorkshire angesiedelt ist.

In mehreren Rollen: Riemann und Laufenberg
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In mehreren Rollen: Riemann und Laufenberg

Celia Teasdale (Katja Riemann) tritt auf die Terrasse ihres Hauses. Gedankenverloren nimmt sie eine Schachtel Zigaretten zur Hand. Sie zögert unversehens. Was, wenn sie jetzt eine Zigarette nähme? Was, wenn sie der Versuchung widerstände? Raucht sie - oder raucht sie nicht? "Dies ist die erste Entscheidung", informiert die Stimme aus dem Off. Mit dem banalen Griff zum Glimmstängel hat sich die Hausfrau Riemann in Gummihandschuhen und Tantenkleid bereits auf den Handlungsstrang "Raucher" festgelegt. Der zweite Teil "Nichtraucher" wird erst in einer späteren Inszenierung im Theater am Kurfürstendamm zu sehen sein.

In der "Raucher"-Spielvariante sind die Akteure nicht mehr jung, und sie haben die gängigen Neurosen. Sie langweilen sich in der Ehe, sind abgebrüht, haben keinen Sex mehr und sind gerade intensiv damit beschäftigt, ihr Leben zu versauen. Riemann übernimmt in der deprimierenden Provinzposse mehrere Rollen - vom Hausmädchen über die frustrierte Ehefrau bis zur gehässigen Nachbarin. Ihr Partner ist Uwe Eric Laufenberg, der Regie führt und ebenfalls in mehreren Rollen zu sehen ist.

Ein Thema, mehrere Variationen: Der Schauplatz bleibt, nur das Beziehungsgeflecht ändert sich. Zunächst geht es um den Hausmeister, der dem Schuldirektor Toby Teasdale seine Frau Celia abspenstig machen will. Dann folgt der Knotenpunkt mit der Ehefrau in der Rolle der unentschlossenen Liebhaberin, bei dem das Publikum per Abstimmung in das Geschehen eingreift. Zwei unterschiedliche Versuchsanordnungen wurden vom Schauspieler-Duo durchgespielt: Bei der ersten Variante endet Riemann als psychisches Wrack, das zweite Ende beschert ihr ein Leben als erfolgreiche Geschäftsfrau.

Das Paar Riemann und Laufenberg legte bei der Premiere ein varietéverdächtiges Tempo beim Kleiderwechsel für ihre unterschiedlichen Rollen vor. Riemann, der die Nervosität aufgrund der langen Bühnenabstinenz in den ersten zehn Minuten deutlich anzumerken war, spielte sich nach einer Weile warm. Wer nicht wusste, dass die Actrice alle weiblichen Parts übernommen hatte, den verblüffte sie in der Rolle der alternden Lady. Doch auch wenn die 37-Jährige als Theaterschauspielerin angefangen hat - auf der Bühne sprüht ihr Charme weniger als auf dem Bildschirm. Ihr Bühnenpartner Laufenberg, bisher Oberspielleiter am Berliner Maxim Gorki Theater, stahl Riemann durch sein facettenreiches Spiel die Schau.

Der beabsichtigte Clou durch die Alternativentscheidungen verlief jedoch im Sand. Der sicher gut gemeinte Versuch erwies sich als für die Bühne nicht umsetzbar. Zu langwierig und umständlich entwickelt sich die Handlung, der schwachen Vorlage von Ayckbourn gelingt das Spiel mit den Möglichkeiten nur auf Kosten der Dramaturgie. Belanglos sind die Dialoge, nichts scheint wirklich ernst gemeint.

Entstanden ist mit "Raucher/Nichtraucher" ein leider nicht sehr kurzweiliger Bühnenspaß, der zudem die Chance auslässt, sich hintergründig mit der Unentrinnbarkeit des Schicksals auseinanderzusetzen. Obwohl bei Ayckbourn auch dieses Motiv vorkommt - allerdings in seicht-ironischer Form: In jeder Episode sinniert eine Figur über die Liebe als solche. Den berühmten britischen Humor sucht man dabei leider meist vergeblich. Am Ende des dreistündigen Theaterabends wirkte das Publikum ermattet. Schade, hatte doch Riemann Gäste wie Otto Sander, Anouschka Renzi und Jasmin Tabatabai angelockt, die sonst eher nicht unter den Zuschauern am Ku'damm zu finden sind.



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