Roland Koch bei "Hart aber fair" Voll verschleierte Gewaltdebatte

Talkshow als Wahlkampf-Arena: Hessens Ministerpräsident Koch ließ sich bei "Hart aber fair" mit seinen kruden Thesen zum Thema Jugendgewalt konfrontieren. Der smarten Rhetorik des CDU-Politikers hatte Moderator Plasberg leider nur wenig entgegenzusetzen.

Auch wenn um Roland Koch der Wahlkampf tobt, die Zukunft verliert der Mann beim hektischen Tagesgeschäft nicht aus dem Blick. Erst vor einem Monat machte der hessische Ministerpräsident, der gerade für seine Wiederwahl wirbt, mit einem visionären Gesetzesvorschlag auf sich aufmerksam und forderte ein Burka-Verbot an Schulen. Die "Hart aber fair"-Redaktion konfrontierte ihn dafür gestern Abend mit einer erstaunlichen Zahl: Exakt null Schülerinnen an hessischen Lehranstalten tragen einen Ganzkörperschleier, wieso überhaupt über das Thema diskutieren?

Er denke eben schon an die Zukunft, so Koch. Irgendwie habe er das Gefühl, es würde immer mehr Burka-Trägerinnen in Deutschland geben.

Trotz der entlarvenden Burka-Pointe kommt man nicht umhin festzustellen, dass Roland Koch weiß, wie sich hierzulande Debattenhoheit erlangen lässt.

Das vermeintliche Verschleierungsproblem wurde von Koch ebenso wahlstrategisch lanciert wie das Thema "Ausländergewalt", das seit einigen Tagen die Fernsehtalkshows bestimmt – und bei der ARD bereits für senderinternes Koordinationschaos sorgte. Die Frage war ja: Zu wem kommt er denn nun, der Hauptankläger migrationsbedingter Aggressionskultur?

Seltsam erratisch

Bei "Anne Will" am Wochenende war er jedenfalls nicht – und das hat der Sendung erstaunlicherweise ziemlich gut getan. Denn da wurde ohne Koch eine sehr anstrengende, am Ende aber doch ergiebige Diskussion geführt, bei der sich Praktiker und Politiker unterschiedlicher Couleur durchaus zu einem Konsens in Sachen Jugendgewalt vorarbeiten konnten.

Mit Talkshows verhält es sich ja wie mit Wahlkämpfen: Themen müssen her, und möglichst brisant sollen sie auch noch sein. Doch so wie sich das Können eines Wahlkampfstrategen daran bemisst, dass er die Erregungskurve bis zum Stichtag immer weiter nach oben zu treiben versteht, so offenbart sich die Qualität einer Fernsehdiskussion eben darin, Empörung und Betroffenheit in einer sachlichen Auseinandersetzung aufzulösen. Anne Will ist das am Sonntag gelungen – Frank Plasberg ist daran gestern trotz einiger hübscher Spitzen gegen Koch gescheitert.

Denn zu sehr ließ sich die "Hart aber fair"-Redaktion den Tonfall der Sendung vom Boulevardpolitiker Koch diktieren. Da nützte es auch nichts, dass Plasberg seinen Gast auf zweifelhafte Wahlkampfmethoden hinwies. So hatte sich Koch selbst mehrmals als "Stimme der schweigenden Mehrheit" gepriesen – genauso wie das ein prominenter NPD-Politiker auf der eigenen Homepage tut. Der Verweis auf den Populisten vom rechten Rand legte kurz und bündig offen, wie gefährlich sich Koch zurzeit an der Grenze der Demagogie bewegt.

Trotzdem wurde die aufgeladene Stimmung im Studio von Plasberg und seinem Team weiter befeuert. Die Debatte – neben Koch war auch Bundesjustizministerin Brigitte Zypries und der grüne Abgeordnete Özcan Mutlu eingeladen – verlief für "Hart aber fair"-Verhältnisse seltsam erratisch. Die Politiker machten sich - vom Moderator nahezu ungebremst - gegenseitig Vorhaltungen, ein geladener Kriminalbeamter kam trotz sehr interessanter Einwürfe kaum zu Wort, und die eigentlich ebenfalls sehr aufschlussreichen Ausführungen eines Sozialpädagogen gingen gänzlich unter.

Sozialrecherche à la Privatfernsehen

Nicht ganz unschuldig daran war wohl auch die Tatsache, dass das Plasberg-Team mit einigen Einspielern in boulevardeske Untiefen geriet. Ein Beitrag, mit dem man die Hilflosigkeit der Bürger gegenüber der "Ausländergewalt" belegen wollte, erinnerte in seiner Machart gar an Krawall-Infotainment à la "Akte 08". Da ließ man zwei junge Männer nichtdeutscher Abstammung durch die U-Bahn rüpeln – und befragte danach die Fahrgäste, warum sie nicht eingegriffen hätten: Sozialrecherche nach Privatfernsehen-Manier.

Peinlich auch, dass man schon wieder ein umdressiertes Gewaltpaket aus dem Stall des Antiaggressionstrainers Michael Heilemann als Stichwortgeber in die Sendung geholt hatte. Der Brachialpädagoge Heilemann, der bei Plasberg vor eineinhalb Jahren schon mal zum Thema Killerspiele referiert hatte, setzt auf recht zweifelhafte Erziehungsmethoden. Gestern nun kam ein von ihm umgepolter Türke zu Wort. Früher habe er auf alles eingeschlagen, so der Ex-Delinquent, jetzt plane er eine Karriere im Sicherheitsbereich. Auf die Frage, vor was er denn Respekt habe, gab der angeblich zivilisatorisch intakte Gast eine verräterische Antwort: körperliche Kraft.

Darin offenbarte sich natürlich das Grunddilemma, dass mit physischer Härte leider noch niemand zum freundlichen Mitbürger konditioniert wurde. Auch der Beantwortung der bedenklich zugespitzten Titelfrage "Jung, brutal und nicht von hier – was ist dran am Streit um Ausländergewalt?" kam man mit solchen Beiträgen nicht nach.

Überhaupt wurde gestern Abend viel zu spät darüber gesprochen, in welchem Maße die momentan beklagte Jugendgewalt denn wirklich genuin migrationsbedingt ist. Erst ganz zum Schluss wurde eine interessante Untersuchung vorgestellt, aus der hervorgeht, dass Heranwachsende deutscher und nichtdeutscher Abstammung über eine fast identische Gewaltbereitschaft verfügen, wenn sie aus einem Umfeld mit gleichen sozialen Voraussetzungen stammen. Das Aggressionspotential ist also nicht ethnisch oder kulturell vorgegeben, sondern sozialökonomisch. Und türkische Jugendliche leben nun mal in den schlechteren Verhältnissen, weshalb sie stärker in den Gewaltstatistiken auftauchen.

Bei Anne Will hatte man sich am Sonntag recht schnell auf diese Erkenntnis geeinigt und dann gemeinsam Strategien besprochen, wie dieser Missstand zu beheben sei. Bei Frank Plasberg verlor sich diese soziologische Akkuratesse leider ganz schnell im eigenhändig aufgeheizten Talk-Tohuwabohu. Ein klarer Sieg für den Wahlkämpfer Koch.

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