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24. Juni 2010, 09:59 Uhr

"Rolling Stone" und McChrystal

Mit geladenem Magazin

Von , New York

US-General McChrystal stürzte über ein Porträt in der Presse - ausgerechnet im Musikmagazin "Rolling Stone". Das Blatt knüpft schon länger mit knallharten Politberichten an alte Recherche-Traditionen an. Und profitiert davon, dass man es chronisch als Pop-Postille unterschätzt.

Eigentlich war Lady Gaga diese Woche für den großen Skandal gebucht. Die exzentrische Pop-Diva ziert das Titelblatt der kommenden Ausgabe des "Rolling Stone", dem legendären US-Musikmagazin. Bis auf einen schwarzen Schlüpfer scheinbar nackt, posiert sie in schwindelerregend hohen Pumps wie gewohnt als femme fatale. Vor ihren Brüsten hält sie zwei Maschinengewehre im Anschlag. "Lady Gaga Tells All", lockt die Schlagzeile. Lady Gaga packt aus.

Nun aber ist es ein anderer, dessen Redseligkeit im "Rolling Stone" ein mediales und politisches Beben ausgelöst hat. Zwar wird auch er mit Maschinengewehren assoziiert, doch dienen sie ihm weniger zu dekorativen Zwecken: Die Rede ist von Vier-Sterne-General Stanley McChrystal, US-Oberbefehlshaber in Afghanistan, der sich auf den Seiten des Magazins um seinen Posten plaudert.

Es ist eine kuriose Kombination - der Krieger und die Hauspostille der Anti-Kriegs-Generation, doch eigentlich keine überraschende: In den vergangenen Jahren hat der "Rolling Stone", die einstige Rock- und Pop-Bibel der Hippie-Gegenkultur, immer öfter mit knallharten Politberichten Aufsehen erregt - und damit an alte Glanzzeiten angeknüpft, als sich Reporterlegende Hunter S. Thompson in dem Kultblatt seine Räusche von der Seele schreiben durfte.

Spätestens seit den neunziger Jahren ist die Musikszene, an dessen Tropf "Rolling Stone" hing, bis zur Unkenntlichkeit zerfasert. Das zweiwöchentlich erscheinende Magazin aber schaffte es, weiter im Gespräch zu bleiben - weniger mit Star-Geschichten wie früher, sondern mit gut recherchierten, umfangreichen politischen Scoops, an denen es der Mainstream-Presse in den USA zunehmend fehlt.

General McChrystal ist der jüngste und bisher folgenschwerste Fall. Auch er unterschätzte die Macht des Mediums (Auflage: 1,4 Millionen), das nun mit einem einzigen, 15-seitigen Artikel die Zukunft der US-Truppen in Afghanistan in Frage gestellt hat. McChrystal habe einen "strategischen Fehler" begangen, schreibt das ähnlich ambitionierte Konkurrenzblatt "Vanity Fair", vor Neid glühend: "Mit dem 'Rolling Stone' reden, offiziell, in einer Kneipe!"

Vollmundige Kommentare

Dabei kam die Geschichte fast nur durch einen Zufall zustande. Genauer gesagt: durch höhere Naturgewalten. Michael Hastings, ein freier Journalist, war im April für den "Rolling Stone" nach Paris geflogen, um McChrystal zu porträtieren, der dort gerade die unmutigen Alliierten für den Krieg begeistern sollte.

Aus dem Interviewtermin wurde ein sich über viele Tage hinziehender Parforceritt, inklusive Zechtour. In Island brach nämlich zur gleichen Zeit der Vulkan Eyjafjallajökull aus und legte den Flugverkehr in Europa lahm. Der General steckte fest - und mit ihm Hastings. Den nahm McChrystal später sogar mit nach Afghanistan. Das Aufnahmegerät lief die ganze Zeit.

Die meisten Sprüche, die McChrystal nun den Job kosteten, fielen nach Angaben Hastings allerdings in Paris. Darunter bei einer feucht-fröhlichen Party, bei der das "Team America", wie sich der Beraterkreis des Generals vollmundig nannte, "total zugedröhnt" gewesen sei.

Die abfällig-spöttischen Bemerkungen über Präsident Barack Obama ("verschüchtert"), Vizepräsident Joe Biden ("Leck mich"), Sicherheitsberater James Jones ("Clown") und andere Top-Leute im Weißen Haus kamen zwar nur selten von McChrystal selbst, sondern von seinem Stab. Aber das machte sie nicht minder verheerend: Sie offenbarten, was viele andere im stillen Kämmerlein schon lange dachten. "Es war klar, dass das alles offiziell war", sagte Hastings auf CNN. "Mein Tonbandgerät war stets dabei."

Offenbar hielt McChrystal sein Gegenüber für den Vertreter eines lockeren, seichten Musikblättchens, über den er sich bei der jüngeren Generation einschmeicheln könnte. Doch weder der "Rolling Stone" noch Hastings sind unbedarft. Letzterer ist ein erfahrener Kriegsreporter, Buchautor und ehemaliger "Newsweek"-Korrespondent, der sich im Irak seine Sporen verdient hat.

Den Fehler, das 1967 gegründete Magazin derartig zu verkennen, haben schon manche gemacht. "Manchmal vergessen die Leute, wie viel ernste Berichterstattung in der DNA des 'Rolling Stone' steckt", sagte dessen Chefredakteur Eric Bates der "New York Times" am Dienstag.

Image-Aus fürs Bankhaus

In diese Falle tappten auch schon die Banker und Händler der Wall-Street-Bank Goldman Sachs. Die antworteten Matt Taibbi, einem der Starschreiber des "Rolling Stone", fröhlich auf seine Fragen über ihre Geschäftspraktiken. Heraus kam im vergangenen Juli eine vernichtende Reportage über "die große amerikanische Blasen-Maschine" - ein wegweisendes Stück Wut-Journalismus, das dazu beitrug, dass Goldman Sachs vorübergehend zum Staatsfeind Nummer eins wurde.

Taibbi ließ kein gutes Haar an dem Unternehmen. Er nannte es "einen enormen Vampirtintenfisch, der sich um das Gesicht der Menschheit geschlungen hat und seine blutsaugenden Trichter in alles rammt, das nach Geld riecht" - ein Zitat, das sich fortan durch fast jedes weitere Firmenporträt ziehen sollte. Der "Rolling Stone" ruinierte damit das Image der mächtigsten Wall-Street-Bank - und polierte zugleich sein eigenes. "Smackdown", grölte "Time", Volltreffer, wie am Rand eines Boxrings.

Auch in seiner vorigen Ausgabe, die jetzt noch an den Kiosken hängt, zeigte das Blatt keinerlei Respekt vor den Mächtigen. Der politische Korrespondent Tim Dickinson ließ sich über die Ölpest im Golf von Mexiko und vor allem über Barack Obama aus, dessen Wahlkampf 2008 er für das Magazin begleitet hatte. Der US-Präsident habe viele Warnzeichen im Golf "ignoriert", habe die "gefährlichen" Praktiken von BP "abgenickt" und das Ausmaß der Katastrophe lange "absichtlich untertrieben".

Solche forschen Töne haben beim "Rolling Stone" Tradition. Der Redakteur und Aktivist Jann Wenner hat das Blatt gemeinsam mit dem Jazz-Kritiker Ralph Gleason in der Hippie-Hochburg San Francisco gegründet, mit 7500 Dollar, die er sich von seiner Familie geliehen hatte. Neben Rock-Besprechungen setzte Wenner von Anfang an auf schonungslosen Enthüllungsjournalismus: Es gehe ihm "nicht nur um Musik, sondern um die Dinge und Haltungen, die sich die Musik zu eigen macht", postulierte er bereits in der ersten Ausgabe.

So wurde der "Rolling Stone" zum Heimatblatt und Sprungbrett für wagemutige Schreiber wie Hunter S. Thompson, der dort seinen extrem persönlichen "Gonzo-Journalismus" pflegte und "Angst und Schrecken in Las Vegas", seinen berühmtesten Roman, vorab veröffentlichte.

Pop, Politik und Power

Auch andere Autoren begannen im "Rolling Stone" ihre Karriere: Tom Wolfe, Joe Klein, P. J. O'Rourke. Oder Annie Leibovitz, die Wenner als 21-jährige Studentin mit den Rolling Stones auf Tournee schickte und zur Cheffotografin des Magazins machte, bis sie zum Weltstar wurde und ironischerweise zu "Vanity Fair" abwanderte.

Nach einem längeren Ausflug in die Popkultur besann sich der "Rolling Stone" 2003 wieder auf seine politischen Wurzeln. 2004 gewann das Blatt mit seinen Irak-Reportagen den National Magazine Award - den 14. in seiner Geschichte. "Der 'Rolling Stone' ist eines der besten Magazine der Vereinigten Staaten", prahlt Wenner gern. Fest steht: Der heute 64-jährige Herausgeber hat sich damit längst ein kleines Imperium geschaffen, zu dem auch das populäre Klatschblatt "US Weekly" gehört.

Die McChrystal-Story sollte eigentlich erst zum Wochenende am Kiosk für alle zu lesen sein - die Online-Version des "Rolling Stone" versteckt sich hinter einer pay wall, einer Bezahlmauer, über die nur Abonnenten klettern können. Als die Geschichte dann aber zum Top-Thema in Washington wurde, stellte der Internet-feindliche Wenner sie schnell umsonst ins Netz.

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