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Ronald Miehling: Der Kokskönig tanzt

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Ex-Kokskönig Ronald Miehling "Alles, was geil war, habe ich erlebt"

Ronald Miehling galt als größter Drogenhändler Deutschlands, fast 30 Jahre saß er im Knast. Jetzt ist er im Hafturlaub - und will jetzt Tanztheater machen. Warum? Und warum hält der Ex-Kokskönig Uli Hoeneß für verlogen?
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Ronald Miehling, 64, genannt "Blacky", galt im Hamburger Rotlichtmilieu in den Neunzigern als der "Schneekönig", er war der größte Drogendealer Deutschlands. 1994 wurde er in Venezuela verhaftet und zu zwölfeinhalb Jahren verurteilt. Kurz nach seiner vorzeitigen Entlassung 2003 wurde er erneut wegen Kokainhandels festgenommen. Er saß insgesamt fast 30 Jahre im Gefängnis. Derzeit ist Miehling im offenen Vollzug. Er gilt als nicht resozialisierbar.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren Zuhälter in Hamburg und stiegen auf der Reeperbahn zum größten Kokaindealer der Republik auf. Sie haben tonnenweise Kokain nach Deutschland geschleust - und jetzt Tanztheater, Herr Miehling, ernsthaft?

Miehling: Die Welt bewegt sich nur durch verrückte Ideen weiter, außerdem gibt es ja auch einen Teil in dem Stück, wo ich über meine Leben nachdenke.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie denn tanzen?

Miehling: In Kolumbien hab ich getanzt. Merengue, Salsa und solche Sachen, aber nicht auf der Bühne vor Publikum. Das ist schon sehr Hose runterlassen und Pappnase aufsetzen.

SPIEGEL ONLINE: Und warum die Pappnase?

Miehling: Wissen Sie, Menschen gehen brav arbeiten, machen immer, was man ihnen sagt, was richtig scheint - und fragen sich irgendwann, sag mal, da war doch was? Genau, dein Leben und das hast du verpasst, du Idiot. Man muss verrückte Dinge tun im Leben.

SPIEGEL ONLINE: Sie saßen fast 30 Jahre im Gefängnis. Für die meisten klingt das verrückt genug. Sie sagen, ich bereue nichts.

Miehling: Wir haben diese Erwartung in unserer Gesellschaft. Jemand, der etwas Kriminelles getan hat, muss bereuen, zu Kreuze kriechen. Nehmen Sie Hoeneß. Der betrügt jahrelang den Staat und stellt sich dann hin, heult und sagt, ich bereu das alles. Ich sage mir, du kannst doch nicht immer und immer wieder so eine Nummer abziehen und dann sagen, ich bereue zutiefst, weiß gar nicht, warum ich das gemacht hab, das war nicht ich. Wenn Hoeneß Eier gehabt hätte, sagt er die Wahrheit. Nämlich: Jungs, ich habe die Steuer betrogen, jetzt bin ich erwischt worden, das ist scheiße. Jetzt muss ich zahlen und gehe dafür in den Knast. Aber dieses Büßergewand überstreifen, das ist ein Ritual in unserer verlogenen Gesellschaft. Außerdem ist er prominent. Da ist Gefängnis ohnehin Kindergeburtstag. Was hat die Merkel gesagt? Sie habe Respekt, weil er seine Knastzeit antritt? Könnte Sie doch bei mir auch mal sagen. Ich weiß, was ich getan habe. Ich wollte das, deswegen habe ich es gemacht. Und dafür muss ich jetzt bezahlen. Aber Reue? Nein. Wissen Sie, was ich hatte?

SPIEGEL ONLINE: Nein.

Miehling: Haufenweise Geld. Ich habe es nicht gezählt, ich habe es gewogen. Tütenweise Scheine. Und was ist Geld? Geld sind Chips, die du gegen Spaß tauschen kannst. Viele Chips, viel Spaß, wenig Chips, wenig Spaß. Ganz einfach. Ich kann doch nicht bereuen, dass ich Kokain importiert habe und deswegen ein Mörderleben gehabt hatte. Ich hatte alles, Geld, Frauen, Autos. Alles, was geil war, habe ich erlebt. Und wenn Sie dich erwischen, bezahlst du. Das habe ich akzeptiert.

SPIEGEL ONLINE: Ihr halbes Leben im Knast für ein bisschen Spaß.

Miehling: Nein, für sehr viel Spaß.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben als Zuhälter angefangen.

Miehling: Das war nicht meins. Da hocken die Luden und schauen auf die Mädels vor der Tür, die versuchen Freier zu kriegen. Kommt eine mal rein, weil sie friert und einen Kaffee trinken will, heißt es: Was machst du da? Ich habe gesehen, wie die Typen Eiswürfel in den Kaffee warfen, damit die Mädels schneller wieder raus sind. Das ist menschenverachtend.

SPIEGEL ONLINE: Drogen sind also moralisch besser?

Miehling: Ich habe niemanden gezwungen, nicht einen Einzigen. Die kamen alle zu mir. Ich war auf jeder Party der beliebteste Gast. Nie habe ich an Jugendliche verkauft.

SPIEGEL ONLINE: Das kann man glauben, muss man aber nicht.

Miehling: Meine Kunden waren Teil der Schickeria. Die wussten sehr genau, was sie da taten.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist es Ihnen überhaupt gelungen, zum größten Dealer aufzusteigen?

Miehling: Ich war der Erste, der den Discounter aufgemacht hat. Ich war der Aldi des Kokainhandels. Ich habe erkannt, dass man den Preis nicht immer hoch halten muss, um zu verdienen. Man kann ihn auch senken, den Umsatz steigern und so mehr verdienen. Ich habe die Konkurrenz vom Markt gefegt. Manchmal habe ich das Zeug in Holland für 35 (35.000 Mark pro Kilo - d. Red.) geholt und für 28 verkauft. Die anderen hatten keine Chance. Dann ging ich mit dem Preis wieder hoch.

SPIEGEL ONLINE: Irgendwann sind Sie nach Kolumbien gefahren und haben es direkt vor Ort gekauft.

Miehling: Warum bei Schmittchen kaufen, wenn man auch bei Schmitt kaufen kann?

SPIEGEL ONLINE: Weil Schmittchen nicht so gefährlich ist. Ihr damaliger Geschäftspartner ist bei lebendigem Leib verbrannt worden.

Miehling: Wenn du Fehler machst, hat das Konsequenzen. In Kolumbien war das Alltag. Versuchtest du zu fliehen, haben sie nicht nur dich umgebracht, sondern deine Kinder, deine Mutter, deinen Vater, sogar deine Oma.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Vater war Polizist.

Miehling: Ja, das stimmt, und er hat immer zu mir gehalten. Ich hatte ein wundervolle, glückliche Kindheit, behütet. Ich war umgeben von lauter Beamten, in meiner Siedlung lebten viele Polizisten, auch Vollzugsbeamte. Vermutlich hatten alle erwartet, dass ich auch Beamter werde.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Mutter?

Miehling: Die war eine Löwin. Und eine Glucke. Egal, was ich angestellt habe, für sie waren immer die anderen schuld. Selbst, wenn ich gesagt habe, nein, das war ich, hat sie darauf bestanden, dass die anderen schuld sind. Sie hat mich immer verteidigt.

SPIEGEL ONLINE: Sie ist während ihrer Haftzeit gestorben?

Miehling: Ja.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie bei der Beerdigung?

Miehling: Das Gefängnis hätte mir Freigang gegeben. Mich hätten eine Handvoll Polizisten begleitet und ich wäre in Handschellen am Grab gestanden. Das wollte ich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie sagen dennoch bei jeder Gelegenheit, Sie hatten ein glückliches Leben?

Miehling: Ja, ich bin ein Glückspilz.


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