S.P.O.N. - Oben und unten Hype und Hass

Und? Fallen sie auf die Fresse? Wenn Autorinnen wie Ronja von Rönne oder Stefanie Sargnagel beim Bachmann-Preis antreten, will jeder eine Meinung zu ihnen haben. Und wenn er keine findet, geht immer noch hassen.

Ronja von Rönne beim Bachmann-Preis 2015
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Ronja von Rönne beim Bachmann-Preis 2015

Eine Kolumne von


Wenn am Donnerstag wieder das Bachmann-Preis-Lesen losgeht, werden alle gucken, ob Stefanie Sargnagel schön auf die Fresse fällt, so wie vergangenes Jahr alle geguckt haben, ob Ronja von Rönne schön auf die Fresse fällt. Zwei Autorinnen, die einen eigenen Stil haben, damit erfolgreich sind und zum Bachmann-Preis eingeladen wurden - und beide werden gehasst in einem Ausmaß, von dem die meisten Menschen Herpes im Herzen kriegen würden. Und dann ziehen sich Leute den Bachmann-Livestream rein und denken, sie wären Hochkultur, wenn sie sagen, dass das nun aber wirklich keine Literatur sei, aber in echt ist das Einzige, was sie in den letzten Monaten vollständig gelesen haben, die AGB-Seite von irgendeinem Streamingdienst, weil sie Angst hatten, am Ende zu viel bezahlen zu müssen.

Erst heißt es, das ist jetzt hier die Generation Y, weil alles so unklar ist - "why?", immer nur "why?" -, keine großen Führungsfiguren mehr, nur noch Unsicherheit, bisschen Tinder, bisschen Geschlechtskrankheiten, aber ab und zu wird dann doch irgendwer nach vorn geschubst - Stimme eurer Generation! - und nee, ist dann doch nicht so geil. Ja, weil es alles auch nur Menschen sind.

"Man kommt an der nicht mehr vorbei gerade", heißt es dann. Doch: zum Beispiel links oder rechts oder drunter oder drüber. Man kommt an der Flüchtlingsfrage nicht mehr vorbei und an der Frage eines geeinten Europas - ach, mit Mühe sogar daran -, aber an einzelnen Autorinnen kommt man immer vorbei.

Man muss die nämlich gar nicht lieben oder hassen. Es gibt sehr wenige Fälle im Leben, in denen man mit Ja oder Nein für oder gegen etwas stimmen soll. Referenden, Stichwahlen, Hochzeiten. (Und Tinder.) Die restliche Zeit darf man sich eine differenzierte Meinung erlauben - was für eine geile Freiheit, eigentlich, wenn man sie sich nimmt. Man darf sogar die Klappe halten. Wie ein Buddhist. Und die leben lange und zufrieden. Auch, weil sie vielleicht wissen, dass Distinktion anhand von Biersorten okay ist, aber anhand von Menschen hässlich.

Unwürdige Prozedur

"Ich kann bei dem Hype nicht so ganz mitgehen", das ist so ein typisch dämlicher Satz, den Leute gern sagen. Musst du nicht, du Affe, es ist nicht Nordkorea. Beste Voraussetzung dafür ist, möglichst wenig von der Autorin gelesen zu haben. Diese Verunsicherung. Schon wieder ein neuer Name, aus welchem Loch kommt diese Person gekrochen, und was führt sie im Schilde? Ist sie süß, oder will sie sich in meiner Leber verbeißen? Wenn dann das Gegenüber sagt: "Ja, ihre Texte sind schon okay, aber supergeil jetzt auch nicht", und ein Dritter in der Runde: "Kenn ich nicht, muss man die kennen?", schwupps, schwappt die Stimmung in: Nee, was will die Ziege, eigentlich nervt sie. Zack, wohlige Sicherheit wieder hergestellt. Das geht sogar ohne Neid, aber mit Neid noch besser.

Was für eine unwürdige Prozedur, jedes Mal. Wie viel besser wäre die Welt, wenn es diesen Punkt nicht gäbe, an dem Unsicherheit sich in Ablehnung wandelt? Ich schwöre, wenn sich am Horizont die Möglichkeit abzeichnete, dass man Menschen so genmanipulieren könnte, bis sie diese Eigenschaft nicht mehr hätten, dann würde ich mein gesamtes Vermögen spenden und mich tief verschulden, damit die Forschung in diesem Punkt vorankäme. Es würde uns viel Gewalt ersparen und viel Hass und im Nebeneffekt auch labernde Sacknasen auf Partys und schlechte Rezensionen.

Das Wort Hype klingt schon so, als müsste jemand dringend mal was hochwürgen. Hype, Hype, raus damit. Ich würde fairerweise hier auch noch ein oder zwei männliche Autoren einfügen, die auf ähnliche Weise erfolgreich sind und gehasst werden wie Ronja von Rönne und Stefanie Sargnagel, aber es gibt so jemanden im Moment nicht. Jan Böhmermann vielleicht, aber der ist kein Schriftsteller, und interessanterweise wird ihm ja auch ständig vollwertige Männlichkeit abgesprochen, indem er "blasser dünner Junge" genannt wird, obwohl er älter ist, als Jesus je wurde. Erst heißt es, tja, blöde Sache, dass Genies immer Männer waren, aber wenn dann eine Frau kommt, die etwas kann, heißt es: Ich versteh den Hype nicht.

Verunsicherte Seelen

Apropos Hype und Hyper. Ich höre gerade ab und zu Thomas Bernhard, gelesen von H.P. Baxxter. Ich weiß nicht, wie und warum ich das gefunden habe, es ist mir quasi zugelaufen. Jedenfalls, Bernhard, schön und gut, aber ich schwöre: Wäre er eine Frau gewesen, hätte man ihn keinen Fußbreit in die Hochkultur reingelassen. Umleitung Psychiatrie, Endstation.

Ich sage nicht, dass das nett oder immer nur vorteilhaft ist für die Männer, für sie andere Kriterien zu haben als für Frauen. Es ist außerordentlich unhöflich. Von Hillary Clinton erwarten wir Empathie und Charisma, bei Trump sind wir schon froh, wenn er beim Reden nicht plötzlich ein Maschinengewehr rausholt und in die Menge ballert.

Dabei ist es eines der großen Ziele des Feminismus, dass Frauen dieselbe unqualifizierte Scheiße reden und tun dürfen wie Männer, ohne dafür härter oder weniger hart bestraft zu werden. Ein anderes, damit verwandtes Ziel ist es, dass das, was sie reden, verstanden wird als das, was sie sagen, und nicht verdeckt wird von der Tatsache, dass sie schöne Haare haben oder einen Hut tragen.

Ach ja, was sie sagen. Die Texte von Ronja von Rönne und Stefanie Sargnagel finde ich, nun ja: mal gut, mal nicht gut. Die ersten Texte, die ich von beiden gelesen habe, fand ich schlecht. Bei Ronja von Rönne war das ihr Text "Warum mich der Feminismus anekelt", und ich fand ihn so elend, dass ich mehrere Anfragen ablehnte, eine Replik zu schreiben, weil ich fand, es gäbe darauf nichts zu antworten, so ein gewollt provozierendes, uninformiertes Gelaber. (Inzwischen hat sie abgelehnt, dafür einen Preis zu kriegen.)

Nach dem Feminismus-Text las ich ein paar andere Texte und mochte sie alle. Ich fand sie auf die poetische Art autonom und toll. In ihrem Roman "Wir kommen" stehen so wunderschöne Sätze, dass ich in der Badewanne liegend in einzelne Seiten Wattestäbchen reingelegt habe (mag keine Eselsohren), um die Sätze später wiederzufinden, am Ende war das Buch voller Wattestäbchen. Die ersten Texte, die ich von Stefanie Sargnagel gelesen habe, fand ich langweilig, ist aber auch schon paar Jahre her, ich weiß nicht, was es war. Von ihrem Buch "Fitness" hab ich laut Kindle-App elf Prozent gelesen, elf sehr gute Prozent, Rest folgt. "In der Zukunft sind wir alle tot" fand ich großartig und entspannend morbide.

Mit Ronja bin ich inzwischen befreundet, ich liebe sie und würde sie gern vor all der Scheiße beschützen, aber erstens geht es nicht, und zweitens kommt sie klar. Stefanie Sargnagel hab ich noch nie im Leben gesehen, möglicherweise sagt sie, fuck you, ich brauche deine Solidarität nicht, was auch okay wäre, denn Menschen, die wenig brauchen, sind glücklicher als andere.

Aber ich werde den Teufel tun, mich an irgendeiner "Was man jetzt von Rönne/Sargnagel halten muss"-Diskussion zu beteiligen, in der lauter verunsicherte Seelen versuchen, ihren kleinen Platz in der Welt zu finden auf Kosten anderer.



insgesamt 104 Beiträge
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Seite 1
hackee1 28.06.2016
1. Ähhmmmm...ja....
was bedeutet das was die gute Frau oberhalb des Forums geschrieben hat? Ich bin anscheinend intellektuell weder in der Lage den Text inhaltlich zu verstehen noch die intention der Autorin nachzuvollziehen. OK. Sie hat eine Freundin gefunden. Das ist doch mal was. Glückwunsch!
Ultras 28.06.2016
2. Soso
Es gibt Menschen die den Hype nicht verstehen? Aha. Wieder was gelernt, auch wenn ich keine Ahnung habe, zu welchem Thema. Ich gehöre zu denjenigen - und da bin ich hoffentlich nicht allein - die diesen Text nicht verstehen. Was will Stokowski sagen? Wen spricht sie an? Ist der Text feministisch? Worum geht es überhaupt? So viele Fragen, keine Antwort.
Bondurant 28.06.2016
3. Ach
Wäre er [Thomas Bernhard] eine Frau gewesen, hätte man ihn keinen Fußbreit in die Hochkultur reingelassen. Umleitung Psychiatrie, Endstation. leider auch nur so eins von diesen "Bauchgefühlen". Oder gibt es nachvollziehbare Kriterien, mit denen man diese Behauptung wenigstens falsifizieren könnte?
miss_moffett 28.06.2016
4.
Es kriegen in Klagenfurt alle eine aufs Maul. Nur der Sieger kriegt etwas weniger. Egal ob männlich oder weiblich. Das macht ja den Reiz dieser Veranstaltung aus.
RocknRolli 28.06.2016
5. Achtung, kein rosa Elefant!
Frau Stokowski, Sie haben also nun einen Artikel geschrieben, indem Sie erklären, warum Sie sich nicht an der "Was man jetzt von Rönne/Sargnagel halten muss"-Diskussion beteiligen? Wenn diese Diskussion aus Ihrer Sicht unnötig weil engstirnig und von Verängstigten geführt, warum schreiben Sie dann darüber? Sind Artikel wie diese evtl. der Grund für das Verlagssterben?
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