Rossini-Oper Kill das Idyll

Der Muselmane, der Italiener, die Frauen: Rossinis Oper "Der Türke in Italien" präsentiert satte Folklore inklusive jeder Menge Klischees. Christof Loys Hamburger Neuinterpretation schlägt dem Stereotyp ein Schnippchen - mit viel Ironie und exzellenten Sängern.


Wohnwagen-Foklore mit Augenzwinkern: Auftaktszene von "Der Türke in Italien"
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Wohnwagen-Foklore mit Augenzwinkern: Auftaktszene von "Der Türke in Italien"

Slapstick mit doppeltem Boden: Die Frage, wie man eine klassische Eifersuchts- und Liebeskomödie intelligent aufpeppen kann, beantwortete der Komponist Gioachino Rossini 1814 in seiner Oper "Il turco in Italia" nicht nur mit fabelhaftem Melodiereichtum und prallen Figuren. Durch geschickten Einzug einer zweiten Erzählebene eröffnete er gleichzeitig eine Direktleitung zum Publikum: Der Schriftsteller Prosdocimo, der verzweifelt nach einer tollen Geschichte sucht, treibt mit Feder, Papier und Ideen die Handlung voran und wird selbst Teil von ihr. Natürlich ist es - noch ein Stereotyp - das liebe Leben, das dem Schreiber auf die literarischen Sprünge hilft: Sei realistisch!, so tönt es ihm entgegen. Doch diese Bühnenwirklichkeit ist eine satte Sammlung von Klischees. Mit diesen spielt die neue Hamburger Inszenierung ein vielschichtiges Spiel, das Spaß ganz obenan stellt. Seit Peter Konwitschnys beinahe burlesker "Moses und Aron"-Version vom letzten Jahr scheint man den Kopfgeburten an der Staatsoper ade gesagt zu haben.Mafia-Muff unter MännernMit der Ankunft einer Zigeunersippe in Neapel startet die Story sofort durch, der Dichter muss fortan nur noch mitschreiben. Putzige Gags aus der Regie- und Ausstattungskiste gibt's zuhauf: Die Zigeuner quellen nach und nach aus einem winzigen Oldtimer-Wohnwagen, packen sich mit Tischen, Stühlen und Wäscheleine auf die Bühne. Die Anzüge der Herren atmen den Mafia-Muff der Siebziger, die Frauen changieren zwischen Verhüllung, Cocktailkleid und Glitzer-Bikini. Der Türke Selim legt standesgemäß per fliegendem Teppich in Neapel an und beflügelt sogleich die Phantasie aller Beteiligten. Gleich kochen hier die Emotionen hoch, fliegen die Fäuste zwischen Damen und Herren, am Schluss gibt's selig machende Liebe. Au weia, kann das gut gehen?
Tamara Gura als Zaida, mit entzücktem Verehrer: Faustkampf und Liebesseligkeit
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Tamara Gura als Zaida, mit entzücktem Verehrer: Faustkampf und Liebesseligkeit

Opern-Spielleiter Christof Loy, bereits zweimal vom Fachmagazin "Opernwelt" zum Regisseur des Jahres gekürt und in Hamburg schon 2002 mit Händels "Alcina" bejubelt, versucht gar nicht erst, der Geschichte durch verkrampfte Umdeutungen und andere Klimmzüge des Regietheaters eine extravagante Statur zu geben. Seine Aktualisierung präsentiert ein pointiertes heimatfilmisches Idyll der südlichen Kulturen. Grelle Postkartenfarben auf der Bühne, erstarrte Touristen am Strand, kristallklare Riviera: So viel Karikatur lässt hohlen Gesten oder peinlichem Pathos keine Chance. Mit der scharfen Waffe der Ironie führt Loy die Klischees vor - und mittels komödiantischer Überzeichnung gleich wieder ab absurdum.Sehenswerter BauchtanzZwei Frauen sind die treibenden Kräfte in Rossinis Oper: Die gewitzte Zigeunerin Zaida, die mit der nicht minder smarten Fiorilla um den charmanten Türken Selim kämpft. Als echter Macho will der natürlich am liebsten beide, zumal Zaida auch noch seine Ex-Geliebte ist. Don Geronio, Fiorillas ständig aufbrausender Ehemann, ringt unterdessen um Contenance angesichts der zahllosen Affären seiner Frau. Derzeit scharwenzelt der drahtige Don Narciso um Fiorilla herum - eher ein Leichtgewicht verglichen mit dem routinierten Heiratsschwindler-Charme des Selim. Aus dieser Chaos-Konstellation, zu der natürlich auch eine Verkleidungsorgie samt Verwechslungs-Kostümball gehört, formt der Regisseur einen knalligen Szenenreigen, in dem sich das Bühnenpersonal wirksam austoben kann.Dennoch gerät nichts aus dem Ruder. Kurz bevor die eifersüchtigen Damen sich Ende des ersten Aktes buchstäblich und furios in die Haare geraten, erinnert das Zigeunerlager sicher nicht zufällig an das "Liebesgrüße aus Moskau"-Szenario à la James Bond - inklusive Catfight der eifersüchtigen Zigeunerinnen und eines sehenswerten Bauchtanzes der vielseitig talentierten Zaida. Regisseur Loy bemüht sich, seinen bunten Bildern das Flair popkultureller Hipness beizugeben. Immer wieder fügen sich die Sänger, Choristen und Statisten zu plakativen Arrangements. So entsteht Stück für Stück ein Fotoalbum der nostalgischen Gefühle, gerahmte Klischees, die dank der Stilisierung keine mehr sind.Klischees tot, Rossini lebtGroßartiges leistet das quirlige und bestens aufgelegte Ensemble, das durch gleichmäßige Qualität begeisterte. Tamara Gura spielt und singt die zappelige Zaida temperamentvoll und bissig. Als schöner Kontrast dazu lässt Inga Kalma (Donna Fiorilla) mit träger Laszivität ihre Rossini-Koloraturen fließen, beide allerdings benötigen schon ein paar Anläufe, bevor sie sich zur grandiosen Virtuosität der überwältigenden Ensemble-Stellen gegen Schluss der Oper aufschwingen.
Fiorilla-Sängerin Inga Kalna als Donna Fiorilla, Balint Szabo als Selim: Plakative Arrangements
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Fiorilla-Sängerin Inga Kalna als Donna Fiorilla, Balint Szabo als Selim: Plakative Arrangements

Die Rivalen Selim (Balint Szabo), Fiorillas Mann Don Geronio (Renato Girolami) und der stenzige Don Narciso (trotz Krankheit souverän: David Alegret) kultivieren unterschiedliche Charaktere, allesamt komödiantisch, ohne albern zu sein, stimmlich makellos und mit offensichtlicher Freude bei der Sache. George Petean wirbelt als Schriftsteller über die Bühne und gibt den Zeremonienmeister, der dennoch kräftig Prügel bezieht: Ernst ist das Leben, heiter nur die Kunst - noch ein Theaterklischee, das es zu killen galt.Dirigent Michael Hofstetter konnte seine Liebe zur Barockmusik nicht verleugnen: Der schon jetzt immens erfolgreiche Pult-Newcomer nahm den Rossini anfangs recht streng und gemessen, als wollte er den Spaß ausbremsen. Glücklicherweise überlegte er es sich zwischenzeitlich anders, gab kräftig Gas und ritt auf demselben fliegenden Teppich wie das Ensemble den italienischen Türken über die Zielgerade. Verdienter Publikums-Jubel brandete am Schluss auf: Klischees tot, Rossini lebt.



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