RTL-Doku "Erwachsen auf Probe" Mutter aller Skandälchen

Deutschlands Medien- und Sittenwächter haben ein neues Feindbild: die bald startende Sendung "Erwachsen auf Probe". In der Dokusoap üben Teenager mit geborgten Babys, wie es sich anfühlt, Mutter zu sein. Entrüstung bringt nichts - sie nutzt allein dem ausstrahlenden Sender RTL.

Von Peer Schader


Es wird höchste Zeit, dass sich das Familienministerium endlich einschaltet. Oder besser gleich: die Kanzlerin. Denn sonst hat in diesem Land ja schon fast jeder gegen die neue RTL-Dokusoap "Erwachsen auf Probe" protestiert. In der sollen Teenager lernen, wie es sich anfühlt, Eltern zu sein, indem sie ein paar Tage auf Kleinkinder aufpassen, die ihnen von den echten Müttern quasi ausgeliehen werden.

  • der Deutsche Kinderschutzbund ist "entsetzt" von dem Vorhaben und befürchtet eine "Kindeswohlgefährdung"
  • die evangelische Kirche stellte eine "eklatante Grenzüberschreitung" fest
  • Ärzte des Uniklinikums München protestieren
  • die Bundespsychotherapeutenkammer fordert Gesetzesänderungen
  • beim Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie Psychosomatik und Psychotherapie spricht man von einem "fragwürdigen Experiment"
  • und die Kinderkommission des Deutschen Bundestags ist der Ansicht, der Sender "instrumentalisiere" die Kinder "in unverantwortlicher Weise"

Vermutlich wird es nicht ganz so gewesen sein, dass RTL Müttern ihre Säuglinge aus den Wiegen gerissen hat, um sie vor die Kamera zu zerren. Aber dass sich eine Gesellschaft kritisch mit ihrem Fernsehen auseinandersetzt und offen darüber diskutiert, wo das, was für die Kamera inszeniert wird, Grenzen haben muss, ist begrüßenswert und notwendig.

Kindlicher Eifer der Medien

Nur hat man manchmal den Eindruck, dass es darum in der Diskussion über "Erwachsen auf Probe", das auf dem BBC-Original "The Baby Borrowers" basiert, nur noch am Rande geht.

Nachrichtenagenturen melden derzeit täglich Zusammenfassungen mit der Bitte um Beachtung neuer Stellungnahmen ("Kinderärzte im letzten Absatz", "neu: Evangelische Kirche in Absätzen 1,4,5,6"). Kritiker überbieten sich gegenseitig mit Superlativen des Grauens.

Und immer wieder gibt es die Forderung, die (längst vorproduzierte) Sendung nicht auszustrahlen. Das aber wäre schade. Denn dann bekämen die, die jetzt Protestmitteilungen verschicken, "Erwachsen auf Probe" nie zu Gesicht. Bisher hat nämlich keiner der Kritiker die Dokusoap überhaupt gesehen. Selten in der Geschichte des deutschen Fernsehens sei eine Sendung noch vor der Ausstrahlung so vorverurteilt worden, kritisiert RTL deshalb die Kritiker.

Evelin Portz, Vorsitzende des Programmausschusses der Hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (LPR), findet hingegen, es sei gar nicht notwendig, das Format vor der Ausstrahlung gesehen zu haben: "Solche Sendungen sollten generell nicht ausgestrahlt werden", sagt sie. "Hier wird mit Säuglingen experimentiert, die sich in keiner Weise wehren können. Das geht noch weiter als bei 'Big Brother'. Ich bin überzeugt davon, dass das die Menschenwürde angreift."

Gemeinsam mit den Programmausschüssen der Medienanstalten Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz forderte Portz per Pressemitteilung am Dienstag den Verzicht auf die Ausstrahlung. Am selben Tag widersprach die zuständige Kommission für Zulassung und Aufsicht der Landesmedienanstalten (ZAK): "Forderungen nach einem Ausstrahlungsverbot kollidieren (...) mit dem [im Grundgesetz] ausgesprochenen Zensurverbot."

Ja, prima. Dann suchen Sie sich doch jetzt bitte mal heraus, was Ihnen lieber wäre: Zensur? Oder doch lieber der Fußtritt für die Moral?

"Positive pädagogische Absicht"

Die Bewertung der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF), die "Erwachsen auf Probe" im April geprüft und zur Ausstrahlung nach 20 Uhr freigegeben hat, liest sich jedenfalls eher unspektakulär.

Im Gutachten zu den ersten beiden Folgen, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, heißt es: "Hinweise auf eine etwaige Sendeunzulässigkeit im Sinne des Jugendmedienschutzes - etwa auf einen möglichen Verstoß gegen die Menschenwürde der Teilnehmer - wurden nicht erkannt. Die Teilnehmer werden nicht verächtlich gemacht oder zu bloßen Objekten voyeuristischer Begierden der Zuschauer herabgewürdigt. (...) Darstellungsform und -inhalt der vorliegenden Sendungen fördern keineswegs eine die Menschenwürde negierende Einstellung, im Gegenteil: Dass es sich bei Babys und Kleinkindern nicht um süße Objekte, sondern um Persönlichkeiten mit nicht nur physischen, sondern auch kommunikativen und sozialen Bedürfnissen handelt, wird sehr deutlich vermittelt - und damit werden auch verzerrte Vorstellungen bei den Teenagern zurechtgerückt."

Doch auch gegen das FSF-Urteil regt sich bereits Widerstand bei den Medienwächtern. Es sei schwer nachvollziehbar, wie einer solchen Sendung eine "positive pädagogische Absicht" bescheinigt werden könne, heißt es unter Bezug auf eine Formulierung, die RTL sich aus dem achtseitigen Erstgutachten herausgepickt und veröffentlicht hat. Das vollständige FSF-Gutachten, in dem unter anderem auch die Nichteignung der Dokusoap für junge Zuschauer festgestellt wird, hat bisher aber auch kaum jemand gesehen.

Ein bisschen erinnert das Durcheinander an den Skandal um die Zeichentrickserie "Popetown" vor sechs Jahren, in der ein pupsender Papst den Vatikan durcheinander bringt. Vor der Ausstrahlung überschlugen sich die Unkenrufe, religiöse Gefühle würden mit Füßen getreten. Bischöfe und Politiker mischten sich ein, ohne die Sendung gesehen zu haben. Und nach wochenlangen Diskussionen ging "Popetown" im Fernsehen sang- und klanglos unter, weil die Serie die ganze Aufregung nicht wert war.

PR - unbesehen

Dass jetzt genauso undifferenziert und laut über "Erwachsen auf Probe" gestritten wird, hilft nicht gerade bei der Versachlichung der (durchaus notwendigen) Debatte. Der Skandal hilft bloß - RTL.

Zwar bemüht man sich dort zu erklären, dass die Kleinkinder nicht vier Tage vollständig von ihren Eltern getrennt waren, wie in manchen Meldungen suggeriert wird. Stattdessen seien die Mütter beim Dreh dabei gewesen. Aber an einer echten Deeskalation scheint es in Köln kein Interesse zu geben.

Noch nicht. Sonst hätte RTL denen, die "Erwachsen auf Probe" bedenklich finden, möglichst früh eine DVD zugeschickt, damit sich jeder selbst vom Ergebnis überzeugen kann. Stattdessen inszeniert der Sender am kommenden Freitag eine Art Event für Journalisten, denen die Sendung gemeinschaftlich vorgeführt werden soll.

Das sieht so aus, als wolle man ein Ende der Aufregung möglichst lange hinauszögern. Die Ausstrahlung der Dokusoap ist schließlich erst für Anfang Juni geplant. Und aus Sendersicht wäre es doch schade, wenn sich die kostenlose PR bis dahin schon wieder erledigt hätte.



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Seite 1
mbberlin, 22.05.2009
1.
Meine Herren, was haben wir Sorgen! Ich kann mir jedenfalls vorstellen, dass die Jugendlichen, die hier erstmalig mit Kleinkindern zu tun haben, zum einen sehr gründlich über Verhütung nachdenken werden, weil ein Kind eben auch sehr viel Arbeit und Verantwortung bedeutet. Wie kann man das, wenn man schon keine kleineren Geschwister hat, besser lernen, als in einer Art Praktikum? Wollen wir nun nachkommende Generationen mit sozialer Kompetenz oder nicht? Übrigens ist das Grundkonzept alles andere als neu, allerdings wurden und werden High-Tech-Babysimiluatoren eingesetzt: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/ewelten/935688/ "Während des Elternpraktikums sollen die Jugendlichen testen, wie es ist, Verantwortung für ein Neugeborenes zu haben, sagt Brigitte Munch, Lehrerein an der Krefelder Gesamtschule. 'Die Kinder sind hinterher zwar oft total erschossen, haben also mitbekommen, was es heißt, einen Säugling zu haben.'" Und dass RTL, wie alle Medien, Quote machen will, sollte nun nun wirklich niemanden wundern oder zu künstlicher Entrüstung führen.
Zyklotron, 22.05.2009
2. Ausschalttaste
Sicher wieder eine aus der üblichen, holländischen TV-Schmiede anderer perverser Formate. Aber ich halte mich da ganz an den Namen Endemol: End 'em ol - End them all. Bei dererlei Sendungen bleibt der Fernseher schon seit Jahrzehnten schwarz. *klick*
Aquifex 22.05.2009
3. Wer weiss...
Ueber den Gehalt der Sendung kann man sicher streiten, allerdings finde ich es ga rnicht so schlecht wenn in der heutigen, mit sexuellen Reizen ueberfluteten Welt gerade Teenagern auf (leider oft einzig) passendem (weil niegrigen) Niveau zu zeigen, was "danach" passiert und welche Anforderungen ein Kind mit sich bringt, wenn es dann da ist. Klischee? Vielleicht, aber mit Sicherheit mit wahrem Kern...zu grossem Kern. Gruss Aquifex
seine_unermesslichkeit 22.05.2009
4. Gasmann
Ist die Wirtschaftskrise schon beendet? Oder ist das Sommerloch schon da? Oder ist der SPIEGEL schon so weit auf den Hund gekommen? Diese Diskussion bezüglich korrekter Umgangsformen mit zur Schau gestellten kleinen Bälgern interessiert einen Gasmann!
Nachtfalter32 22.05.2009
5. kostet nichts
Das einzig gute an dieser Sendung ist, dass wir nicht mit unseren Gebühren dafür zahlen müssen.
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