RTL-Jahresrückblick Monstren, Mumien, Mutationen

Sie dachten, im ZDF hätten Sie den Tiefpunkt der Jahresrückblicke bereits hinter sich gebracht? Weit gefehlt: RTL setzte der trostlosen TV-Routine gestern Abend mit "Menschen, Bilder, Emotionen" noch einen drauf. Günther Jauch machte "Bild"-Zeitung im Fernsehen - nur schlechter.

Von Reinhard Mohr


War nicht eben noch Spätsommer? Waren wir nicht eben noch am Strand, in den Bergen, irgendwo am See? Gefühlsmäßig schon. Aber in genau 12 Tagen und 18 Stunden ist Heiligabend. Schöne Bescherung.

Vor Weihnachten allerdings kommt immer der Jahresrückblick. Früher kam er nach Weihnachten, kurz vor Silvester. Eigentlich normal. Das geht aber längst nicht mehr. Denn mit der gefühlten Beschleunigung der Zeit kommt auch das Jahr immer früher zu seinem Ende.

Das ZDF hat es schon hinter sich, fast vier Wochen vor Neujahr. Am vorvergangenen Wochenende lud Johannes B. Kerner einen großen braunen Bären ins Studio, gleichsam als Ersatz für den erschossenen "Problembären" aus Bayern. Der war das "Event" des Jahres 2006. Sie erinnern sich. Sonst war ja nicht viel. Dann musste Stefanie Hertel noch mit verbundenen Augen rausfinden, welches die Wade ihres Ehemannes sei, die von Stefan Mross oder die von Johannes B. Kerner. Die von Mross war eindeutig kerniger. Und schöner gebräunt.

Wer aber geglaubt hatte, im ZDF hätten wir schon den Tiefpunkt der Jahresrückblicke erlebt, hat die Zeitrechnung ohne Günther Jauch gemacht. Der Allzweck-Moderator und designierte Sabine-Christiansen-Nachfolger in der ARD präsentierte gestern fast dreieinhalb Stunden lang "Menschen, Bilder, Emotionen" bei RTL, und nur mit einem letzten Aufbäumen von physischen wie psychischen Kraftreserven - "Wir haun' die durch die Wand!" (Jürgen Klinsmann) - war die Sendung bis zum Ende durchzustehen.

Mein RTL. Unser RTL. Was sonst?

Das wichtigste Ereignis des RTL-Jahres 2006 wurde selbstverständlich gleich zu Beginn ausführlich gefeiert: Ein junger Mann, der bei "Wer wird Millionär?" (RTL) die Million gewann, und Horst Schlämmer ("Ich hab' mir die Krampfadern veröden lassen") alias Hape Kerkeling. Der hatte sich vor Monaten einfach auf Günther Jauchs Stuhl gesetzt und ihn selbst befragt. Tolle Sache. Das RTL-Jahr mit Günther Jauch ist eben RTL mit Günther Jauch. Mein RTL. Unser RTL. Was sonst?

Dann kam die junge blonde Britta Steffen, die "schnellste Schwimmerin" der Welt. In weißen Stiefeln. Sie hat ausnehmend schöne Beine und wohnt noch alleine in einem einzigen Zimmer. Anschließend saß Natascha Kampuschs Mutter, trotz kurz zuvor gebrochener Schulter, auf dem RTL-Sofa und berichtete noch einmal, wie das war, als sie ihre Tochter nach über achtjähriger Gefangenschaft zum ersten Mal wieder sah. Werbepause. Stimmungswechsel.

Der WM-Sommer mit Poldi, Klose, Lahm. "54, 74, 90, 2006...", das Lied der "Sportfreunde Stiller", schwarzrotgoldene Fähnchen im Publikum, Gekreische bei den Mädels: "Poldiiiiiiiiiiiii!"

Onkel Günther stellte noch mal in Zeitlupe die Fragen, die keiner mehr hören kann - "Wie war das in der Kabine...?" -, und man spürte vor dem Fernseher: Das letzte bisschen Gänsehautgefühl ist längst ausgequetscht und in Erinnerungskonserven verpackt worden.

Ein paar Minuten ohne TamTam

Übrig bleibt das bürokratische Abhaken abgehangener "Emotionen", ein pflichtschuldiges Herbeizitieren kollektiver Empfindungen, die die jungen sympathischen Männer sowieso nicht angemessen beschreiben können. Noch einmal musste Xavier Naidoo seine Kabinenhymne "Dieser Weg" zu Gehör bringen, und dann wurde es ernst: Der an Ostern in Potsdam brutal zusammengeschlagene Ermyas M., der danach wochenlang im Koma gelegen hatte, trat zum ersten Mal im Fernsehen auf. "Sehr gut", antwortete er auf die Frage, wie es ihm gehe. Ausdrücklich betonte er, dass es sich um einen eindeutig rassistischen Überfall auf ihn gehandelt habe. Am 3. Januar beginnt der Prozess.

Ein paar Minuten ohne TamTam, ChiChi und Boulevardsensatiönchen.

Höchste Zeit also für den Auftritt von "Texas Lightning" (Eurovision Song Contest 2006) und den kleinen Kevin, der Jens Lehmann im WM-Spiel einen frischen Kaugummi gebracht hatte (Kaugummikauer Lehmann war extra aus London zugeschaltet). Höchste Zeit auch, dass RTL-Star Hape Kerkeling noch mal auf die Bühne geholt wurde - diesmal als Bestsellerautor des Jahres ("Ich bin dann mal weg").

Der Brite Guy Goma erzählte, wie er im BBC-Studio fälschlich als "Internet-Experte" interviewt wurde, und dann durfte die Israelin Karnit Goldwasser kurz von der Gefangennahme ihres Mannes berichten, die ein Auslöser des Libanonkriegs gewesen war. Irgendwann dazwischen flackern Kriegsbilder über den Bildschirm, der Papst taucht auf, aber auch Kurt Beck, Schumi, Axel Schulz, der verstorbene Rudi Carrell, ein bisschen Terror, George Bush, Angela Merkel und die "Kofferbomber".

Dann singen die "Prinzen" ein Hit-Medley, Fernsehkoch Tim Mälzer kündigt die Versteigerung seines amerikanischen Luxus-Pickups zugunsten der Hamburger "Arche" an, und der vor sieben Monaten schwer gestürzte Artist Johann Traber jr. darf, gestützt auf Vater und Schwester, zeigen, was Lebensmut heißt.

Minutenlange Hysterie

Was jedoch im RTL-Jahr wirklich zählt, signalisiert die minutenlange Hysterie pubertierender Mädchen: Tokio Hotel und Take That, die abschließenden Top-Acts, nach denen sich der völlig erschöpfte Fernsehzuschauer so fühlte, als sei noch einmal ein ganzes Jahr vergangen: leer, ausgesaugt und zu Tode gelangweilt. Geistige Körperverletzung.

Wenn es wenigstens gutes Entertainment wäre! Witzig, meinetwegen melodramatisch, tatsächlich bewegend. RTL macht "Bild"-Zeitung als Fernsehen, ist aber viel schlechter als Springers Krawallblatt. Günther Jauch strahlt das Charisma eines Hartz-IV-Sachbearbeiters aus, der uninspiriert und lustlos seine Jahresakten absolviert. Wenn es wenigstens winzige Momente wirklicher Erinnerung gegeben hätte, ein sekundenlanges Innehalten, das Bruchstück eines Gedankens, ein tatsächliches Nachempfinden! Fehlanzeige. Nichts als trostlose Fernsehroutine.

Deshalb beschwere sich bitte niemand mehr über die wachsende Entpolitisierung, über Demokratiemüdigkeit, Wählerverdruss und die zeitgeschichtliche Unwissenheit der Jugend! Mit derartigen Sendungen vor einem Millionenpublikum erzieht man die Menschen dazu, Politik, Gesellschaft, Wissenschaft und Forschung, Kultur und den Rest der Welt für nichts zu achten, gerade gut genug für ein paar Bilderschnipsel.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.