RTL-"Superstar" Doppelbett-Kostüme und Judiths öffentliche Ich-Findung

Für eine Überraschung bei der RTL-Sendung "Deutschland sucht den Superstar" hat die 21-jährige Judith aus Rheda-Wiedenbrück gesorgt. Unter Tränen verkündete sie ihren freiwilligen Abschied, obwohl sie von der Jury als deutsche Whitney Houston gelobt wurde und viele ihr den Sieg zugetraut hätten.

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Der heimliche Jury-Chef Dieter Bohlen und Michelle Hunziker
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Der heimliche Jury-Chef Dieter Bohlen und Michelle Hunziker

Zu Beginn der RTL-Castingshow zogen Samstagabend die fröhliche Michelle Hunziker und der zackige Carsten Spengemann traurige Gesichter (was sie sonst erst gegen Mitternacht beim Rausschmiss eines Kandidaten tun): Die beiden Moderatoren verkündeten, die "Favoritin Judith" ("Bild am Sonntag") sei überraschend aus der Sendung ausgestiegen.

In einem kurzen eingespielten Interview erklärte die Nachwuchssängerin unter Tränen, sie hielte den Druck nicht aus, und sie sei – nach Wochen des Dauerstresses – auch nicht mehr sie selbst. In einem Zeitungsinterview ergänzte Judith, 22, dass es "einfach weh tut mit zu erleben, wie jede Woche einer gehen muss". Zwei Wochen zuvor war "die schöne Stephanie" ("Bild"), mit der Judith sich angefreundet hatte, mangels Zuschauerstimmen aus der Sendung geflogen und hinter der Bühne weinend zusammengebrochen.

Da waren es nur noch sieben Kandidaten, die sich der Jury aus Dieter Bohlen, Thomas Bug, Shona Fraser und Thomas Stein und dem allein stimmberechtigten Fernsehpublikum stellten. Und wieder mal entschieden sich die Zuschauer so, wie die Jury es ihnen suggerierte: Diesmal flog Nektarios raus, der an einer Xavier-Naidoo-Interpretation gescheitert war.

Am Ende bleibt nur einer übrig: Seit Samstag vor Weihnachten läuft der Showdown für die Suche nach Superstar
obs

Am Ende bleibt nur einer übrig: Seit Samstag vor Weihnachten läuft der Showdown für die Suche nach Superstar

Die "schöne Vanessa", 17, weinte schon vor Bekanntgabe des Publikumsurteils, weil die Juroren an ihrer Leistung herumgemäkelt hatten. Nur der Juror und BMG-Chef Stein hatte sich für sie ausgesprochen, nicht wegen Talent oder Stimme etwa, sondern weil Vanessa – "Bild" hat eben recht – so "klasse" aussehe. Am liebsten hätte die Jury wohl auch Alexander vor die Tür gesetzt, aber darauf müssen die vier nun noch eine Woche warten. Dabei kann es gar keinen Zweifel daran geben, dass jeder der Kandidaten besser singt, als der heimliche Jury-Chef Bohlen auch nur krächzen kann.

Aber das muss er ja auch nicht, denn Bohlen kann ja Hits schreiben: So konnten Hunziker und Spengemann gestern, plötzlich wieder allerbester Laune, bekannt geben, dass vom Bohlen-Song "We have a dream", gesungen von den Kandidaten der Endrunde, 250 000 Stück verkauft wurden – was eine Goldene Schallplatte ergibt. Und weshalb Bohlen sich als Juror und Komponist nun mit Recht Doppelverdiener nennen darf.

Immer noch nicht rausgeflogen sind, leider, die Stylisten der Show – obwohl auch der Juror Stein offensichtlich langsam an der Garderobe der Nachwuchsstars verzweifelt. Gracia zum Beispiel, von "Bild" gerne als "rassig" oder als "Superweib" beschrieben, musste sich in eine geschlitzte Patchwork-Decke zwängen, in der sie aussah wie ein wandelndes Doppelbett. Die Hamburgerin Juliette trug ein absurdes kornblumenblaues Kleid mit Fledermaus-Ärmeln, das selbst die Einkäufer des Karstadt-Schnäppchenmarktes entrüstet ablehnen würden.

Judith Lefeber hielt dem Druck nicht stand
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Judith Lefeber hielt dem Druck nicht stand

Dass der leicht überdrehte Daniel das Rauten-Muster seiner Burlington-Kniestrümpfe zur bayerischen Trachtenmode erklärte, haben ihm vermutlich auch die Stylisten eingeredet. Die Moderatoren dagegen haben sich offenbar ausbedungen, von der Wühltisch-Optik verschont zu bleiben: Sie sind, wie im Abspann nachzulesen, unter anderem von Givenchy ausgestattet.

Ach ja, und das noch: Die Elftplatzierte Nicole aus Berlin darf für die ausgestiegene Judith nachrücken, so sieht es das Reglement vor. Damit kommt RTL dann doch noch auf die geplante Zahl von Samstagabendshows. Und der Sender kann mit dem glücklichen Lächeln von Nicole den "Psychokollaps" ("Bild") von Stephanie und das öffentliche Leid von Judith überstrahlen – und die Frage, wie viel Stress man so jungen und unerfahrenen Talenten der Quote wegen zumuten darf.



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