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Uraufführung von "Rückkehr nach Reims": Ab in den Urwald

Foto: Arno Declair

"Rückkehr nach Reims" mit Nina Hoss Vaterliebe, Vaterhass

Thomas Ostermeier inszeniert in Manchester die Uraufführung von Didier Eribons "Rückkehr nach Reims". Nina Hoss ist der Star des Abends - und spricht auch über ihren Vater.

Einem Menschen den Ort zu zeigen, an dem man aufgewachsen ist, ist ein Vertrauensbeweis. Er gibt viel preis über einen, ob man will oder nicht. Didier Eribon, der Autor von "Rückkehr nach Reims", hat der ganzen Welt den Ort seiner Kindheit offenbart, obwohl oder gerade weil er sich lange für ihn geschämt hat.

Das Buch des französischen Soziologen - in Frankreich 2009, bei uns erst im vergangenen Jahr erschienen - beeindruckt doppelt: Weil es so klug und zugleich so persönlich ist. Eribon setzt sich darin mit dem Arbeitermilieu auseinander, in dem er aufgewachsen ist. Mit dem Vorort von Reims, den er als junger schwuler Mann verlassen hat, hat er auch seine Klassenzugehörigkeit hinter sich gelassen. Aber wenn Eribon darüber nachdenkt, was links sein einmal bedeutet hat und wieso die Arbeiter, die früher kommunistisch gewählt haben, heute für Le Pen stimmen, dann ist das für ihn zwangsläufig auch ein Nachdenken über seine Familie.

Wie bringt man ein so persönliches Buch auf die Bühne? (Um mal die müßige Frage zu überspringen, warum so ein Buch überhaupt auf die Bühne muss, weil "müssen" im Theater immer die falsche Kategorie ist.) Der Regisseur Thomas Ostermeier, Intendant der Berliner Schaubühne, hat sich für seine Uraufführung von "Rückkehr nach Reims" beim Manchester International Festival für eine naheliegende, wenn auch theaterferne Lösung entschieden: Er hat den Autor Eribon mit der Kamera an dessen Herkunftsort begleitet.

Gesichtsloser Ort in der Peripherie

Es sind auf den ersten Blick unspektakuläre Bilder, aber genau das ist der Punkt: Die Austauschbarkeit dieses gesichtslosen Ortes in der Peripherie. Ikea, überdimensionale Parkplätze, eine auf alt getrimmte Taverne, die zusammenhanglos dazwischen steht. Und dann ein kleines weißes Reihenhaus, unterscheidbar von den anderen links und rechts nur durch die Hausnummer 9.

Eribons Mutter sitzt am Esstisch, sie trägt einen kurzärmeligen Pullover, der fast die gleiche Farbe hat wie der Milchkaffee, in den sie ihre Butterkekse taucht. Gemeinsam mit dem Sohn kramt sie in Kartons mit alten Familienfotos und in ihren Erinnerungen.

Der Film über Eribons Rückkehr nach Reims ist auf einer großen Leinwand zu sehen, die bei Ostermeiers Uraufführung im HOME Theatre von Manchester die ganze Rückseite der Bühne einnimmt. Die Bühnenbildnerin Nina Wetzel hat ein schön altmodisches, holzgetäfeltes Tonstudio entworfen. Das ist die Rahmenhandlung, die Ostermeier und sein Team um die "Rückkehr nach Reims" gebaut haben: Wir sehen der Fertigstellung des Films zu. Ein dramaturgischer Kniff, der die Diskussion über das Buch ermöglicht.

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Uraufführung von "Rückkehr nach Reims": Ab in den Urwald

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Die Schauspielerin Nina Hoss spielt die Schauspielerin Katy, die den Kommentar zum Film einspricht. Sie begrüßt den Regisseur und den Tonmeister, dann liest sie konzentriert, mit sanfter, ruhiger Stimme, Auszüge aus Eribons Buch: dass der Vater die Homosexualität seines Sohnes nie akzeptiert hat und erst stolz auf ihn war, als der im Fernsehen auftrat - dazu sieht man den jungen Eribon in einer Diskussionssendung über Foucault und dessen Vaterhass reden.

Dass die Arbeiterklasse früher zwar kommunistisch gewählt hat, aber die Konsumfreuden des Kapitalismus immer geschätzt hat - zu sehen sind farbenfrohe Aufnahmen aus einem Supermarkt in den Siebzigern. Man braucht diese Bilder nicht, um Eribons Ausführungen zu verstehen, aber sie machen einem die Welt, in der er aufgewachsen ist, noch plastischer. Vor allem weil das, was er als unerträglich eng, bedrückend und beschränkt beschreibt, im Bild so furchtbar normal aussieht.

Klischee eines oberflächlichen, eitlen Filmregisseurs

Nach einer Dreiviertelstunde unterbricht Nina Hoss alias Katy plötzlich und beginnt mit dem Regisseur eine Diskussion, weil ihr Eribons Analyse des Kapitalismus im Film zu verkürzt erscheint. Erst jetzt wird der Theaterabend wirklich zum Schauspiel - aber Ostermeier geht es plötzlich nicht mehr um Politik, sondern um Komik.

Bush Moukarzel als Regisseur, der bisher die meiste Zeit versteckt hinter einer dunklen Glasscheibe in der Kabine am Mischpult saß, dreht sofort voll auf. Er spielt dabei weniger ein Alter Ego des Theaterregisseurs Ostermeier als das Klischee eines oberflächlichen, ignoranten, eitlen Filmregisseurs - dem man keine Sekunde glaubt, einen so einfühlsamen Film über Eribon zu machen.

Zum Glück ist das aber nur ein kurzes Intermezzo, dann geht es weiter mit dem Einsprechen des Films. Nun dreht er sich um die europäische Sozialdemokratie, die ihre Klientel im Stich gelassen hat, Schröder beim Verteidigen seiner Agenda 2010 ist zu sehen, Mitterrand, Tony Blair.

Am Ende interveniert Katy noch einmal: Der Schluss, bei dem vage gesagt wird, man müsse den unteren Schichten wieder zu neuen Perspektiven verhelfen, sei ihr zu offen und zu didaktisch. Sie hätte gerne eine konkrete Hoffnung - und beginnt von ihrem Vater zu sprechen, der wie Eribons Vater 1929 geboren ist und Kommunist war, aber im Gegensatz zu diesem immer ein aufrechter Kämpfer für die gute Sache geblieben ist.

Nina Hoss spielt Nina Hoss

Sehr schnell wird klar: Nina Hoss spielt jetzt nicht mehr Katy, sondern Nina Hoss, die Tochter des Gewerkschaftsführers, Ex-KPDlers, Ex-Grünen und Umweltaktivisten Willi Hoss (1929-2003). Eine beeindruckende Biografie, die die Tochter da stolz, aber nüchtern und uneitel referiert - und mit Bildern belegt, die ebenfalls auf die große Leinwand übertragen werden: Willi Hoss mit Rudi Dutschke, Willi Hoss mit erhobener Faust gegen die Apartheid in Südafrika, und schließlich Willi Hoss im brasilianischen Urwald, der sich für den Erhalt des Regenwaldes einsetzt.

Das ist, für sich genommen, nicht weniger interessant als die Geschichte von Eribons Familie. Der Theaterabend allerdings gerät durch die Verknüpfung in Schieflage: Einmal, weil die wohltuende Distanz, die dadurch entstand, dass Nina Hoss Eribon ihre Stimme geliehen hat, plötzlich weg ist, und gerade der Hyperrealismus, wenn sie sich selber spielt, ins Gegenteil umschlägt und das Ganze seltsam aufgesetzt wirken lässt.

Und zum anderen, weil nicht klar wird, was uns das sagen soll: Ist es eine Anklage gegen Eribons Vater, der es, anders als Vater Hoss, nicht geschafft hat, aus seiner selbstverschuldeten (?) Unmündigkeit herauszufinden? Vielleicht heißt es nur das: Man hat immer eine Wahl.


"Rückkehr nach Reims (Returning to Reims)". Die englische Fassung ist noch vom 10.-14.7. im Theater des Kulturzentrums HOME  in Manchester zu sehen; die deutsche Fassung hat am 24.9. in der Berliner Schaubühne  Premiere

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