Ruhrfestspiele Kohle futsch, Castorf k.o.

Aufruhr an der Ruhr: Frank Castorf, künstlerischer Leiter der Recklinghäuser Festspiele, hat ausgespielt. Der deutsche Gewerkschaftsbund hat den Theatermacher gefeuert - der letzte Akt in einer kulturpolitischen Inszenierung mit vielleicht weit reichenden Folgen.


Theatermacher Castorf: Liederabend ohne Verdi
AP

Theatermacher Castorf: Liederabend ohne Verdi

Nun ist es also amtlich: Der Vertrag von Frank Castorf als künstlerischem Leiter der Ruhrfestspiele Recklinghausen wird aufgelöst. Dies teilte der Deutsche Gewerkschaftsbund am Dienstag in Berlin mit. Die Entscheidung war am Montagabend bei einer Aufsichtsratssitzung des Festivals gefallen.

Castorf war in seiner ersten Saison als künstlerischer Leiter wegen seines Inszenierungsstils und eines dramatischen Zuschauereinbruchs in die Kritik geraten. Die Besucherzahl war von 48.000 im Vorjahr auf 22.000 abgesunken, die vor zwei Wochen endenden Festspiele zogen die traurige Bilanz von lediglich 34 Prozent Auslastung.

Der Rausschmiss könnte der Einstieg sein: in eine Kulturdebatte über Künstlermut und Behördenängste, Kreativität und Konvention. Denn Castorfs Weggang ist mehr als nur eine Personalentscheidung. Als der 53-jährige Regisseur und Intendant der Berliner Volksbühne im August 2003 zum Chef der Ruhrfestspiele bestellt wurde, herrschte Aufbruchstimmung beim Deutschen Gewerkschaftsbund und der Stadt Recklinghausen, den Trägern des Festivals.

Die 1947 gegründeten, traditionell als Arbeiterfestival ausgerichteten Festspiele hatte zuvor Hansgünter Heyme 13 Jahre lang geleitet und zu einem "Europäischen Festival" ausgebaut. Zwar konnte er die Zuschauerzahl von 17.000 (1990) auf zuletzt 48.000 im letzten Jahr steigern, sorgte aber mit zunehmend populär-trivialem Entertainment für Unmut bei der Kritik.

Castorf-Mitbringsel Schlingensief: Zu viel Neues für Traditionalisten
DDP

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Castorf sollte frischen Wind in die Segel des in die künstlerische Flaute geratenen Festspielschiffs bringen - ein Anspruch, dem der Berliner Theatermacher deutlicher gerecht wurde, als seinen Auftraggebern lieb sein konnte. So brachte Castorf provokative Jungtalente mit ins Ruhrgebiet: den Theater-Rabauken Christof Schlingensief ebenso wie Sprachexperimentierer René Pollesch und Pop-Dandy Schorsch Kamerun.

Für das Publikum war die Mischung aus Improvisation und Provokation zu viel des Neuen: Das große Zuschauerkontingent der DGB-Mitglieder, bisher durch verbilligte Tickets an die Theaterkassen gelockt, zog sich zurück. Nur rund 7500 Gewerkschafter, 65 Prozent weniger als im Vorjahr, wollten Castorf-Kunst erleben. Castorf selber fühlte sich von der "örtlichen Gesellschaft" und den Gewerkschaften behindert; die "Frankfurter Rundschau" sekundierte und sprach vom "informellen Boykott des Festivals durch den DGB und die traditionellen Besucherkreise". Der DGB, der früher rund 40 Prozent des Kartenkontingents für seine Mitglieder abgenommen hatte, habe sich drastisch zurückgehalten und weniger als die Hälfte der sonst üblichen 20.000 Karten geordert.

Gerard Mortier, Noch-Intendant der Ruhrtriennale, jedenfalls hatte die Nase voll und quittierte die Querelen kurzerhand mit seinem Rücktritt. Nachdem die Aufsichtsratssitzung, bei der die Entlassung besiegelt werden sollte, so kurzfristig einberufen worden war, dass Castorf und seine Fürsprecher selbst nicht teilnehmen konnten, gab Mortier in der vergangenen Woche auf. "Es bleibt mir nichts anderes übrig", wird der Intendant zitiert. Auch Nordrhein-Westfalens Kulturminister Michael Vesper (Grüne) und Jürgen Flimm, der Mortier ablösen sollte, stellten sich hinter Castorf. Man solle dem Regisseur in Recklinghausen mehr Zeit zur Umsetzung seiner Ideen geben - ein Appell, der ungehört bliebt.

Sprachexperimentierer Pollesch: Gewagter Inszenierungsstil
AP

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Dabei haben nicht nur Gewerkschaftsbund und Stammpublikum die Kontroverse zugespitzt. Castorf selbst provozierte DGB und Theaterklientel von Anfang an. So hatte es zum Beispiel stolze zehn Monate lang gedauert, bis der Regisseur seinen Vertrag unterzeichnen wollte. Angeblich war die Verzögerung wesentlich die Folge von Castorfs Anspruch, nicht nur künstlerischer Mitarbeiter von Mortier, sondern Geschäftsführender Festspielleiter zu werden.

Zudem eröffnete der Berliner Starregisseur das Festival erstmals nicht am Tag der Arbeit, sondern bereits am Vorabend - für die Gewerkschafter ein Affront. Und beim "Arbeiterliederabend ohne Verdi" durften sich zwar auch Anhänger des italienischen Opernkomponisten gestichelt fühlen, vor allem aber zielte der Titel gegen den DGB als Hauptgesellschafter der Festspiele.

Dass solche Provokationen eigentlich genau die Erwartungen einlösten, mit denen man an Castorf herangetreten war, muss im Streit um Finanzen und einbrechende Zuschauerzahlen vergessen worden sein. "Wer Castorf wollte, hat Castorf bekommen", gab Vesper zu bedenken. Der "Süddeutschen Zeitung" zufolge ist für den NRW-Minister das ganze Verfahren eh "handstreichartig" und "brüsk". Das könnte Folgen haben: Vesper stellt die "konstruktive Zusammenarbeit" von Land und DGB bei den Festspielen in Frage.

Jürgen Flimm bringt die Ruhrfestspiele noch drastischer auf einen Begriff: Er nennt sie schlicht eine "Ruine". Die Programmgestaltung will Flimm, eigentlich designierter Leiter der Ruhrtriennale 2005, nun nicht mehr übernehmen. Das nächste Problem: Für die Spielzeit 2005 muss das Programm bis spätestens Herbst stehen. Aber vielleicht sind all diese Querelen bereits hinfällig: Ob die Festspiele nach dem diesjährigen Minus von 700.000 Euro überhaupt zu Stande kommen, ist mehr als fraglich.

Daniel Haas



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