Ruhrtriennale-Eröffnung Sprachlos im Konjunktiv

Die Ruhrtriennale unter der Intendanz von Stefanie Carp eröffnet ihre zweite Saison: Christoph Marthaler inszeniert in Bochum "Nach den letzten Tagen", ein musikalisches Projekt über verfemte Komponisten und die Krise der Demokratie.

Matthias Horn/ Ruhrtriennale

Von Andreas Wilink


"Der Konjunktiv ist die Theresienstädter Zeitform," schreibt Charles Lewinsky in seiner Roman-Biografie "Gerron". Er legt den Satz seiner (realen) Hauptfigur in den Mund: Kurt Gerron war ein Star in der Weimarer Republik. Nach 1933 konnte er bis in die Niederlande flüchten, wurde deportiert und in Auschwitz mit seiner Frau Olga am 30. Oktober 1944 ermordet. Die Nazis führten gewissenhaft Buch.

Zuvor, als Häftling in Theresienstadt, hat man Gerron gezwungen, den infamen Dokumentarfilm "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt" zu inszenieren. Eine geschminkte Lüge. Der Babelsberger Ufa-Stil, der die Welt schöner malte, als sie war, und in dem es immerzu zu singen schien, "Das gibt's nur einmal, das kommt nicht wieder", wurde darin propagandistisch pervertiert.

Einer Delegation des Roten Kreuzes sollte weisgemacht werden, wie angenehm es die Juden im Lager hatten: Caféhäuser, adrette Kleider, gefegte Straßen, saubere Arbeit- und abends ins Konzert. Wer nicht ins Bild passte, wurde bei Seite geschafft. Kultur als "Freizeitgestaltung" war in Theresienstadt offiziell erwünscht. Es gab ja genügend Menschenmaterial: Schauspieler, Sänger, Kabarettisten, Musiker, Komponisten.

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"Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend": Klare Sache

Musik von Viktor Ullmann und Pavel Haas, die nach Theresienstadt verbracht und ebenfalls in Auschwitz vergast wurden, von Erwin Schulhoff und Józef Koffler, die andernorts umgebracht wurden, sowie der Überlebenden Ernest Bloch, Fritz Kreisler, Szymon Laks, Pjotr Leschenko und Alexandre Tansman enthält Christoph Marthalers szenisches Projekt "Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend".

Die Ruhrtriennale eröffnet damit - ungewöhnlich genug, doch passend - im Audimax der Ruhr-Universität Bochum. Denn wir bekommen, zunächst, eine Lehrstunde. Das Oval des Hörsaals ist halbseitig für die Zuschauer reserviert, während die andere Hälfte in die Weite und ansteigende Höhe hinein zu bespielen versucht wird. Was nur in seltenen Momenten gelingt.

Wir schauen aus dem Futur zurück ins Imperfekt und Präsens

"Letzte Tage. Ein Vorabend." hieß 2013 eine ähnliche Inszenierung Marthalers für die Wiener Festwochen, eingerichtet im Parlamentssaal der einstigen K.u.K-Monarchie. In den sechs Folgejahren sind die politischen und sozialen Verwerfungen nicht weniger geworden. Das NRW-Festival will in der zweiten Saison von Stefanie Carps Intendanz "die Krise der Repräsentation" und postdemokratische Entwicklungen ausleuchten. Doch auch der "Spätabend" bleibt sich eigensinnig Österreich-treu - und der Konjunktiv in Anwendung.

Mit einem Sprung in die Möglichkeitsform soll, so die Idee der Dramaturgin Carp, der Holocaust 200 Jahre her sein: Wir schauen also, während fünf Reinmachefrauen den Schmutz der Vergangenheit beseitigen und ein paar Clowns närrisch tun, zwischen Fantasie-Flaggen (Stern, Sonne, Mond und Kreuz) betreten aus dem Futur zurück ins Imperfekt und Präsens. In diesem wie im Handstreich erzwungenen Konstrukt einer Dystopie ist die ehemalige "europäische Zone" wieder ein Hohenzollern-Kaiserreich, aber ansonsten bloß noch die "Unterhaltungsabteilung" von Asiens Wirtschaftsmacht. In schaurig-komischer Erbitterung, deren satirischer Gehalt den der ZDF-"heute-Show" nicht überwindet, kommen parlamentarische Debattierer, Feierstündler, Schönredner und Erinnerungs-Profis zu Worte.

Politische Position im absoluten Haltungsgebot

Das Tatsächliche wird durchgehechelt und collagiert aus originalen Politiker-Phrasen und erfundenen Passagen, sei es retrospektiv, sei es prognostisch: Rassismus, Antisemitismus, verquerer Patriotismus, Umvolkung, Biopolitik, Heimat-Bekenntnisse in Strophen und Jodlern. Volkes Stimme und Volksvertreters Stimme sammeln sich - lyrisch hinterhältig oder ins Stakkato und Tohuwabohu getrieben - aus Parolen der AFD, den bekannten österreichischen Spezis von Karl Lueger 1894 an historisch aufwärts, Orbán, Salvini, Boris Johnson etc.

Unser Kopf-Nicken und Kopf-Schütteln über das Dumme, Gemeine und Böse laufen dabei auf eins hinaus. Klare Sache. Die politische Position von Stefanie Carp befindet sich im absoluten Haltungsgebot. Wir erleben hier auch die Krise des NRW-Festivals unter dieser Intendantin. Aber die zweieinhalb Stunden der Ruhrtriennale-Kreation haben erst gerade ihren Zenit überschritten. Die Pamphlete werden eingerollt.

Die Klage im Ausdruck stärker als die Anklage

Es folgt die Musik der Verfemten, die Uli Fussenegger, selbst Komponist und manches mehr, recherchiert und arrangiert hat. Werke, nahezu vergessen. Kunst - und Leben - wurden vernichtet. Den akustischen Echoraum zu Carps unterkomplexem Kurzschluss zwischen Faschismus und dem akuten Notstand demokratischer (Geistes-)Verfassung bilden diese Fragmente, Intermezzi, Variationen, Kantaten, Sonette in kammermusikalischer Besetzung: wehmütig, lebenstraurig, schwindend bis ins fast Unhörbare - unbedingt modern.

Und es folgt etwas, das das Prädikat Marthaler verdient. Denn die Klage ist im Ausdruck stärker als die Anklage. Luigi Nonos Auschwitz-Gesänge hallen vom Tonband, als seien der Rauch der Krematorien und die Schreie Sterbender Klang geworden. Ins Nichts hinein spielt Marthalers Ensemble (u.a. Bettina Stucky, Walter Hess, Stefan Märki, Josef Ostendorf) mit Zwanghaftigkeiten, Fallsüchten, Reglosigkeit - geht, steht, sitzt, liegt, leise, sanft, müde und weich. In die Ränge hinauf verteilen sich die elf Menschlein wie Noten auf einer Partitur.

Den Schluss wird niemand leicht vergessen: Aus Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium "Elias" singt der Chor der Interpreten "Wer bis an das Ende beharrt" und zieht langsam, in schwere Mäntel gekleidet, fern von links nach rechts ab ins Dunkel. Ein Fries aus der Finsternis früher und später Tage.



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Alex G. 22.08.2019
1. Überschrift
Die Schreie Sterbender. Im Artikel beziehen sich diese Wörter auf die KZ Opfer. Mann kann sie auch für uns verwenden. Unsere Aufregung über Ungerechtigkeit, Leiden, mörderische Machtspiele, Dummheiten die viel stärker sind als unsere Intelligenzen, Machtlosigkeit und Verzweiflung - all dies Geschriebene und Geschriene ist nur das zähneknirschende Schreien Sterbender. Wir sind die Sterbenden und auch schon Toten.
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