"Rummelplatz"–Uraufführung Ossi-Party unter Tage

Dem Bohrhammer nach der Pfeife tanzen, das war das Los der Bergbauer in der DDR. Werner Bräunig beschreibt in "Rummelplatz" den Einsatz der Kumpel beim Aufbau der Volksrepublik. Jetzt wurde sein Roman für die Bühne adaptiert: Ein mitreißendes Stück - mit einem Schuss Wildost-Romantik.
Von Christine Wahl

Der Professorensohn Christian Kleinschmidt macht eine buchstäblich windige Figur am Bohrhammer. Die Aufbau-Ost-Arbeitskluft schützt ihn nicht davor, von der Maschine, die er eigentlich dirigieren soll, wie ein Veitstänzer herumgeschleudert zu werden. Und so erfährt er seine erste realsozialistische Arbeitslektion für Abiturienten im Schacht der Wismut AG, des Uranbergbaubetriebs im Erzgebirge.

Beim begnadeten Tragikomiker Milan Peschel wird sie zur großen Slapsticknummer – ohne, dass der Schauspieler dabei seine Figur verrät. Schließlich kann sich dieser unfreiwillige Aufbau-Kumpel trösten: Die Kolleginnen in der benachbarten Papierfabrik haben es auch nicht leichter. Denn die mobilen Plateaus auf der Bühne des Berliner Maxim Gorki Theaters heben und senken sich in einer derartigen Frequenz, dass die maschinenölverschmierten Kittelschürzenträgerinnen dazwischen wie bei einem olympischen 400-Meter-Finale herumsprinten müssen, um nicht in irgendeinem Maschinenschlund zu verenden.

Zu Beginn des Mauerfall-Gedenkjahres, das unter der Hochkultur-Banderole garantiert auch en masse friedliche Revolutionsfolklore über uns ausschütten wird, hat der Gorki-Intendant Armin Petras "Rummelplatz", Werner Bräunigs gänzlich folklorefreien Roman für die Bühne adaptiert.

Posthum zu verdientem Erfolg

Das literarisch hoch eindrucksvolle 700-Seiten-Epos nimmt die Formel vom sozialistischen Realismus quasi wörtlich und beschreibt die Anfangsjahre der DDR derart ungeschminkt, dass die Polit-Nomenklatura die grundständige Aufbaueuphorie des schreibenden Arbeiters und Parteigenossen Bräunig seinerzeit borniert übersah. Auf dem berüchtigten 11. Plenum der SED wurde ein Vorabdruck des Buches so scharf angegriffen, dass es in der DDR schließlich nicht erscheinen durfte. Erst 2007 – 31 Jahre nach dem frühen Tod des Autors, für den sich dieser Vorgang zur biografischen Tragödie ausweitete – brachte der Aufbau-Verlag es heraus. Posthum kam der Autor zu seinem verdienten Erfolg.

Nun ist es natürlich gerade diese bei aller scharfen Detailkritik ungebrochene sozialistische Aufbaueuphorie, die das Zeitzeugnis aus heutiger Sicht interessant, aber gleichwohl kompliziert macht. Wie stellt man Blauhemd-Jugendbrigaden und den Glauben an Parteiaufträge 2009 auf die Bühne, ohne in ostalgischem Historienkitsch zu versacken? Und ohne auf der anderen Seite das Personal zu denunzieren?

Petras hat diesbezüglich zwei kluge Entscheidungen getroffen. Erstens erzählt er die Geschichte unaufdringlich von heute aus: Die Wismut-Kumpel malochen und saufen zu einem definitiv zeiten- und systemübergreifenden Musiksound und treten auch gern mal aus ihren Rollen. Wenn der coole Lederjacken-Anarcho Peter Loose (Michael Klammer) seinem minimalistisch-wortkargen Wismut-Boss Hermann Fischer (Peter Kurth) gestehen muss, keinen Beruf erlernt zu haben, schickt er eine Grußadresse ans moderne Kulturprekariat über die Rampe: Er sei "Lebenskünstler", grinst er, "eher so freiberuflich." So wird das historische Kapitel von vornherein kostümfilmpeinlichkeitsfrei als etwas Vergangenes und zudem Gespieltes kenntlich, dem man sich dann umso offener nähern kann.

Wohlstandsbäuchige Betriebsleiterwitzfigur

Zum zweiten eignet sich der typische Petras-Regiestil – das Fragmentarische, Improvisierte, das die Figuren in menschenfreundlicher Verspieltheit immer wieder bricht statt sie psychologisch auszupinseln – gut als Pathosumschiffungsstrategie. Überhaupt handelt es sich um den schauspielerisch besten, inszenatorisch konzentriertesten und szenisch durchdachtesten Petras-Abend seit langem.

Wenn sich die Wismut-Kumpel beispielsweise in einen Arbeitsrausch steigern, lässt Petras sie wie im Technoclub ekstatisch zucken. Da schnurren die gestrige Bergbau-Produktionsorgie einerseits und die heutige Eingemeindung des Arbeitsbegriffs in die Spaßkultur andererseits klug in einem einzigen Bild zusammen, das zu alledem auch noch äußerst unterhaltsam ist.

Und auch die Schauspieler sah man schon lange nicht mehr so gut am Gorki: Ob Ursula Werner als wohlstandsbäuchige Betriebsleiterwitzfigur, Robert Kuchenbuch als distinguiertes bürgerliches Überbleibsel oder Britta Hammelstein als stimmgewaltige Kellnerin mit erfreulichem Schlampenappeal.

Extraportion Utopie

Man kann diesem Abend eigentlich nur einen Vorwurf machen, und der wiegt allerdings nicht leicht: Petras betont, wie kürzlich schon in seiner Adaption des Clemens-Meyer-Erfolgs "Als wir träumten", überdeutlich die romantiktauglichen Aspekte der Vorlage. Die ellenlangen und höchst berechtigten inneren Zweifelmonologe der Figuren im Buch, die Verhaftung Jugendlicher, deren Verbrechen darin bestand, zu "klassenfeindlicher" Musik zu tanzen oder aus Sicht der Staatsgewalt zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, werden vergleichsweise kurz angerissen.

Petras, der in seiner Jugend in der DDR selbst ziemlich romantikfreien Repressalien ausgesetzt war und kurzzeitig in der Strafkompanie Schwedt einsaß, zeigt die DDR tendentiell als romantisches Wildost-Abenteuer.

Und die Extraportion Utopie, die der alte Genosse, ehemalige KZ-Häftling und Obersteiger der Wismut Hermann Fischer in seinem Schlussmonolog den Parkettsitzern mit auf den Heimweg gibt, wäre auch verzichtbar gewesen – wischt er doch die Ambivalenzen, die Petras vorher streckenweise aufgeblättert hatte, unnötig weg.


"Rummelplatz" - Maxim Gorki Theater Berlin, nächste Aufführungen 31.1., 6.2. und 14.3.2009

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