13. Documenta in Kassel Kunst bläst Gehirn frei

Im Vorfeld der 13. Documenta gab's diesmal Tamtam um die Kuratorin. "Wahlrecht für Hunde und Erdbeeren" ist ein Slogan von Carolyn Christov-Bakargiev. Doch ein Rundgang in Kassel zeigt: Ganz so crazy geht's nicht zu. Auch wenn sich Besucher selbst in ein Sanatorium einweisen können.

AP

War da was? Irritiert blickt man sich um in den beiden großen Sälen gleich hinter dem Eingang des Fridericianums: Sie sind leer. Dort, wo vergangene Documenta-Schauen mit opulenten Arbeiten programmatische Akzente setzten, herrscht gähnende Leere. Nur eine Vitrine steht verloren im Raum. In ihr liegt ein Brief: Der Künstler Kai Althoff erklärt, warum er die Einladung zur d(13) nicht annehmen kann. Sonst: Leere.

Und doch: Da ist was. Man sieht nichts, aber man spürt es: Eine Intervention des britischen Künstlers Ryan Gander durchzieht die Räume des Erdgeschosses - in Gestalt einer frischen Brise. Ein wahrhaft minimalistisches Kunstwerk.

Nebenan, in einem Seitenkabinett, gibt es wieder nichts zu sehen. Nur zu hören: Ceal Floyer hat für ihre Soundarbeit einen Song-Klassiker zurechtgestutzt auf die Zeilen "I'll just keep on 'Till I get it right" und so eine tief traurig bis zwangsneurotisch klingende Endlosschleife produziert.

So beginnt die 13. Documenta, die das Kürzel d(13) trägt und am Samstag ihre Pforten für das große Publikum öffnet, an ihrem zentralen Ort mit einem Coup: Das Sehen, also der Sinn, den die bildende Kunst traditionell bevorzugt bedient, wird erst mal auf Entzug gesetzt. Und nach Ganders Fühl-Etüde und Floyers Ohrwurm geht es in der Rotunde, dem hinteren Bereich des Erdgeschosses, erst einmal ans Denken.

Daumenkinos von der syrischen Revolution

Denn Carolyn Christov-Bakargiev, die Leiterin der d(13), nennt diesen Raum nicht umsonst das "brain", also das Gehirn der Schau. Hier hat sie versammelt, was das Konzept ihrer Documenta skizziert. Das Thema "Zusammenbruch und Neubeginn" klingt an durch den Verweis auf Mohammad Yusuf Asefi. Er hat um das Jahr 2000 in der Nationalgalerie von Kabul figürliche Malerei übermalt und so etliche Gemälde vor der Zerstörung durch fundamentalistische Bilderstürmer bewahrt.

Christov-Bakargievs Faible für ökologische Kunst- und Wissensformen? Dafür stehen Fotos von einem Nebelfängernetz, mit dem in der Atacama-Wüste Wasser gewonnen wird. Ihr Interesse an aktuellen und historischen Krisenregionen? Das unterstreichen Videobilder vom Kairoer Tahrir-Platz und Fotos von Bombenteichen in Kambodscha.

Was das "brain" andeutet, wird im Rest des Fridericianums mit Kunstwerken durchgespielt. Mit unerwartet politischen Gemälden von Dalí etwa, in denen der Spanische Bürgerkrieg auftaucht. Oder mit Mark Lombardis Schaubildern: Sie legen, exakt recherchiert, korrupte Netzwerke von Politik und Wirtschaft offen. Hoch ästhetisch inszeniert ist neben dem Fridericianum auch die auf Malerei konzentrierte Documenta-Halle. Und im Ottoneum, dem ehemaligen Theatergebäude und jetzigen Naturkundemuseum, umkreisen etliche Arbeiten Nahrungsmittelproduktion, Ökosysteme und Energiekreisläufe.

Im alten Kasseler Hauptbahnhof sind Werke wie eine Jalousien-Installation von Haegue Yang luftig in gigantische Hallen gesetzt. Ein Höhepunkt ist im Südflügel des Bahnhofs die Arbeit von Rabih Mroué. Der libanesische Künstler hat letzte Handy-Filmaufnahmen von Opfern der syrischen Revolution und Spielfilmmaterial zu einer beklemmenden Daumenkino-Installation und einem Acht-Milimeter-Film verarbeitet, der Schüsse aus Waffen und Gegenschüsse aus filmenden Handys in eine vertrackte Endlosschleife verstrickt.

Unter den Wortschwaden ist die Kunst gereift

So lichtet sich der Rauch der verbalen Nebelkerzen, mit denen die Documenta-Chefin, auch auf den Namen "Madame Maybe" getauft, wolkig und auch mal obskur ihr Vorhaben einhüllte. "Wahlrecht für Hunde und Erdbeeren" und so. Unter solchen Wortschleiern scheint die Kunst aber doch ganz gut gereift zu sein. Besonders die Arbeiten, die mit ihren hölzernen Behausungen lose in den riesigen, malerisch schönen Karlsaue-Park hineingetüpfelt sind, nehmen die Inhalte, im Vorfeld in allzu viele Essenzen zeitgeistiger Denkrichtungen eingelegt, spielerisch und beiläufig auf.

So ist auch der Skulpturenpark für Hunde nur ein Aperçu und wurde, zumindest anfangs, von den Kasseler Vierbeinern eher ignoriert. Auf eifriges Interesse der Zweibeiner stieß dagegen das "Sanatorium" - eine Art Zauberberg für psychisch Kranke, erdacht vom mexikanischen Künstler Pedro Reyes. Hier kann man sich von Spezialisten an der Seele herumdoktern lassen: je nach Verordnung per Hypnose, Paartherapie, Urschrei- oder Voodoo-Ritual. Schöne Konsequenz dieser Versuchsanordnung: Wirklich erleben kann diese soziale Skulptur nur, wer sich selbst als krank oder zumindest therapiebedürftig einliefert.

Friede, Freude, Heilung. Oder kurz: Change! Das scheint die Botschaft der d(13) zu sein, die unter ihren Außenposten sogar Seminare und eine Ausstellung in Kabul bzw. Bamian verzeichnet. Ein Don Quijote kämpft dann aber doch an gegen diese ästhetisch inszenierte, ökologisch, feministisch und politisch engagierte, vernunftkritisch-ganzheitliche Veranstaltung mit ihren vorwiegend erdigen, verhaltenen Farben: der Bulgare Nedko Solakov.

Seine Arbeit, präsentiert im Grimm-Museum, ist eine Art Hall of Fame aus den Souvenirs seines Traums, in der Welt als tougher Kämpe in maßgeschmiedeter Ritterrüstung seinen Mann zu stehen - ob beim Schwertkampf oder als Schlagzeuger einer Rockband. Bei ihm geht es so lustig, knallbunt, geschmacklos und unkorrekt zu, wie man es sonst auf der d(13) doch ein wenig vermisst.


documenta (13), 9. Juni bis 16. September, 10-20 Uhr, Kassel, d13.documenta.de

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