Russen in Tel Aviv Igor und das Spielzeug-Orchester
Fast eine Million Juden und Russen sind seit dem Zerfall der Sowjetunion nach Israel gekommen. Man sieht und hört sie überall: Auf den Straßen, in den Cafés, den Bussen, es gibt Geschäfte mit russischen Delikatessen, russische Zeitungen, Russendiskos und sogar eine russische Mafia. Israel ist sozusagen die letzte Sowjetrepublik außerhalb der ehemaligen Sowjetunion.
Igor Krutogolov ist das sehr recht. Er fühlt sich wohl in Tel Aviv. Obwohl er ordentlich Hebräisch und ein wenig Englisch spricht, kann er sich überall auf Russisch verständigen. Er lebt in der Herzlstraße in Florentin, einer Gegend im Süden von Tel Aviv, die noch nicht komplett saniert wurde, mitten im Textil- und Möbelviertel, wo der Putz von den Fassaden fällt, die Mieten aber bezahlbar sind. Auch das Haus Nr. 56 wurde, wie die meisten Häuser in der Altstadt, von Bauhaus-Architekten gebaut, inzwischen aber gründlich verschandelt. Nur das Treppenhaus mit dem Lichtschacht erinnert noch an das Original.
Weil die Mieter häufig wechseln, stehen an der Haustür Nummern statt Namen. Igor Krutogolov ist die Nummer 3. Er lebt auf 20 Quadratmetern, die schon lange nicht mehr aufgeräumt wurden, eine steile Treppe führt zum Hochbett. So kann nur ein Dichter wohnen. Oder ein Musiker, der Wichtigeres als Putzen zu tun hat. "Jesch li harbe projektim", sagt Igor auf Hebräisch, mit einem Akzent, der nach Blini, Borscht und Balalaika klingt: "Ich habe viele Projekte".
Krutogulov, 1976 in der usbekischen Hauptstadt Taschkent geboren, wollte "schon immer Musiker" werden. Nach zehn Jahren Schule kam er 1992 nach Israel, wo seine ältere Schwester schon zwei Jahre lebte. Die Eltern folgten den Kindern ein Jahr später. Jetzt leben sie in Aschkelon. Der Vater, von Beruf Maler, bekommt eine Rente, die Mutter arbeitet bei der "Kupat Cholim", der israelischen AOK. "Wir sind nicht wegen Antisemitismus gegangen, wir wollten einfach raus", erklärt er. Igor hätte gerne die Kunstschule in Tel Aviv besucht, "aber das war nicht möglich", so wurde er Automechaniker und arbeitete acht Jahre in einer Reparaturwerkstatt. Nebenbei machte er Musik. Aber: "Es ist schwer, in Israel von Musik zu leben, das Land ist klein, man kann nicht jeden Tag ein Konzert geben, und wenn man drei Konzerte gegeben hat, kennen einen alle."
Das Musikleben konzentriert sich auf Tel Aviv, das ist einerseits praktisch, weil man nicht viel reisen muss, andererseits hat man die vier, fünf Clubs der Stadt schnell durchgespielt. Dennoch, ein halbes Dutzend CDs hat Igor inzwischen aufgenommen und zuletzt sogar den Soundtrack für einen japanischen Film ("Wardrobe") komponiert, der demnächst in die Kinos kommt. "Ich bin auf keinen Stil fest gelegt, ich mache einfach gerne Musik", sagt er.
In seinem Zimmer stapeln sich LPs und CDs. In der Klassikerecke stehen Schostakovich und Strawinsky, John Cage und Luigi Nono, Gidon Kremer und Arvo Pärt. Auch die Pop-Ecke ist gut besetzt, mit Tom Waits, Unsane, Weather Report und den Einstürzenden Neubauten, seiner Lieblingsgruppe. Igor selbst hat nicht nur viele Projekte, an denen er gleichzeitig arbeitet, er hat auch zwei Gruppen gegründet, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Kruzenshtern & Parchod und das Toy Orchestra. Die erste spielt Klezmer im Free Style, die zweite hört sich nach Kindergeburtstag mit Kartoffelsalat und Wackelpeter an. Beide treten mit einer Vitalität und einer Sorglosigkeit auf, die man unter etablierten Gruppen kaum findet. Gespielt wird, was Spaß macht, und zum Musizieren taugt alles, das Töne hergibt.
So staunten sogar die an Sensationen gewöhnten Tel Aviver, als Igor und das Toy Orchestra zum ersten Mal öffentlich auftraten - am vergangenen Freitagnachmittag in der Sheinkin, einer beliebten Flaniermeile im Süden der Stadt. Es war eine Art Generalprobe auf der Straße: Zehn junge Leute, die mit Hingabe auf Kinderinstrumenten spielten - keine Kinderlieder, sondern ausgefeilte und arrangierte Melodien, die Igor komponiert hatte. "Bis jetzt sind es sieben Stücke, und wenn wir alle spielen, dauert das Konzert etwa eine halbe Stunde." Auch ein guter Punk-Auftritt sollte nicht länger dauern, meint Igor.
Die Idee, ein "Toy Orchestra" zusammenzustellen, kam ihm, als er eines Tages an einem Spielzeugladen in seinem Viertel vorbei ging und ein Mini-Schlagzeug im Schaufenster sah. Er ging rein und kaufte alle Kinder-Instrumente auf. Dann rief er ein paar Musiker an, und schon war die Band komplett, besetzt mit Leuten, die sich alle untereinander kennen und auch schon zusammen gespielt haben. Darunter auch Viktor Levin und Leonid Ulitzki, Besitzer einer Konzertagentur und des Labels "Aurismedia", die vor allem russische Musiker in Israel promoten und vermarkten.
Igor selbst spielt Schlagzeug, Gitarre, Trompete und Holzsäge. Er dirigiert das Toy Orchestra mit dem gleichen Ernst, mit dem Daniel Barenboim seine Berliner Philharmoniker führt. "Es ist egal, ob man auf der Straße oder im Konzertsaal spielt, man muss nur gut sein." Noch in diesem Jahr will er eine CD aufnehmen. Dafür muss das Repertoire allerdings noch über die sieben vorhandenen Titel hinaus erweitert werden.
Igor arbeitet schon jetzt jeden Tag zwölf Stunden, geht zwischen drei und vier Uhr nachts schlafen und steht um neun wieder auf. Im Gegensatz zu den meisten freien Musikern, von denen es in Israel Tausende gibt, spielt er nicht auf Hochzeiten und anderen Familienfesten. Das ist ihm zu anspruchslos. Er will mit dem Toy Orchestra, der ersten Band der Welt, die nur auf Kinderinstrumenten spielt, groß raus kommen.
Heute Abend werden die Weichen für Igors Karriere gestellt. Das Spielzeug-Orchester tritt zum ersten Mal in einem Profi-Club auf, dem "Green Racoon" (Grüner Waschbär) in der Hayarkon. Und davor, sozusagen zur Einstimmung, liest der russische Dichter und Dissident Wladimir Sorokin aus seinen Werken. Er kommt eigens für die Lesung nach Tel Aviv, aus Moskau an der Moskwa in einen Vorort der russischen Metropole am östlichen Rand des Mittelmeers.