Russische Avantgarde Politik der Rotarmisten, Ästhetik der Traktoristen

Die Russische Avantgarde revolutionierte die Ästhetik, wollte mit den Mitteln der Kunst die Gesellschaft verändern - und endete unter dem Diktat des Sozialistischen Realismus. Ein Ausstellung in Hamburg lässt die bedeutende Epoche noch einmal Revue passieren.

Von Sabine Danek


Sozialistische Big-Brother- Impression: Alexander Rodtschenkos "Kinoauge" (1926)

Sozialistische Big-Brother- Impression: Alexander Rodtschenkos "Kinoauge" (1926)

Anfang des 20. Jahrhunderts ging ein Beben durch die europäische Kunstszene und breitete sich bis nach Moskau und St. Petersburg aus. Angeregt von futuristischen Hochgeschwindigkeitsgemälden und kubistischen Bildexplosionen, begann man auch in Russland gegen die naturalistische Malerei zu rebellieren. Künstler wie Wladimir Tatlin schufen Reliefs aus Holz, Metall und Leimfarben, Kasimir Malewitsch zersplitterte das "Porträt eines Erbauers" zeichnerisch in seine Einzelteile, während Natalja Gontscharowas "Elektrisches Ornament" nur noch aus Mustern in Ölfarbe besteht.

Ästhetischer Ruck: Wladimir und Georg Stenbergs "Der Mann aus dem Wald" (1928)

Ästhetischer Ruck: Wladimir und Georg Stenbergs "Der Mann aus dem Wald" (1928)

"Aufbruch in die Moderne" nennt das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe den Ausgangspunkt seiner umfassenden Werkschau - und zeigt darin, wie das künstlerische Aufbäumen im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts den Weg für radikale Abstraktionen wie Malewitschs "Schwarzes Quadrat auf weißem Grund" ebnete. Beschäftigten sich Konstruktivisten wie Malewitsch und Alexander Rodtschenko zu dieser Zeit aber vor allem mit den Gesetzen der Malerei, ging mit der Oktoberrevolution ein neuer ästhetischer Ruck durch ihre Reihen.

Das Volkskommissariat für Bildung und Kultur eröffnete den Künstlern bis dahin nie gekannte Möglichkeiten, an der Gestaltung der neuen Gesellschaft mitzuwirken. Als Lenins Plan für "monumentale Propaganda" 1918 in Kraft trat, begannen sie Agitations-Dampfer und Zugwaggons zu gestalten, entwarfen Plätze für Revolutionsfeiern, ließen Geschirr mit Hammer und Sichel und leuchtenden Weizenfeldern bedrucken - und machten auch vor dem Firmament nicht halt. In seinem Architekturentwurf "Wolkenbügel" hob El Lissitzkys den "neuen Menschen" in nie erklommene Höhen, auf einer ausziehbaren Rednertribüne sollte Staatschef Lenin folgen.

Agitatorische Formensprache: Service "Erholung" von Ljublow Karlowa Blak (30er Jahre)

Agitatorische Formensprache: Service "Erholung" von Ljublow Karlowa Blak (30er Jahre)

Schnell zog das neue Kunstverständnis weite Kreise. Anfang der 20. Jahre begannen Künstler sich "Produktionskünstler" zu nennen, werkelten im Arbeiteroverall und stellten ihr innovatives Schaffen in den Dienst der Massenfabrikation. Manchmal drangen sie dabei bis in den heimischen Kleiderschrank vor. Unter Titeln wie "Windmotor" und "Fünfjahresplan in vier Jahren" entwarfen sie Kleiderstoffe mit Panzern, Kanonen oder Rotarmisten, Matratzenbezüge mit Traktoristen - und erwischte einen die Grippe, schnupfte man in Taschentücher, die mit Förderwalzen, Flugzeugstaffeln oder dem Sowjetstern verziert waren.

Die agitatorische Formensprache durchdrang alle Lebensbereiche und die Abstraktion wich kunstvoll arrangierten Darstellungen von würdevollen Arbeitern, erfolgreichen Sportlern und rotbackigen Bauern. Zu dieser Zeit hatte sich die Schlinge der Staatsmacht längst eng um das Genick der Künstler gelegt. Sie zog 1934 zu, als die Partei den Sozialistischen Realismus, der das Lebensglück des Sowjetbürgers propagierte, zur einzigen und verbindlichen Kunstform erklärte.

Retrospektive einer Aufbruchsepoche: Bronzefigur des Künstlers Iwan Dimitrij Ewitsch (1922) im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe
DPA

Retrospektive einer Aufbruchsepoche: Bronzefigur des Künstlers Iwan Dimitrij Ewitsch (1922) im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe

In leuchtend rot gestalteten Räumen und mit mehr als 500 Exponaten aus Malerei, Architektur und Fotografie, Plakatkunst und Grafik, bis hin zu Textildesign und Porzellangestaltung lässt das Museum für Kunst und Gewerbe die einstige Aufbruchstimmung nun noch einmal lebendig werden. Begleitet wird die bisher umfangreichste Ausstellung des Hauses von Vorträgen, Lesungen und einem Kinoprogramm.

"Mit voller Kraft - Russische Avantgarde 1910-1934", Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, 23.2.-10.6.2001



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