S.P.O.N. - Der Kritiker Auf der Flucht

Sowas schaffen auch nur die Deutschen: Sie streiten über die Gegenwart und landen bei Goethe. Aber wir leben eben im feuilletonistischen Zeitalter, da werden die Konflikte gerne auf dem Feld der Kultur ausgetragen.

Was ist denn überhaupt passiert? Thilo Sarrazin, Sie erinnern sich, der Mann der berühmten Berliner Grundschuldomina Ursula, hatte sich an Weihnachten über die von ihm ganz konsequent biologistisch so genannten "halbgebildeten" Redenschreiber von Bundespräsident Christian Wulff empört. Der hatte, wohlmeinend, sagen die einen, lübkehaft, sagen die anderen, den Islam, Sie erinnern sich, Deutschland zugeschlagen. Das konnte so nicht stehen bleiben, und deshalb schreiben seit Tagen in der gleichen "FAZ", die sonst mit Thomas Mann auf alles schießt, was sich bewegt, Professoren und Schriftsteller, darunter auch der jüngst verstorbene Schriftsteller Hadayatullah Hübsch, hin und her, ob nun der "Geheimrat", wie die Soziologin Necla Kelek Goethe ohne Not nennt, den Islam richtig oder falsch verstanden hat. Ob er in seinem "Westöstlichen Divan" den Islam verharmlost oder, wie Sarrazin meinte und dabei ein Zitat verstümmelte, visionär vor ihm warnt.

Ergebnis: Goethe hat den Islam überhaupt nicht verstanden, weil ihn der Islam herzlich wenig interessierte - so wie Politik im Allgemeinen und Religion im Besonderen. Das einzige, was Goethe wirklich interessierte, war alles Ästhetische. Deshalb liebte er den Koran. Als Dichtung.

Bei der "Wulff-Sarrazin-Hübsch-Kelek-Debatte", wie die "FAZ" das fast schon selbstironisch nennt, geht es aus diesem Grund auch eher nur hin als her. Denn selbst wenn man wie Necla Kelek versucht, aus Goethe etwas Gegenwartsrelevanz zu pressen, es klappt einfach nicht. Das Ganze ist ja auch famos schief gedacht, besonders vom Schiefdenker Sarrazin. Was sollte denn ein Wort Goethes aus einer vollkommen anderen historischen Situation heraus über unser Verhältnis zum Islam heute sagen?

Kultur ist klüger als jede Debatte

Und genau da fängt das Problem dieses politisierten Kulturalismus an. Wenn man versucht, historisch klar zu benennende soziale, ökonomische oder politische Fragen kulturell zu beantworten, überkleistert man die tatsächlichen Zusammenhänge, weil die: sozial sind oder ökonomisch oder politisch. Was natürlich mit Absicht geschieht. Anders gesagt: Ziel des Kulturalismus ist nicht Aufklärung, sondern Nebelwerfen. Denn so eine "Debatte" wie die um Goethes "Divan" läuft ja nicht ohne Interessen ab, genauso wenig wie die "Debatte" darüber, ob Ursula Sarrazin eine Lehrerin ist, die Kinder zum Weinen bringt und Kinder schon mal "Suzuki" nennt, wenn sie japanisch aussehen. All diese Debatten, alle kulturell geführten Debatten überhaupt, sind Abwehr- und Ausweichmanöver. Sie sagen etwas aus über eine Gesellschaft, die in die Defensive geraten ist.

Wer auf die Kultur ausweicht, wenn er gesellschaftlich etwas kritisiert, der tut das, weil er weiß, dass er sonst verloren hat. Kultur ist nichts, über das man wirklich vernünftig debattieren kann, deshalb ist etwa das gestrige Leitkultur-Gegockel auch so überflüssig. Kultur entzieht sich, Kultur ist klüger als jede Debatte. Kultur ist als Argument immer nur eine Ausrede.

Tatsächlich gibt es natürlich andererseits, wir leben ja, wie gesagt, im feuilletonistischen Zeitalter, Interessanteres zu sagen darüber, wie Kultur und Eroberung zusammenhängen. Aber das hat weniger mit dem Islam zu tun, auch wenn der eine lange europäische Angsttradition hat, die Goethe in seinem "Divan", by the way, wirklich umschifft hat. Es hat vielmehr, wie so vieles heute, mit China zu tun. Präsident Hu bei Obama diese Woche: "China vergibt so viele Kredite an Entwicklungsländer wie nie zuvor", schreibt die "Financial Times" kurz vor dem Besuch von Hu: Hier finden die wirklichen Veränderungen statt - die, das beschreibt Martin Jacques eindrucksvoll in seinem Buch "When China Rules the World", durchaus auch kulturell sein werden.

Deshalb ist eine "Debatte" wie die um den "Divan" auch so symptomatisch: Sie zeigt eine Gesellschaft auf der Flucht vor der Gegenwart.

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