S.P.O.N. - Der Kritiker Das unerträgliche Fest

Eine Religion der Angst, kollektives Vernunftversagen und ein beschädigter Monat im Kaufrausch: Das ist Weihnachten. 

Weihnachten ist nicht deshalb so unerträglich, weil es ein Fest der Angst ist, das eine Religion der Angst feiert, und die Menschen im Angesicht dieser Angst umso verzweifelter das Glück beschwören und wie ferngesteuert herumlaufen. Sie wünschen einander so hohl und roboterhaft ein "Frohes Fest" oder "Glückliche Feiertage", als seien sie alle der Bundespräsident, oder irgendein Außerirdischer habe ihnen das Hirn herausgelutscht. Sie würden das sonst nie machen, sie könnten sich ja sonst auch viel öfter freundlich ansprechen, und die Tatsache, dass sie dazu von einer Kirche animiert werden müssen, die sie den Rest des Jahres ignorieren, ist umso deprimierender.

Weihnachten ist nicht deshalb so unerträglich, weil es ein Fest des kollektiven Vernunftversagens ist, was okay wäre, wenn sie das mit ihrem romantischen Putsch wirklich durchziehen wollten und das Leben durch das Blut und die Nacht und die Engel ganz neu und christlich-bekifft sehen würden - aber im Grunde wollen sie nur Stollen essen und sich streiten und ein wenig Musik hören, die übrigens ja auch ganz unerträglich ist, weil selbst der gute Bach, der doch sonst so klar und schön und durchscheinend komponiert, sein Himmelsgebimmel ausbreiten muss, wenn er uns zu Weihnachten ein Oratorium schenkt. Ich muss wohl, so privat, so zärtlich, so zerbrechlich, einfach "Das wohltemperierte Klavier" anhören, wie es der zerbrochene Glenn Gould gespielt hat, schnaufend und atmend und lebendig und gar nicht tot.

Weihnachten ist nicht deshalb so unerträglich, weil es den schönen, demokratischen Fluss der Zeit auf so eine unnötige Art stoppt, den Alltag attackiert und einen ganzen Monat beschädigt, der aufgefressen wird von lauter Sachen, die man mechanisch mitmachen soll, Weihnachtsfeiern und Plätzchenbacken und Weihnachtsmärkte, als gäbe es keine Individuen mehr, sondern nur noch Nussknacker - mit dem unerklärlichen und unerhörten Verschwinden der sieben Tage zwischen dem 24. und dem 31. Dezember erreicht diese künstliche Zeitverknappung dann einen absurden Höhepunkt, es ist der ultimative Eingriff in die Privatsphäre.

Weihnachten ist in diesem Jahr deshalb so speziell unerträglich, weil ich gerade Antonia Baums wütenden, unversöhnlichen, radikalen Roman "Vollkommen leblos, bestenfalls tot" lese und die Autorin darin mit Worten auf eine Welt wirft, der sie sich nur im Modus der Selbstverteidigung nähern kann - Literatur, daran erinnert man sich mal wieder, wenn man dieses Buch liest, dient ja gerade dazu, diese Differenz deutlich zu machen, zwischen mir und den anderen, zwischen der Lüge und der Wahrheit, zwischen den Menschen, die ihre Beschädigung mit Hobbys kurieren, und denen, die wirklich darunter leiden. Insofern ist die negative Kraft, die von Baums Roman ausgeht, die viel passendere Antwort auf das Unglück, in der Welt zu sein, als die positive Glühweinbeschnapstheit dieser Tage. Die wird dadurch leider noch mal unerträglich.

Weihnachten, das hätten wir also etabliert, ist das unmögliche Fest, das den Menschen in seiner grenzenlosen Willfährigkeit zeigt, all das zu tun, was von ihm erwartet wird, und das dann Glück zu nennen.

Deshalb lieben die Menschen Weihnachten so sehr.

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