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20. Mai 2011, 16:13 Uhr

S.P.O.N. - Der Kritiker

Deutschland, im Herbst des Lebens

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Die deutsche Gesellschaft wird immer älter - wir wissen das von den Demografen, wir kennen die Zahlen, wir kennen die Alterspyramide. Aber wer wirklich eine Ahnung davon bekommen will, was in der Seniorenrepublik Deutschland auf uns zukommt, sollte ins Theater gehen oder einen Bestseller lesen.

Die Deutschen altern. Auf der Straße, in den Heimen, zu Hause, betreut und unbetreut, sie altern traurig und glücklich, sie altern mehr als andere, weil alles hier schockartiger und schicksalsmäßiger passiert. Sie altern besonders viel im Fernsehen, sie altern in Büchern und auf der Bühne. Altern bringt einen in die Bestsellerliste und zum Bestentreffen der deutschsprachigen Theater nach Berlin.

Das Buch, das ich meine, heißt "Der alte König in seinem Exil", es stammt von Arno Geiger, erzählt die Geschichte seines an Alzheimer erkrankten Vaters, ist lange schon und aktuell auf Platz 4 der SPIEGEL-Liste und hat sich mittlerweile 260.000 Mal verkauft. Die Inszenierung heißt "Testament", sie lief gerade beim Theatertreffen, die bislang nicht so theatertreffige Gruppe She She Pop erzählt darin die Geschichte von King Lear, seinen Ängsten, seiner Schwäche, seinen Zumutungen am Beispiel der eigenen Väter. Was Buch und Inszenierung verbindet, ist die Abwesenheit von all dem, was deutsche Generationen seit dem Krieg in inniger Abneigung verbunden hat: ein ordentlicher Konflikt.

Damit konnte man ja im Grunde alles erklären. Den Krieg, das Unbehagen, die Talare, die laute Musik, die langen Haare, die prügelnden Polizisten, das Schweigen, das Brüllen, das Zurückschlagen, die Langeweile, die gute Laune, die schlechte Laune, die hässlichen Haarschnitte, die hässlichen Poster an der Wand, das Loch in der Hose. Konflikt war die Lieblingsvokabel eines durchpsychologisierten Landes, das froh war, alles, was einem unheimlich war, in Therapiedeutsch übersetzen zu können.

Gegenwart als Krankheit

Nichts davon bei Arno Geiger, der sich rührend um seinen Vater kümmert, die Krankheit nutzt, ihre alte Distanz zu überwinden und gleichzeitig auch noch der Gegenwart eines mitzugeben: Alzheimer, schreibt er, sei ein "Sinnbild für den Zustand unserer Gesellschaft". Der Überblick sei "verlorengegangen", das Wissen "nicht mehr überschaubar", "pausenlose Neuerungen erzeugen Orientierungsprobleme und Zukunftsängste. Von Alzheimer reden heißt, von der Krankheit des Jahrhunderts reden".

Was Unsinn ist, aber doch interessant, weil es zeigt, dass das Therapiedeutsch durch ein anderes Erklärungsschema ersetzt wurde: das Pathologiedeutsch - Gegenwart als Krankheit. Es erklärt auch Geigers Gefühle. "Angesichts dieser mir während der Jahre heraufdämmernden Erkenntnis", schreibt er, "lag es nahe, dass ich mich mit dem Vater mehr und mehr solidarisch fühlte." Mitleid aus Modernitätsverdruss.

Bei She She Pop liegt die Sache anders. Sie sind kein Landbub wie der Schriftsteller Arno Geiger, sie sind urbane gender-postgender Smarties, die sich so lange in den Loungehöhlen der poststrukturalistischen Theorie herumtrieben, bis sie vom wirklichen Leben überrascht wurden. Demografiedeutschland hat sie eingeholt, könnte man sagen, was ihrer Inszenierung, die, wie ich finde, die beste und bewegendste des Theatertreffens war, nichts von ihrer Wirkung nimmt. Interessant ist nur, dass auch sie sich in ein biologisches oder biologistisches Denken fügen, das sich in den letzten zehn Jahren durchgesetzt hat.

Wir fangen gerade erst an zu verstehen

Oder wann hat das genau angefangen, dass erwachsene Kinder lernten, darüber nachzudenken, wie es sein würde, ihre alten Eltern zu pflegen? Dass sie ganz selbstverständlich davon ausgingen, das sei ihre Aufgabe, weil sie ja die Kinder sind? Dass sie Freiheit und Autonomie gegen Biologie tauschten, ohne lange darüber nachzudenken?

War das, als alle plötzlich ganz ohne Probleme kirchlich heirateten, obwohl sie gar nicht gläubig waren, aber der Gottesdienst als Form ja so schön war, und das eigene Leben eben keine Form hatte? War das, als unsere Familienministerin für den Job besonders geeignet zu sein schien, weil sie sieben Kinder hatte? War das, als eine konsumistische Generation auf einmal merkte, dass sie nicht mehr jung ist und vom eigenen schlechten Gewissen überrascht wurde?

Und wo ist eigentlich der Individualismus hin, nicht der böse, kapitalistische, wie es das Klischee will, sondern der gute, den uns die Aufklärung geschickt hat? Warum war es so leicht, sich davon zu verabschieden? Warum ist so klar, dass die Biologie unser Leben beherrscht? Und was geht dabei noch mal genau verloren?

Die Deutschen altern. Wir fangen gerade erst an zu verstehen, was das bedeutet.

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