S.P.O.N. - Der Kritiker Die Deutschen, ein Volk an der Kette

Überall in der Welt werden Mauern gebaut, damit der ungerecht verteilte Wohlstand geschützt werden kann: Es sind autoritäre Zeiten, in denen wir leben. Und ausgerechnet ein Toter erzählt am eindringlichsten davon - der Theaterregisseur und Autor Einar Schleef.

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Sie bauen wieder Mauern, überall bauen sie Mauern, es ist geradezu eine Konjunktur des Mauerbaus, pünktlich zum 50. Jubiläum des deutschen Mauerbaus an diesem Samstag, von Nordafrika bis Mexiko, von Texas bis zum Westjordanland, Sicherheitsmauern, Reichtumsmauern, Armutsmauern, Kapitalismusmauern dieses Mal.

In England wünschten sie sich sicher, sie hätten Mauern, um den Wohlstand zu schützen und die Wut zu begrenzen. David Cameron stand dort vor Downing Street Nummer 10, er drohte denjenigen, denen er gerade das Geld für Jugendarbeit um 75 Prozent gekürzt hatte, mit "der vollen Härte des Gesetzes".

Es sind autoritäre Zeiten. Gut für die Mauern. Schlecht für die Menschen.

"Ich habe geträumt, ich schwimme. Aus Kellern, U-Bahn-Schächten, Klobecken kam Wasser geschossen. Jeder machte sich bereit. Hals über Kopf stieg es. Der Führer im Rundfunk erklärte, die Mauer halte."

Das ist Einar Schleef, Schriftsteller, Theaterregisseur, bisschen vergessenes Genie. Das ist unsere Mauer, unser Exportschlager, unser Mythos von 1989. Wir haben es geschafft, hieß es damals, wir haben sie eingerissen, die Mauer, wir haben das Symbol eines neuen, friedlichen, guten Deutschland, wir haben unser Anti-Auschwitz.

"Die Sonne nur ein roter Streifen. Hinten das Europacenter und der Mercedesstern. Jetzt ist es ganz dunkel. Der Mercedesstern leuchtet nur für mich."

Einar Schleef war einer der einsamsten und traurigsten und verzweifeltsten Menschen, die ich erlebt habe, er brauchte keine Mauer dazu und kein Ost-Berlin und keinen Alexanderplatz, er war auch traurig und einsam und verzweifelt in Wien oder in Kreuzberg. 1976 ging er in den Westen, die Mauer blieb bei ihm, er sah sie vor sich, wenn er durch Berlin ging, er sah sie in sich, wenn er die Augen schloss.

"Du kommst früh genug an die Kette"

"Wenn ich aus dem Haus geh, endet es an der Mauer. Da ist eine Beziehung, unbewußt, nur ein Wort, mich zu trösten, die Augen zukleben, weil ichs weiß, davor knie ich, steig das Gerüst hoch, über die Zementplatten gucken. In den Turm, wo die Jungs das Fernrohr anlegen. Zu ihnen gehören, den Wunsch hatte ich nie, trotzdem setze ich mich hin, versteh ihre Sprache. Jedes Wort schlägt in mich, reißt mich zurück, ich klammere mich fest, hier will ich hingehören. Bin ich zu Haus, hält es mich keine Minute, ich muß hier raus, irgendwohin, nur nicht hier bleiben. Wie viele Anläufe ich mache, nichts klärt sich in mir, ohnmächtig, wenn ich dieses Bollwerk ansehe, tief in mir. Fest verankert, jedesmal frage ich, warum, ich bin ihnen zugehörig, möchte nur mein sein. Das eben geht nicht, bei keiner Flucht, eingeordnet, erledigt, ich rüttle vergeblich. Laß dir Ruhe, Zeit, du kommst früh genug an die Kette, dir selber legst du sie um."

Diese Trauer ist das Schöne und Schockierende, das Schleefs Prosa prägt, so wie sie sich in den fünf Bänden seiner Tagebücher zeigt, diesem unbedachten Schatz deutscher Nachkriegsliteratur, oder in der Erzählung "Zigaretten" oder jetzt in dem genau richtigen Foto-Text-Band "Ich habe kein Deutschland gefunden", der im Elfenbein Verlag erschienen ist: Schleef als vergeblicher Visionär, als Seismograph unserer historischen, aber vor allem psychischen Verwerfungen.

Die Mauer, sagt Schleef, verlief nicht so sehr zwischen zwei deutschen Staaten, sie verlief zwischen Menschen, und sie verlief vor allem in den Menschen, das macht seine Beschreibung bitterer und komplizierter, als die ganze Sache einfach auf ein schurkenhaftes Regime zu schieben.

"So knurrt ein Volk in Wut, unmündig, müde und hungrig, an seiner Grenze zermahlt es sich und ist unfähig, sich zermahlen zu lassen. So müde ist es schon, unfähig, die Hände zu heben: Ich bin nicht schuld, ich habe nichts getan."

Schleef erzählt von Sehnsucht und Fremdgehen, von Abtreibungen, Mord und zerbrochenen Ehen, von Selbstmord und Eifersucht und Opportunismus, von ganz alltäglichem Hass auf sich selbst, der auch eine Folge dieses Monstrums war, weil die Menschen schwach waren und die Mauer stark.

Er verwandelte die Politik erst in Privates und dann in Sprache, und so liegen sie nun da, die Worte, nicht so schön und bunt anzuschauen wie die Reste jener Mauer, die längst zum Klischee geworden ist, sondern sperrig und wund und voller Schmerz.

"Deutschland ist weiß", schreibt Schleef, "keine Grenze", und ahnt doch, dass die Mauer bleiben wird, selbst wenn sie eingerissen ist.



insgesamt 131 Beiträge
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Nihil novi 12.08.2011
1. Richtig!
Zitat von sysopÜberall in der Welt werden Mauern gebaut, damit der ungerecht verteilte Wohlstand geschützt werden kann: Es sind autoritäre Zeiten, in denen wir leben. Und ausgerechnet ein Toter erzählt am eindringlichsten davon - der Theaterregisseur und Autor Einar Schleef. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,779734,00.html
Den hat leider niemand von den national konservativen Forendödel verstanden. Der Text war zu schwer.
meerrettich 12.08.2011
2. Wohlstand
Ja, ja, immer dieser ominöse "ungerecht verteilte Wohlstand". Denn was gerecht ist, das wissen nur Herr Diez und seine roten Brüder. Im Umverteilen des von anderen geschaffenen wohlstandes sind sie ganz groß.
leobronstein 12.08.2011
3. Richtig...
Ja, bei allem Hype um den 50. Jahrestag des Mauerbaues wird leider oft "vergessen", dass es auch anderswo Mauern gab und noch immer gibt. Siehe hier: http://dasdossier.de/magazin/wissen/geschichte/mauern-gestern-und-heute
Michael Giertz, 12.08.2011
4. Traurige Mauern
Zitat von sysopÜberall in der Welt werden Mauern gebaut, damit der ungerecht verteilte Wohlstand geschützt werden kann: Es sind autoritäre Zeiten, in denen wir leben. Und ausgerechnet ein Toter erzählt am eindringlichsten davon - der Theaterregisseur und Autor Einar Schleef. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,779734,00.html
"Die Mauer bleibt, selbst wenn sie eingerissen ist." Da hat er recht. Überall bauen wir Mauern, reale wie virtuelle, und da, wo welche eingerissen werden, bleiben sie doch in den Köpfen. Im Prinzip sind wir schon so eingemauert, dass jeder nur noch sich und vielleicht noch die nächsten Angehörigen sieht, aber der Rest ist ihm fremd. Klassenkampf? Eigentlich kämpft jeder mit sich und seinem Schicksal. Da hat Einar Schleef halt recht gehabt - und war wohl zu recht traurig.
WolfHai 12.08.2011
5. Danke für diese wirtschaftspolitisch relevante Dichtkunst
Die Sonne nur ein Streifen, das liegt klar an der unfairen Einkommensverteilung, ob der von 1989, der von 2011, der in der alten DDR oder auf dem Mond, egal: Die Einkommensverteilung ist und war immer unfair. "Aus Kellern, U-Bahn-Schächten, Klobecken kam Wasser geschossen", weil "Deutschland an der Kette" liegt: jaaa! Endlich mal wirtschaftspolitisch relevante Dichtkunst. Unbedingt an die Bundesbank faxen.
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