S.P.O.N. - Der Kritiker Europa darf nicht an der Tankfüllung scheitern

Viel Willkür, kaum Kontrolle: Die EU von Merkel und Sarkozy funktionierte bislang so ähnlich wie ein dubioser Autoverleih. Jetzt muss Schluss damit sein, Europa verdient eine zweite Chance - damit es gerechter, sozialer und demokratischer wird.

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Es war der Sommer unseres Misstrauens. Etwas hatte sich verändert, oder vielleicht war es doch schon immer anders gewesen, und wir hatten es nur nicht sehen wollen. Europa, wie es sich die Politiker ausgedacht hatten und wie wir es erlebt und geglaubt hatten, als Versprechen, als Möglichkeit, als Realität, Europa existierte nicht mehr.

Die Politiker hatten noch einmal ihre Chance, Merkel, Sarkozy, sonst waren ja eh alle still und haben sich weggeduckt, die Politiker hätten klar machen können, was Europa ist und was es sein soll. Aber das Europa, von dem sie sprachen, war nicht mehr als ein Bankenrettungsverein. Und so kam das Misstrauen wieder, das die Politik, das wir uns selbst ausgeredet hatten, all die Jahre, all die verlogenen, verblendeten Jahre.

Da stand ich also vor dem Schalter von Goldcar und versuchte der Frau von der Autovermietung zu erklären, dass ich das, was sie mir sagte, für Betrug hielt. "Sie müssen den ersten Tank kaufen und das Auto leer zurückbringen", sagte die Frau. "Wie soll ich das Auto denn leer zurückbringen, soll ich schieben?", fragte ich. "So machen wir das hier", sagte sie. "Niemand macht das so, in England, Frankreich oder den USA", sagte ich. "Aber das hier", sagte sie, "ist Portugal."

Als Bürger bin ich auf jeden Fall der Depp

Das ist Portugal. Nach diesem fatalen, verfehlten Sommer 2011 zündet so ein Satz ganz anders. Wenn das Portugal ist, dachte ich, heißt das also, dass ich einen Tank zu überhöhtem Preis kaufen muss, dass ich 700 Kilometer in einer Woche fahren muss, um den Tank leer zu kriegen, obwohl ich nur eine halbe Stunde vom Flughafen Faro entfernt wohne, dass ich auf jeden Fall der Depp bin und draufzahle, schon weil ich mir solche bescheuerten Gedanken machen muss?

Und damit war ich bei Europa, dem Euro und der Schuldenkrise. Dinge zu willkürlich festgelegten Preisen kaufen, keine Kontrolle und keinen Einfluss haben auf das, was geschieht, und sich dann anhören müssen: So ist das, es gibt leider keine Alternative? Brüssel funktioniert wie Goldcar.

Die Psychogeografie des Kontinents, das zeigte dieser Sommer, hat sich verändert und wird auf lange Zeit so bleiben, das ist das eigentlich Verwerfliche an der hilflosen Interessens- und Machtpolitik, mit der die Politiker nicht nur die Krise verschlimmert, sondern auch das Versprechen von Europa verspielt haben - ein Versprechen, auch das zeigte dieser Sommer, das eben nur recht schwer in Worte zu fassen ist.

Im Wesentlichen ging es immer um Quoten und Konzerne, um braungebrannte Rentner in Südspanien und betrunkene Raver in Kroatien. Aber Markt plus Demografie minus Demokratie ergibt eben keine funktionierende Einheit - es fehlte Europa immer das direkt gewählte Parlament, die Legitimation, die überwölbende Idee, die etwa Amerika ausmacht: Es ging immer nur, das ist die traurige Wahrheit, das erklärt auch die andauernde Panik, es ging immer nur ums Geld.

Die Geschichte bricht durch

Dass der Ursprung der EU etwas mit Frieden zu tun hat und mit der Freundschaft der Feinde Frankreich und Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, das reicht eben nicht auf dem Weg ins 21. Jahrhundert. Europa hat nie das Narrativ gefunden, das ihm fehlt. Und so bricht jetzt wieder die Geschichte durch, die doch eigentlich, das schienen die sauber abwaschbaren Sternchen in der blauen Europafahne zu sagen, für immer Vergangenheit sein sollte.

Da kommen die Griechen mit Geldforderungen aus dem Zweiten Weltkrieg und offenen Schuldrechnungen, da gibt es eine Umfrage, dass nur 18 Prozent der Deutschen privat für Griechenland zahlen würden, obwohl das niemand von ihnen fordert. Da kann man sich auch fragen, warum gerade die drei Staaten, die bis in die siebziger Jahre unter einer rechten Militärdiktatur lebten, Spanien, Portugal, Griechenland, so sehr in die Krise verwickelt sind: Hat das Misstrauen in den Staat hier auch damit zu tun, dass man denen kein Geld geben will, die bis vor 35 Jahren Steuern dafür verwendet haben, Folterern ihren Lebensunterhalt zu finanzieren?

Die Geschichte bricht jedenfalls durch, und vielleicht ist das gar nicht so schlecht. Vielleicht braucht Europa diese zweite Chance, damit es gerechter, solidarischer, demokratischer wird. Jahrzehntelang haben wir uns durchgemogelt, haben wir die Fehler gesehen und darauf gehofft, dass sich schon noch eine Bedeutung oder so etwas ergeben werde. Aber nichts war's.

Jetzt wäre es an der Zeit. Stopptaste. Schöner Kongress. Europa, fürchte ich, muss neu gegründet werden.



insgesamt 68 Beiträge
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Seite 1
inci 23.09.2011
1. oooo
Zitat von sysopViel Willkür, kaum Kontrolle: Die EU von Merkel und Sarkozy funktionierte*bislang so ähnlich wie ein dubioser Autoverleih. Jetzt muss Schluss damit sein, Europa verdient eine zweite Chance - damit es gerechter, sozialer und demokratischer wird. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,787968,00.html
die EU von merkel und sarkozy? ich wusste gar nicht, daß das ein privates projekt von den beiden war.......
albrechtstorz 23.09.2011
2. Jawohl
Zitat von sysopViel Willkür, kaum Kontrolle: Die EU von Merkel und Sarkozy funktionierte*bislang so ähnlich wie ein dubioser Autoverleih. Jetzt muss Schluss damit sein, Europa verdient eine zweite Chance - damit es gerechter, sozialer und demokratischer wird. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,787968,00.html
Entweder ein Europa das für die Europäer gestrickt wird - oder lieber keins. Auf keinen Fall ein Europa, das nur für Pöstchenbrüder und Großfinanz ausgepolstert wird. Vielleicht erweist sich ein vereinigtes Europa aber einfach als zu groß (und zu diversifiziert) für Demokratie? Auch das schöne Schlagwort "Friedenswerk" darf nicht für die Durchsetzung von Denkverboten mißbraucht werden.
exxtreme2 23.09.2011
3. f
Der erste Artikel von Georg Diez wo ich zustimmen kann. Ja, die EU ist eine Fehlkonstruktion. Ein Konstrukt der Eliten für Eliten. Dummerweise entgleitet den Eliten jetzt die Kontrolle über dieses Konstrukt.
Absurdistan-Veteran 23.09.2011
4. Neugründung
Das wäre schon mal ein Anfang. Man sehe sich nur mal die Debatten des Europaparlaments auf youtube an. Weimar pur. So kann das nicht weitergehen.
makromizer 23.09.2011
5. .
Nichts für ungut, aber ich habe die tiefgreifende Analogie zwischen dem Autoverleih und Europa beim besten Willen nicht verstanden. Schafft es jemand, diese so abstrakt wie Möglich auf den Punkt zu bringen?
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