S.P.O.N. - Der Kritiker Festspiele der Lächerlichkeit

Die Mächtigen und ihre Angst vor der Macht der anderen: Wenn man wie Angela Merkel nur Abnicker und Einknicker um sich gruppiert, darf man sich nicht wundern, wenn die ökonomische Krise zu einer politischen wird. Blick auf ein sich selbst zerlegendes System.

Man ist ja nur noch fassungslos. Es ist ein Schwirren im Kopf, ein Kribbeln in den Beinen, ein Staunen darüber, wie offen, wie nackt, wie brutal das alles vor uns liegt, die Mittelmäßigkeit dieser Menschen, die Kleinheit ihrer Gedanken, die Dummheit ihres Tuns. Merkt es denn keiner? Hinterher wissen es wieder alle, hinterher ist es Geschichte, hinterher ist das schlimme Ende bekannt.

Was ist da schon wieder alles passiert! Christian Wulff, eskortiert von seiner Frau Bettina, wie sie in Dubai City stehen, Pappfiguren in einer Pappstadt. Christian Lindner, wie er müde den Kopf senkt und nichts sagt, was irgendetwas bedeuten könnte, er war ja aber auch nur der Pappsekretär einer Papppartei.

Eigentlich wollte ich ja mal wieder über echte, schöne Kultur reden, ich wollte von der großartigen Schau von Maurizio Cattelan erzählen, der im New Yorker Guggenheim Museum so ziemlich alles, was er bislang gemacht hat, den knienden Hitler, Hunde, Esel, Kinder, Skelette, Pferde, den Papst, in der Mitte dieses Schneckenbaus aufgehängt hat, als würde es nichts wiegen, als sei alles federleicht, und der mal wieder gezeigt hat, wie frei, wie böse, wie lustig, wie klug, wie anders, fremd, unerklärlich die Gegenwartskunst sein kann.

Aber es geht nicht. Es geht einfach nicht. Wie hat der "Stern" in dieser Woche geschrieben? "Arbeit ist der neue Sex"? Quatsch: Politik ist der neue Sex, Wirtschaft ist der neue Sex, Demokratie ist der neue Sex, das System ist der neue Sex, das System, das zerfleddert und verludert, vor unseren Augen: Wir erleben gerade, wie sich unsere Wirklichkeit, jedenfalls das, was die Medien uns als solche präsentieren, in ihre Bestandteile zerlegt.

Es ist wie auf einem großen Narrenschiff. Es sind Festspiele der Lächerlichkeit. Die Vernunft ist außer Kraft gesetzt. Es tun sich Lücken auf und Abgründe, die im Grunde nur zu fassen sind durch die Macht des Romans. Und so wird doch wieder Kunst aus den Absurditätsexzessen der letzten Zeit.

Da kommt ein Juwelier- und Schrotthändler aus Osnabrück mit dem haribohaften Namen Egon Geerkens und hat diesen Mann am Wickel, und wenn man, nur so aus Interessen, nochmal beim Kollegen aus dem Politikressort nachfragt, was genau den Präsidenten eigentlich qualifiziert für sein Amt, außer die fleißige Arbeit damals und das Kopfnicken in der CDU-Niedersachsen, dann sagt der: Nichts.

Da reden alle wild durcheinander und sind sich einig, dass man ein NPD-Parteiverbot den Opfern schuldig ist, als ob das wirklich etwas ändern würde, und alle scheinen zu ignorieren, dass es nicht geht, dass es einfach nicht geht, es gibt schließlich ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, die V-Männer gibt es immer noch, es hat sich also nichts geändert. Gar nichts.

Knurrewahn ist heute das System

Da sind die Abgeordneten der Oppositionspartei "aus der Provinz zur Sitzung gereist, die Luft der Provinz hing an ihren Kleidern, sie brachten sie mit in den Saal, eine dumpfe Luft aus engen Kammern, in denen sie aber anscheinend abgekapselt hausten, denn auch sie vertraten nicht unmittelbar das Volk, dachten nicht mehr wie das Volk, auch sie waren - kleine, ganz kleine - Präzeptoren des Volkes, nicht gerade Lehrer, aber doch Respekts- oder Unrespektspersonen, vor denen die Leute das Maul hielten", so beschrieb Wolfgang Koeppen 1953 die dumme, kleine BRD in seinem Roman "Das Treibhaus".

Sie "brachten kein Echo der Straßen und Plätze, der Fabriken und der Hütten mit, sie waren es im Gegenteil, die auf Weisungen lauschten, auf Richtungszeichen von der Spitze, auf Befehle von Knurrewahn, sie förderten die Parteibürokratie der Zentrale und waren nichts als Außenposten dieser Bürokratie, und hier lag die Wurzel des Übels, sie würden zurück in die Provinzorte reisen und dort verkünden, Knurrewahn will, dass wir uns so oder so verhalten, Knurrewahn und die Partei wünschen, Knurrewahn und die Partei befehlen, statt dass es umgekehrt gewesen wäre, statt dass die Provinzboten zu Knurrewahn gesagt hätten, das Volk wünscht, das Volk will nicht, das Volk trägt dir auf, Knurrewahn, das Volk erwartet von dir, Knurrewahn - Nichts."

Knurrewahn war der SPD-Chef Kurt Schumacher damals, Knurrewahn ist heute das System, Knurrewahn ist aber vor allem Angela Merkel, die wie die Spinne da sitzt, in der Mitte eines Netzes, das es schafft, jeden Menschen mit Talent oder Charakter, so scheint es jedenfalls, aufzuhalten auf dem Weg in ein wichtiges Amt. Die Frage nach der Fahlheit und der Falschheit der Politiker hat mit dem Treibhaus Berlin-Mitte zu tun und auch mit dem Sog und den vom Internet-Speed überhitzten Diskussionen. Es hat aber auch etwas damit zu tun, dass Angela Merkel, wie so viele Mächtige, Menschen zu fürchten scheint, die ihr gefährlich werden könnten, die ihr auf Augenhöhe begegnen, die am Ende besser sind als sie - und so umgibt sie sich lieber mit Mittelmaß, das dann auch so agiert und reagiert wie Mittelmaß.

Das ist das Fazit dieser Woche: Mitten in dieser ökonomischen Krise, die ja auch eine politische ist und immer mehr eine politische werden wird, je stärker die Belastungen durch die Sparverordnungen auf die Demokratien drücken werden und die Legitimation derjenigen gefährden, die im Namen der repräsentativen Ordnung regieren, mitten in dieser politischen Krise also wird deutlich, dass uns Politiker fehlen.

Und so ist es auch nicht damit getan, dass man Neuwahlen fordert, wie es am Donnerstag der Kollege Augstein getan hat. Die Sache ist ja viel, viel schlimmer. Sie geht viel tiefer. Sie greift ins Menschliche über.

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