S.P.O.N. - Der Kritiker Heilige der Hippies und der Skateboard-Fahrer

Sie ist Filmregisseurin, Künstlerin, Schriftstellerin und die Muse der Slacker. In ihrem neuen Film "The Future" erzählt sie so unnachahmlich von der Welt, wie nur sie es kann. Hier sind 69 Gründe, Miranda July zu lieben.


Wenn ferne Forscher mal verstehen wollen, warum die Nullerjahre waren, wie sie waren, dann werden sie nicht drum herum kommen, sich einen Reim auf Miranda July zu machen: Filmregisseurin, Künstlerin, Schriftstellerin, Heilige der Hippies von 2007, in Cannes gefeiert, Muse der Slacker und der Skateboard-Fahrer. Ihre Kleider sind aus den fünfziger Jahren, ihre Naivität ist aus den siebziger Jahren, ihre Ratlosigkeit ist ganz von heute.

Jetzt kommt ihr zweiter Film endlich auch bei uns ins Kino, er heißt, ganz programmatisch: "The Future". Und erzählt natürlich nur vom Heute. Von der Welt vor der Wut oder dem Aufstand oder was sich da sonst gerade ankündigt und kommt oder nicht kommt. Weil Miranda July nun so passiv war und so sweet und selbstverliebt wie ihre Zeit, wurde sie von manchen Menschen richtiggehend gehasst. Hier sind nun aber: 69 Gründe, Miranda July doch zu lieben.

1. Weil sie den Alltag magisch macht.

2. Weil sie die Zeit anhalten kann.

3. Weil die Gegenwart tatsächlich still steht.

4. Weil niemand seine Position auf dem Sofa ändern will.

5. Weil das alles so schlimm ist.

6. Weil keiner von seinem Apple-Notebook aufschaut.

7. Weil ihr die Sinnlosigkeit ins Gesicht geschrieben steht.

8. Dieses Gesicht, das auf so eine zeitgemäß schöne Art verschreckt wirkt.

9. Weil sie Angst hat.

10. Weil viele Angst haben.

11. Weil sie dann nicht allein sind.

12. Davon erzählt auch ihr wunderbarer, wunderbarer Geschichtenband "Zehn Wahrheiten" (unbedingt kaufen!).

13. Sie hat Angst vor dem Leben.

14. Vor der Liebe.

15. Vor dem Klingeln an der Tür, dem Licht am Nachmittag, den Schatten der Bäume, dem blauen Himmel.

16. Sie ist bald 40.

17. Und hat noch kein Kind.

18. Sie hat keinen Plan.

19. Keine Zukunft.

20. Nur Gegenwart.

21. Jedenfalls die Miranda July in "The Future".

22. (Die "echte" Miranda July, wenn man sie auf einen Kaffee in Los Angeles trifft, wirkt auch nicht viel anders.)

23. Was also wird passieren?

24. Sie will aufmerksam sein für das, was kommt.

25. Und offen.

26. Für die kleinen Dinge.

27. Und die großen Wahrheiten.

28. Dafür baute sie zum Beispiel bei der Kunst-Biennale von Venedig einen Sockel, auf den man sein Kind stellen konnte und auf dem stand: "This is my little girl. She is brave and clever and funny. She will have none of the problems that I have. Her heart will never be broken. She will never be humiliated. Self-doubt will never devour her dreams."

29. Um den Menschen beizubringen, dass sie sich selbst mehr lieben sollen.

30. Trotz all des Elends und des Unglücks.

31. Andererseits, so schlimm ist es doch gar nicht.

32. Warum geht sie nicht mal raus in die Welt und tut etwas, tut wirklich etwas?

33. Ach ja, weil sie zu dieser Generation gehört, die alles anzweifelt und auf nichts eine Antwort weiß.

34. Weil Freiheit sich noch nie so verloren anfühlte.

35. Dabei könnte doch in der Verlorenheit eine Freiheit wohnen.

36. Auch davon erzählt "The Future".

37. Ein Film, der sogar manchmal lustig ist.

38. Auf eine unlustige Weise.

39. Weil die Tränen gerade woanders sind.

40. Weil das Leben gerade woanders ist.

41. Weil das Internet alles aufgesogen hat.

42. Dabei ist Abhängigkeit schön.

43. Körper sind auch schön.

44. Aber Narzissmus macht einsam.

45. Altruismus macht auch einsam.

46. Und Neurosen machen Menschen verrückt.

47. Nur teilweise allerdings die Menschen mit den Neurosen selbst.

48. Aber Erlösung droht überall.

49. Weil Day 1 immer morgen ist.

50. Und auch immer gerade vorbei.

51. Nicht vergessen: Alltag ist die Hölle.

52. Wenn die Zeit still steht.

53. Wir leben eben alle gegen unsere Natur.

54. Vor allem Katzen.

55. Habe ich schon gesagt, dass in "The Future" eine sprechende Katze eine wichtige Rolle spielt?

56. Naivität kann da eine Lebenshaltung sein.

57. Aber Sex ist auch keine Lösung.

58. Freundschaft schon eher.

59. Vielleicht.

60. Langeweile ist eine Option.

61. Wie sie da so total verloren in einem weißen Nachthemd steht, auf der Straße, am Morgen, bei dem neuen Mann, für den sie ihren schlaffen Freund verlassen hat, und vor dem gelben Stoff auf der Straße läuft sie dann rasch ins Haus zurück.

62. So ist das in Miranda-July-Country.

63. Die Zeit hat Löcher, durch die man fällt oder nicht.

64. Unklar ist und bleibt, was schlimmer ist, die Lüge oder die Wahrheit.

65. Aber ein bisschen Spiritualität kann auf keinen Fall schaden.

66. Weil am Ende doch noch die richtige Musik ertönt.

67. Weil die Katze zwar tot ist, das Leben aber weitergeht.

68. Weil Liebe immer Zukunft ist.

69. Darum sollte jeder jemanden lieben.



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
kphilipp 21.10.2011
1. Starke Frauen, naive Katzen
Die Gründe, Miranda July lieben zu müssen, klingen gut. Wir brauchen Frauen, die uns zeigen, dass Angst normal ist, dass Langeweile auch mal wichtig sein kann und dass Körper auch schön sind ( http://karinkoller.wordpress.com/about/ ). Bei Spiritualität, Naivität und dem sprechenden Kätzchen bin ich aber skeptisch geworden und habe weitergegoogelt. The Village Voice hat ähnliche Argumente und andere Schlüsse ( http://www.villagevoice.com/2011-07-27/film/in-the-future-miranda-july-grows-up/ ).
worttreue 22.10.2011
2. Gute Bücher
Jaaa, sie schreibt wirklich schöne Geschichten. Lesen - und darüber nachdenken: '10 Wahrheiten' von Miranda Juli.
taramon 25.10.2011
3. enttäuschend
der beitrag. Wofür das Aufgezähle von 69 Phrasen in einer Zeit in der es ziemlich konkret daher geht? M. J. mag ja nette Filme machen, the future hat klar enttäuscht und dass der Verfasser so drauf abfährt...naja. Melancholia hat da wesentlich mehr zu sagen.
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