S.P.O.N. - Der Kritiker Kultur der Opportunisten

Intellektueller Bandsalat, schlimmster Historismus: In einem Aufsatz für die Zeitschrift "Merkur" fordert der Schriftsteller und Jurist Bernhard Schlink, die Geschichte nicht mit den moralischen Maßstäben von heute zu bewerten. Aber womit, um Himmels willen, denn sonst!?

Der Erfolg von Bernhard Schlink ist eines der großen Rätsel des 20. Jahrhunderts. Dass er ein Schriftsteller ist, der nicht schreiben kann, ist erst einmal nur meine Meinung. Dass er ein Jurist ist, der nichts von Schuld wissen will, das kann jeder erkennen, der Schlinks Roman "Der Vorleser" gelesen hat oder den Aufsatz, den er gerade in der Monatszeitschrift "Merkur"  veröffentlichte.

Schon "Der Vorleser" war im Grunde kein Roman, sondern der Versuch, zwei Figuren so durch eine Geschichte zu bugsieren, dass am Ende herauskommt: Wir Deutschen haben vielleicht sechs Millionen Juden umgebracht, das heißt aber noch lange nicht, dass wir schlechte Menschen sind.

Denn alle Menschen sind ja schlecht. Oder alle Menschen sind schwach. Oder alle Menschen sind gut. Oder alle Menschen sind Menschen. Schlink mag diesen argumentativen Kreisverkehr. Er mag es, wenn die Begriffe sich so lange um sich selbst drehen, bis sie unscharf werden. So funktioniert seine Vernebelungsrhetorik, so baut er seine Entschuldigungslogik. Schlink bleibt eben als Schriftsteller immer Jurist.

Er hat sich dafür entschieden, die Vergangenheit zu verteidigen. "Geschichte lehrt keine Rezepte", schreibt er im "Merkur". "Sie lehrt, dass alles schon anders war und dass alles auch anders sein kann. Sie lehrt, am Anderssein der Vergangenheit einen Sinn für das zu entwickeln, was in der Gegenwart anders sein kann und in der Zukunft anders sein wird, und dafür, was in altem und neuem Gewand wiederkehrt. Sie lehrt das Leben mit Alternativen", schreibt er, "sie lädt dazu ein, die Welt verschieden zu interpretieren, sie utopisch neu zu entwerfen und sie zu verändern".

Was heißt das jetzt genau für den Juden im Ghetto?

Das ist intellektueller Bandsalat, schlimmster Historismus. Das Problem ist, dass sich Schlink mit diesen Sätzen nicht etwa auf die Schlacht von Salamis bezieht oder auf die Kanonade von Valmy, wo es tatsächlich mögliche alternative Ausgänge gab, sondern auf das Deutschland unter Hitler. Und was heißt es jetzt bitte genau für den Kommunisten im KZ, für den Juden im Ghetto, für den Soldaten an der Front, dieses "Leben in Alternativen"?

"Gewiss", doziert Professor Schlink weiter im "Merkur", der von einer mal wichtigen Zeitschrift zu einem Heft für bornierte oder semireaktionäre Denkerdarsteller geworden ist, "im Rückblick scheint es immer einen Moment zu geben, in dem couragiertes moralisches Verhalten vieler das Verhängnis verhindern kann. Aber wann ist der Moment? Und was, wenn nicht viele bereit sind, sondern nur wenige? Oder wenn man nicht weiß, ob auch andere bereit sind oder man allein bleibt?"

Ja was eigentlich? So ist das manchmal im Leben. Dafür hat man Prinzipien, Kriterien, Einstellungen, Haltungen. Man entscheidet sich. Oder man entscheidet sich nicht. Man steht auf. Oder man bleibt sitzen. Man kommt ins KZ. Oder wird nach dem Krieg Ministerpräsident. Das eine nennt man Widerstand. Das andere Feigheit.

Gut für die Toten

Es zwingt einen niemand, mutig zu sein. Es ist aber auch nicht alles so kompliziert, wie Schlink es darstellen will. Wenn er so tut, als habe man zwischen 1933 und 1945 nicht wissen können, was richtig und was falsch war, und das ist letztlich der relativistische Tenor seines Textes, dann ist das jedenfalls eine sehr schwache Position, um die "Kultur des Denunziatorischen", wie er das nennt, zu kritisieren.

Wovor er warnt: Die Gegenwart erhebt sich über die Vergangenheit, meint er, und die Lebenden erheben sich über die Toten. Das war auch schon das Grundmotiv im "Vorleser": Die sexy Hanna wurde da angeklagt, weil sie während der Nazi-Zeit Häftlinge in eine Kirche gesperrt haben soll, in der sie dann verbrannten. "Auch das Gericht konnte nicht Rechenschaft von mir fordern", sagt sie am Ende ihres Lebens. "Aber die Toten können es. Sie verstehen."

Gut für die Toten, kann man da nur sagen.

Man soll, sagt Schlink, die Geschichte nicht mit den moralischen Maßstäben von heute beurteilen. Als ob Mord nicht immer Mord ist, Lüge immer Lüge, Verrat immer Verrat. Aber Schlinks Denken passt eben sehr gut in ein Land, das sich wieder gut mit sich fühlt. Sein Werk könnte die Überschrift tragen: Kultur des Opportunismus.

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