S.P.O.N. - Der Kritiker Macht die Bühne frei für die Wahrheit

Warum kapselt sich das deutsche Theater derzeit von der Wirklichkeit ab? Vor gar nicht langer Zeit war es ein Ort, der Energie ausstrahlte und Sex-Appeal hatte. Das könnte wieder so sein: Die Macher sollten den Job der Politiker übernehmen und den Menschen ein paar Wahrheiten sagen.

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Wann hat sich eigentlich das Theater von der Gegenwart verabschiedet? Es war ja mal der Ort, an dem man über all das nachdenken konnte, was uns beschäftigt: Schönheit und Verfall, Lüge, Liebe, Alltag, das Elend des Einzelnen und die Krankheit des Sozialen. Geblieben davon sind: ein paar erfolgreiche Karrieren und eine ganze Menge Kann-man-so-machen-kann-man-aber-auch-lassen.

Erster Einwand aus dem Parkett: Das sind doch alles Verallgemeinerungen! Antwort aus den oberen Rängen: Verallgemeinerungen sind gut, die Meditation über hundert verschiedene Schattierungen von Grau sind das Ende jeden Urteils.

Es geht dabei gar nicht so sehr um diese oder jene Inszenierung (obwohl es bemerkenswert ist, dass gerade Karin Beiers Jelinek-Verballerung "Das Werk" zur "Inszenierung des Jahres" gewählt wurde, wo doch nur gezeigt wurde, wie ratlos hier eine Regisseurin mit allen möglichen Mitteln auf einen Text wirft, ohne irgendwas zu treffen). Es geht nicht um ästhetische Kriterien, weil über die im Theater eh auf dem Niveau von 1951 diskutiert wird (oder warum haben sich erwachsene Menschen mit ja doch begrenzter Lebenszeit in den letzten Jahren plötzlich wieder über so ein übriggebliebenes Wort wie "Regietheater" gestritten?). Es geht um das Theater als sozialen Ort.

Das war es ja zum Beispiel in den neunziger Jahren bis etwa ins Jahr 2003, 2004 hinein. Das Theater hatte eine gute Energie, eine gewisse smarte Sexyness, man musste schon hingehen, um nichts zu verpassen und um zu verstehen, was so gedacht wurde. Da gab es Pop und Verdrossenheit, Melancholie und Wahn, da wurden Intelligenz und Sinnlichkeit auf eine Art und Weise greifbar, wie es heute nur manchmal noch in der Kunstszene zu finden ist.

Rückzug in die selbstverschuldete Unmündigkeit

Zweiter Einwand aus dem Off: Was kann ich denn dafür, dass ich erst 1987 geboren wurde? Gar nichts. Es ist einerseits klar, dass jede Generation unmittelbar zu Gott ist, andererseits kommen gesellschaftliche Veränderungen und kulturelle Formen eben manchmal auf merkwürdige Art zur Deckung.

Die Erschöpfungsexzesse von Christoph Marthaler passten in eine Zeit der heißlaufenden Ökonomie, die düsteren Dekonstruktionen von Frank Castorf waren das Pendant zur neudeutschen Glückseligkeit, René Pollesch ließ seine Schauspieler allerlei linke Theorie brüllen und Christoph Schlingensief packte erst das Megaphon aus und steckte dann Ausländer in einen Container. Die Richtung war klar: Gesellschaft als Performance.

Aber was ist dann passiert? Das Theater zog sich in die selbstverschuldete Unmündigkeit zurück, es fühlte sich auf einmal wieder so alt an, wie es war, die Mittel blieben die gleichen, die Energie war weg, es wurde munter weiter dekonstruiert, als ob es noch eine Wirklichkeit gebe, die es zu dekonstruieren gelte - wo es doch eher darum gehen sollte, so etwas wie Wirklichkeit in ihren Brüchen und Widersprüchen, in ihren Irrwegen und Fiktionen zu rekonstruieren.

Dritter Einwand aus dem Oberseminar: Denken hilft! Ja, genau, Denken ist das, wofür das Theater da ist, es ist geradezu einer der letzten Orte des öffentlichen Denkens, das sollte der Stolz und das Selbstverständnis des Theaters sein, soziales Labor mit dem einen oder anderen Strindberg, Schiller oder Shakespeare dazwischen.

Mir ist unverständlich, warum sich das Theater so abkapselt. Warum die Öffnung, die in den neunziger Jahren begonnen wurde, nicht weitergetrieben wurde: in Richtung Bildende Kunst, in Richtung Musik, in Richtung Gespräch. Wo sonst können, theoretisch, so viele verschiedene Wirklichkeiten aufeinanderprallen wie im Theater? Tatsächlich gibt es so viel zu klären, wo die Politik es vorläufig aufgegeben hat, mit den Menschen wie mit Erwachsenen zu reden, denen man auch mal die Wahrheit sagen kann. Es kann doch heute nicht mehr darum gehen, einen mehr oder weniger gewitzten "Faust" zu inszenieren?!

Letzter Einwand aus der Theaterkantine: Jetzt lass doch mal, es gibt doch noch das HAU in Berlin oder das Ballhaus Naunynstraße, wir fangen die neue Spielzeit gerade erst an, warte mal ab, was da so kommt! Yup, sage ich, ich werde es versuchen und öfter wieder hingehen. Aber ihr müsst mich echt zurückgewinnen.



insgesamt 23 Beiträge
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Pyr 02.09.2011
1. Jaja, die Wahrheit
Ich persönlich halte ja nicht viel davon, irgendwelche verkürzten Wahrheiten à la "die da oben (=böse), wir hier unten (=gut)" in die Menge zu schleudern. Weder von der Kanzel - noch von der Bühne. Vielleicht ist die Wahrheit, dass sie sich nicht einfach in ein 90 minütiges Stück irgendeines Freidenkers pressen lässt? Ich bin allerdings dafür, dass das Theater gerne eigene Standpunkte vertreten kann, soll und vielleicht manchmal auch muss. Nur sollte man mit der Auszeichnung "Wahrheit" dabei vorsichtig sein. Popper undso.
Revisionist 02.09.2011
2. Welche Wahrheiten
sind denn gefragt? Marthaler, Castorf und Co. haben sich längst auf sich selbst aufs Altenteil zurückgezogen, der "Nachwuchs" produziert "Egozentrik" pur; solange noch Gelder fließen mag das alles gehen. Und ja da wären noch HAU in Berlin oder das Ballhaus Naunynstraße; zwei Klitschen die außerhalb der eigentlichen Öffentlichkeit als Selbstbefriedigungs-Szene um sich selbst kreisen und das Feuilleton bedienen. Ansonsten leben wir in einem Land, in dem von der Politik und den zentral (ob nun öffentlich-rechtlich, oder Medienkonzerne) gesteuerten Medien ununterbrochen Lügen verbreitet werden. Was soll Theater noch enthüllen, wenn sich beispielsweise die Kriegspropaganda derzeit offensichtlich selbst so entlarvt, das sich die Macher nicht mehr bemühen dies zu verbergen sondern dabei grinsen. Das alles ist mehrheitsfähig und wird hingenommen. Warum sollen da ausgerechnet die Theaterleute auf die Barrikaden gehen und vor leeren Zuschauerräumen einen aussichtslosen Kampf gegen die allgemeine Verblödung führen? Für die Mehrheit der Schauspieler ist der ganz persönliche Kampf gegen HartzIV die eigentliche Wirklichkeit.
this.charming.man 02.09.2011
3. ...
Das Theater ums Theater. Das sind die Probleme des Bildungsbürgers im Elfenbeinturm. Kein Wort über die wie selbstverständlich hingenommenen Subventionen für den Kulturbetieb, damit ein paar verstiegene Szenegänger etwas zu diskutieren haben jenseits jeder gesellschaftlichen Relevanz. Die groteske Ernsthaftigkeit, mit der gerade Theaterschaffende ihre Kunst zu interpretieren und verteidigen pflegen, steht ja oft im diametralen Gegensatz zum provokant gemeinten Herumgebrülle und Blutgespritze auf den Bühnen. Dabei ist es so radikal und subversiv wie ein Auftritt von Marilyn Manson - im Grunde ziemlich kindisch, für den Insider aber eine ganz große Leistung. Dann vielleicht doch lieber die millionste Inszenierung des "Faust"? Lieber nicht. Wirklich öffentlichkeitswirksam werden diese Hochkulturtreibenden doch immer nur dann, wenn die Kürzung öffentlicher Gelder droht. Dann erfährt man, wie wichtig es ist, Theater oder Opernhäuser zu erhalten, die meist nur kläglich gefüllte Ränge bespielen. Diese Probleme möchte ich haben...
rundkundschafter 02.09.2011
4. hier ein Angebot
für zwingendes aktuelles Theater: http://www.schaubuehne.de/de_DE/program/detail/9530752
Spiegelberg 02.09.2011
5. Das ewig gleiche Gejammer
Zitat von this.charming.manDas Theater ums Theater. Das sind die Probleme des Bildungsbürgers im Elfenbeinturm. Kein Wort über die wie selbstverständlich hingenommenen Subventionen für den Kulturbetieb, damit ein paar verstiegene Szenegänger etwas zu diskutieren haben jenseits jeder gesellschaftlichen Relevanz. Die groteske Ernsthaftigkeit, mit der gerade Theaterschaffende ihre Kunst zu interpretieren und verteidigen pflegen, steht ja oft im diametralen Gegensatz zum provokant gemeinten Herumgebrülle und Blutgespritze auf den Bühnen. Dabei ist es so radikal und subversiv wie ein Auftritt von Marilyn Manson - im Grunde ziemlich kindisch, für den Insider aber eine ganz große Leistung. Dann vielleicht doch lieber die millionste Inszenierung des "Faust"? Lieber nicht. Wirklich öffentlichkeitswirksam werden diese Hochkulturtreibenden doch immer nur dann, wenn die Kürzung öffentlicher Gelder droht. Dann erfährt man, wie wichtig es ist, Theater oder Opernhäuser zu erhalten, die meist nur kläglich gefüllte Ränge bespielen. Diese Probleme möchte ich haben...
Na vielen Dank Herr Diez! Ihr komplett allgemein gehaltenes Gejammer über die angeblich unpolitische deutsche Theaterlandschaft, ruft natürlich wieder die ewig gleichen Schnarchnasen auf den Plan die für die Abschaffung der Theatersubventionen plädiert.Angeblich sind die Ränge ja nur schwach gefüllt..... Diesen Blödsinn muss man sich nun wieder anhören. Ein Bärendienst.
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